Veröffentlicht von Manuelmagiera am 22.09.2026
Hörig, Teil18
„Den Kontakt sollten wir unbedingt aufrechterhalten und intensivieren. Wann trifft sich die Selbsthilfegruppe?“, fragte Tom, während wir die Autobahn entlangfuhren.
„Die treffen sich einmal im Monat freitags um 19 Uhr in einer Gaststätte am Fleet. Das würde doch gut passen. Wir könnten nach dem Termin bei Frau Andresen dorthin fahren und bis halb 9 Uhr bleiben. Danach geht’s in den Club. Das Umziehen und schminken geht schnell.“
Tom nickte. „Ja, das kannst du so planen. Ich komme am nächsten Freitag kurz mit rauf und frage die Ärztin, ob sie mich dabei haben kann, weil wir den Weg mit ihr absprechen müssen. Sie wird uns begleiten. Wenn es sich ergibt, werde ich Uwe auf die Sache ansprechen. Im Augenblick passiert körperlich bei dir eh nichts. Wir müssen unseren Kinderwunsch planen und ich denke, du solltest erst mal zuhause in Hosen und Jungsmanier auftreten, damit sich das Dorf und vor allem die Familie an dich gewöhnen können. Sagen werden wir noch nichts. Mutter kannst du auch mit kurzen Haaren werden und wie lange du während der Schwangerschaft bei Uwe arbeiten kannst, müssen wir auch mit Frau Andresen besprechen. Es wäre schön, wenn wir uns noch etwas Geld zurücklegen könnten. Nicht nur wegen des Autos, sondern auch für die OP. Ich halte die All in One Methode in dieser Privatklinik für gut.“
„Das sehe ich genauso, meine Brust ist nicht groß. Das können sie gleich mitoperieren. Aber ich will unser Baby stillen, das bedeutet, dass ich auch die vorgeschaltete Hormonbehandlung erst frühestens ein halbes Jahr nach der Geburt beginnen kann. Es sind also noch ein paar Jahre Zeit für die Operation. Wichtig sind mir jetzt die regelmäßigen Gespräche bei Frau Andresen und der Erstkontakt zur Selbsthilfegruppe. Die nächsten Wochen und Monate arbeite ich bei Uwe, damit wir sparen können. Die Pille setze ich nächsten Monat ab. Es dauert etwas, bis der Zyklus wieder normal ist und dann warten wir einfach. Im Dienst und zuhause laufe ich in Männerkleidung herum, du kannst mich scherzhaft schon mit Jan ansprechen, damit sich die Familie daran gewöhnen kann. Sie werden keinen Verdacht schöpfen, vor allem nicht, wenn ich plötzlich schwanger bin. Danach erklären wir uns und sehen, was passiert.“
Wir fuhren inzwischen die Bundesstraße entlang und bogen nun in unsere Dorfstraße ein. Ein paar Minuten später schloss Tom die Garage auf, ich stieg aus und nahm unser Gepäck aus dem Kofferraum.
Der Bewegungsmelder auf unserem Hof tauchte diesen in helles Licht. Ich hörte, wie die Hintertür aufgeschlossen wurde. Vater und Mutter standen in der Einfahrt um uns zu begrüßen.
„Na, ihr Reeperbahnbummler, ist alles in Ordnung?“, fragte meine Mutter routinemäßig und nahm mich in den Arm. Vater gesellte sich dazu. Mutter sah mich an, tat so, als riebe sie sich die Augen und erschien etwas entgeistert.
„Was ist mit deinen Haaren, Kind?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Was soll sein? Ich war beim Friseur.“
Sie trat einen Meter zurück und musterte mich mit irritiertem Blick.
„Du kannst deiner blinden toten Großmutter etwas vor machen, aber ich bin deine Mutter und irgendetwas ist bei euch nicht geheuer! Heinz, sag du auch endlich mal was!“ Vater schüttelte sich wie immer, wenn er von meiner Mutter unter Druck gesetzt wurde. Es kam selten vor, dass sie ihn ernsthaft um seine Meinung fragte.
„Sieht eigentlich nicht schlecht aus. Das muss sie doch selbst wissen. Wenn es Tom gefällt!“ Ein leichtes Brummeln zeigte an, wie unsicher er sich fühlte. Meine Mutter machte es ihm nicht leicht, immer die richtige ihr angenehme Antwort zu geben.
Tom hatte das Auto abgestellt, schloss die Garage und gab seiner Schwiegermutter einen Kuss. Er schlug Vater freundschaftlich auf die Schulter. „Morgen Abend trinken wir ein Bier zusammen, Heinz. Du hast völlig Recht. Gitti macht ihr eigenes Ding. Manchmal denke ich, ich bin gar nicht mit einer richtigen Frau zusammen. Aber wir haben uns entschlossen, euch erstmal zu Oma und Opa zu machen. Was sagt ihr dazu?“
Meine Mutter stieß einen Freudenschrei aus.
„Oh, ist es schon soweit? Bist du schwanger, meine Süße? Wenn das bei euren Hamburger Touren herausgekommen ist, dürft ihr sofort wieder hinfahren. Ich freue mich wahnsinnig.“
Ich lachte auf. Tom hatte die Situation hervorragend im Griff.
„Nein, Mama. Ich muss erst zur Frauenärztin und die Pille absetzen. Dann dauert es sicher noch ein paar Monate. Ihr könnt uns aber schon die Daumen drücken. Und jetzt möchte ich ins Bett. Wir müssen morgen früh aufstehen. Schlaft gut.“
Ich hatte meine Mutter selten so glücklich gesehen. Sie wünschte sich nichts Sehnlicheres als ein Enkelkind. Noch war sie fit genug, den Kinderwagen zu schieben und sich an der Betreuung zu beteiligen. Es war die richtige Entscheidung für uns gewesen, es jetzt mit dem Nachwuchs anzugehen.
Tom raunte mir noch ein paar Schweinereien ins Ohr als wir im Bett lagen, aber er schlief schnell ein. Am Morgen hatte uns der Alltag wieder.
Ich ging nach Dienstschluss ins Bekleidungsgeschäft und kaufte ungeniert Männerunterwäsche, Hemden und Hosen in meiner Größe. Breite Brustgürtel zum Abbinden des Busens hatte ich mir bereits bestellt. Nun, während der Schwangerschaft würde ich sie nicht nutzen können und ich hatte in wohlweislicher Vorahnung auch ein neue paar Hemden für Tom gekauft. In den nächsten Tagen begann ich unseren Wäscheschrank aufzuräumen. Einiges von Tom, das mir in der Schwangerschaft passen könnte, wurde in ein gesondertes Fach gehängt. Meine bisherige sehr weibliche Kleidung kam an die Seite, wo sie nicht störte. Einen Teil steckte ich in Tüten für die Tonne des Roten Kreuzes. Als ich nach der Aktion meinen Schrank öffnete, blickte ich zufrieden auf Hosen und Hemden.
Tom schaffte es nicht ganz, seiner Verschwiegenheit treu zu bleiben. Er verquatschte sich ein paarmal und lief bei meiner Mutter damit offene Türen ein. Sie erinnerte sich recht schnell an meine Kindheit.
Am Donnerstagabend fing sie mich auf der Einfahrt ab, als ich von der Arbeit kam.
„Können wir uns mal unterhalten?“ Ihr Ton klang merkwürdig. Ich wusste, dass ein Nein meinerseits zwecklos war.
„Natürlich, Mama. Wollen wir in die Küche gehen?“ Dort angekommen wurde sofort die Kaffeemaschine angeworfen.
„Ich habe nachgedacht. Als du klein warst, wolltest du immer ein Junge sein. Hat das etwas mit deiner neuen Verwandlung zu tun?“
Bingo, wenn meine Mutter etwas konnte, dann direkt sein. Ich fühlte mich in einer Zwickmühle. Was war jetzt richtig? Egal, die Situation erforderte die Wahrheit. Ich erzählte ihr von den Gesprächen bei Frau Andresen und dem Spaß am Hafen mit der Serviererin als neuer Tante.
Nur die besondere Arbeit bei Uwe verschwieg ich geflissentlich. Sie schöpfte anscheinend auch keinen Verdacht. Gott sei Dank. Meine Mutter war zwar mit allen Wassern gewaschen, aber sie musste Herztabletten nehmen. Zuviel durfte ich ihr nicht zumuten.
„Dann willst du jetzt ein Baby und danach wirst du ein Mann? Kind, ich habe dir schon viel zugetraut und ich bin bei dir wirklich Kummer gewöhnt. Aber das haut mich jetzt von den Socken. Seid ihr beide eigentlich von allen guten Geistern verlassen oder soll ich euch gleich zusammen in die Klapsmühle einweisen lassen? Dass Tom so einen Wahnsinn mitmacht, hätte ich nie gedacht!“
„Nein, Mama. Aber wenn ich nichts mache, werde ich mein Kind nicht mehr erwachsen werden sehen.“
Sie starrte mich an. Ich merkte wie ihr Gehirn ratterte. Irgendwie schien sie den Ernst der Lage zu begreifen.
„Kann ich mich mit deiner Ärztin unterhalten?“
Ich nickte, nahm ihre Hand und drückte sie fest.
„Ja, Mama, ich nehme morgen Tom mit hinein und werde mit ihr alles besprechen. Wir müssen uns Zeit lassen. Transidentität ist nichts für das man sich schämen muss. Wir wollen auch eine Selbsthilfegruppe in Hamburg besuchen, Leute kennen lernen, denen es genauso geht. Woher diese Art Geschlechtsidentitätsstörung kommt, weiß niemand so richtig. Auch Frau Andresen konnte mir keine Auskunft geben. Man muss es einfach hinnehmen, wie es ist. Aber ich bin froh, dass wir es gesagt haben. So könnt ihr euch darauf einstellen und wir werden auch mit Schwiegermutter und den Geschwistern reden. Niemand muss sich Vorwürfe machen. Wir werden euch alle einbinden.“
Ich lehnte mich zufrieden zurück. Die Kaffeemaschine war durchgelaufen, das verschaffte mir etwas Aktionismus. Mutter schloss die Augen, sagte ein paar Minuten gar nichts.
„Gut, wir werden euch unterstützen. Ich muss mir Gedanken darüber machen, wie ich es Vater beibringe. Du weißt, wie konservativ er denkt. Das wird ein hartes Stück Arbeit.“
Wir unterhielten uns über die Gestaltung des Kinderzimmers. Ich konnte meine Mutter mit dem Kauf von Babyutensilien gerade noch zurückhalten. Im nächsten Monat hatte ich einen Termin bei meiner Frauenärztin. Sie musste das Absetzen der Pille entscheiden.
Am Freitagmittag packten wir alles für das Wochenende ein und verabschiedeten uns von meinen Eltern. Mein Vater hatte die Neuigkeiten interessanterweise recht gut aufgenommen. Ihn konnte auch so leicht nichts erschüttern. Er hatte mir einiges über seine Kriegserlebnisse erzählt und gemeint, wer das überstanden hat, den kann so leicht nichts aus der Bahn werfen.
Wir kamen gut voran. Ich erzählte Tom von meinem Gespräch mit Mutter. Er lachte ein paarmal auf. Inzwischen wusste er, wie er mit ihr umzugehen hatte.
In der Nähe der Praxis von Frau Andresen gab es ein Parkhaus. Tom nahm mich in den Arm, als wir zu ihr gingen. Ich trug männliche Kleidung und war als Frau nicht mehr zu erkennen.
„Hallo, Frau Krüger. Und Sie sind Herr Krüger, nehme ich mal an?“
Sie gab uns beiden die Hand und bat uns herein.
„Frau Dr. Andresen, ich möchte mich erst einmal entschuldigen, dass ich Sie hier so überfalle. Aber bei uns überschlagen sich grad die Ereignisse und wir brauchen ihre Hilfe.“
„Das sehe ich. Stellen Sie ihre Frau besser als Sohn oder Neffen vor, damit die Leute nichts Falsches von Ihnen denken.“
Sie wies mit der Hand auf die Sitzecke. Tom lächelte gequält.
„Ja, im Augenblick verändert sich meine Beziehung rasant. Meine Frau wird zu Jan und wenn ich noch etwas von ihr haben will, sexuell, meine ich, muss ich auf dem Strich für sie bezahlen.“
Frau Andresen begann zu lachen, fasste sich dann aber schnell.
„Seien Sie doch froh, Herr Krüger, auf diese Weise können Sie wenigstens noch beides miteinander verbinden. Ich nehme an, Sie fahren gleich nach der Sitzung in die Bar?“
Ich nickte.
„Ja, ich muss noch etwas Geld für meine Operation verdienen, bevor mich die Schwangerschaft ausbremst. Mein Mann und ich haben uns entschlossen, erst unseren Kinderwunsch zu realisieren. Ich habe in zwei Wochen einen Termin bei meiner Frauenärztin.“
„Müssen Sie die Pille absetzen?“ Ich nickte abermals.
„Vergessen Sie nicht, dass Sie keinen Schutz mehr haben, wenn Sie auf dem Kiez arbeiten. Sie müssen dann noch stärker auf Kondome achten, als Sie das jetzt bereits tun.“
Das war mir bewusst. Aber wir hatten sehr gutes Material in allen Größen, das uns von Emilia zur Verfügung gestellt wurde.
Wir erzählten von meinen Eltern und ich bat sie um einen Termin für meine Mutter.
„Das ist kein Problem, aber müssen Sie da nicht Farbe bekennen? Wenn Ihre Eltern Sie nach Hamburg begleiten, werden Sie Ihre Freunde kennen lernen wollen. Und vielleicht wollen Ihre Eltern auch einen Reeperbahnbummel machen?“
Uff, ich sackte in mir zusammen. Meine Güte, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Was geschah, wenn meine Eltern über unsere Straße liefen und ich stand gerade als Nutte vor der Tür? Und wir konnten Tom und Emilia schlecht als unsere Freunde vorstellen. Irgendetwas mussten wir uns einfallen lassen.
Tom atmete ebenfalls tief aus.
„Das wird ein Problem.“
Frau Andresen schmunzelte vielsagend.
„Nun, haben Ihre Eltern einen Computer?“
Ich bejahte. Wir hatten den beiden einen zu Weihnachten geschenkt und Vater kannte sich inzwischen schon recht gut aus. Mutter regelte ihre Arzttermine online und surfte auch bereits mit wachsender Begeisterung durch die Kaufhäuser.
Allerdings schrieb sie sich die Preise heraus und ging danach zum Einkaufen bei uns in die Stadt. Wenn sie gefunden hatte, was sie suchte, begann sie sich mit der Verkäuferin zu streiten, hielt ihr den Preis aus dem Internet unter die Nase und meinte, dort wäre es billiger. Manchmal hatte sie Glück und erhielt tatsächlich einen Nachlass.
„Stellen Sie Zoom ein. Ich werde mich in einer online Sprechstunde bei ihr melden. Geben Sie mir mal die Telefonnummer, dann rufe ich Ihre Mutter vorher an. So braucht niemand lange Autofahrten in Kauf nehmen und wir bringen Sie etwas aus der Gefahrenzone. Ich denke, Ihren Nebenerwerb sollten Sie für sich behalten.“
Tom antwortete für mich.
„Vielen, vielen Dank, Frau Andresen. Ich liege zwar des Öfteren mit meiner Schwiegermutter im Clinch, aber belügen möchte ich sie auch nicht. Ich denke, dass sie bei Ihnen in guten Händen ist. Sie nimmt Herztabletten und wir wollen ihr unnötige Aufregung ersparen. Unsere Kiezkontakte sind unser Privatvergnügen, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Das war geklärt. Wir vereinbarten den nächsten Termin. Tom durfte mich jeder Zeit begleiten, wenn er Fragen hatte.
Ich sprach sie noch auf die Selbsthilfegruppe an, deren Daten mir Christian gab.
„Das ist eine sehr gute Idee. Viele sind Patienten bei mir. So können Sie sich austauschen, finden Leidensgenossen und informieren sich über alles, was bei einem Geschlechtswechsel zu beachten ist. Es wird ja gottlob bei Ihnen auch etwas ruhiger angehen, da Sie vorher erst Ihr Baby bekommen werden. Ich bin sehr gespannt, wann es geklappt hat. Das wird für Sie ohnehin eine Herausforderung. Aber ich glaube, wenn Sie erst leidgeprüfte junge Eltern sind, ist der nächste Teil kein Problem mehr!“
Wir verabschiedeten uns herzlich. Tom legte zärtlich den Arm um meine Schultern.
„So, kleiner Neffe, jetzt gibt der Onkel Tom noch einen Kakao und ein Stück Erdbeerkuchen für dich aus, denn ich muss dringend einen Kaffee trinken. Und danach besuchen wir Onkel Uwe und Tante Emilia und du darfst deine Nuttenklamotten anziehen und für den Onkel auf den Strich gehen. Wie gefällt dir das?“
„Ich sollte mir eine Penishose anziehen und als Stricher auftreten. Ob ich wohl von Freiern nachgefragt werde?“ Ich zwinkerte mit den Augen.
In der Tat hatte ich bereits im Internet die entsprechenden Seiten von homosexuellen Männern angeclickt und mir mit wachsender Erregung die verschiedenen Sexabenteuer angeschaut. Der Gedanke in männlicher Verkleidung auf bestimmten Straßenabschnitten zu stehen machte mich heiß und löste ein unbändiges Verlangen nach etwas aus, das ich mir vor meinem Comingout noch nicht einmal im Traum hatte vorstellen können.
Tom musste wohl auch erst einmal schlucken.
„Du, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Das wäre für dich natürlich eine Möglichkeit zu schauen, wie du dich als Mann fühlst. Allerdings wird es sicher einige Fragen aufwerfen. Du gehst dann als Transmann anschaffen.“
Wir waren in meinem Café angekommen, ich suchte einen abseits gelegenen Platz und ließ Tom die Bestellung aufgeben. So wie ich aussah, konnte ich wirklich keinen Kaffee trinken. Das würde die Gäste und auch die Verkäuferin irritieren. Tom kam wenig später mit dem Tablett.
Etwas neidisch sog ich den Duft des Bohnenkaffees in mich auf. Aber der Kakao mit Schlagsahne schmeckte auch sehr gut.
Tom sah mich an.
„Du gehst heute ganz normal in die Bar und machst deinen Job. Ich werde Uwe unterrichten. Er ist sehr offen für alles Menschliche. Für ihn zählt eigentlich nur die Kohle. Es wird natürlich schwierig entsprechende Freier zu finden und für dich bedeutet das, keinen Vaginalsex, sondern die andere Seite, du verstehst, was ich meine?“
Ich wusste es. Ich hatte mir nicht nur die Filme im Netz angesehen, sondern auch einige schmale Plugs gekauft und vorsichtig zu Hause mit Gleitmittel versucht, mich an der prekären Stelle etwas zu dehnen. Ganz so glücklich war ich dabei nicht gewesen. Ich kam schlicht nicht gut heran.
„Das weiß ich und ich habe entsprechende Hilfsmittel ausprobiert, allerdings mit mäßigem Erfolg.“
„Das ist klar, du brauchst eine zweite Person dazu, während du auf dem Bauch liegst und deinen Hintern hochstreckst. Ich denke, das heben wir uns für die nächste Woche zu Hause auf. Ich werde deine Analdehnung und deine Ausbildung zum Stricher übernehmen. Schließlich muss ich ja irgendwann mit meinem kleinen Freund dort rein. Mach dir keine Sorgen, das kriegen wir hin. Du wirst vielleicht eher das Geschlecht wechseln, als du denkst. Die Torte schmeckt lecker. Das Café war eine gute Wahl.“
Whow, ich konnte nur noch staunen. Da hatte mein Tom bereits den Ernst der Situation erkannt und für sich selbst genutzt. Wenn er stand, im wahrsten Sinne des Wortes, hieß das, er war bi. Ich hätte ihn am liebsten abgeknutscht, hielt mich aber in letzter Sekunde wegen meines wenig erwachsenen Erscheinungsbildes zurück.
„Vielen Dank, Onkel Tom, für den tollen Kuchen. Fahren wir jetzt zum Dom?“
Tom lachte und stellte unser leeres Geschirr wieder auf das Tablett zurück.
„Da können wir morgen Nachmittag mal hin. Für heute Abend geht es für dich zu Bett. Tante Emilia hat bestimmt schon etwas Kuscheliges für dich vorbereitet!“
Mir fing unser Spiel wirklich langsam an zu gefallen. Niemand von den übrigen Gästen ahnte nur im Entferntesten über was wir sprachen.
Eine halbe Stunde später bezogen wir unser Kiezhotel. An der Anmeldung stand ein uns unbekannter Rezeptionist. Er musste um die fünfzig sein und atmete schwer, als ich neben Tom vor dem Tresen stand. Wir brachten nur unser Gepäck nach oben. Ich hatte mein Hurenoutfit komplett im Umkleideraum bei Uwe eingeschlossen und ging wie ich war, mit Tom auf die Reeperbahn. Der Mann sah uns nach. Ich spürte seinen begierigen Blick auf meinem Hinterteil ruhen. Ob er mich in männlicher Rolle begehrte?“
Tom hatte für uns unterschrieben. Das Zimmer war auf seinen Namen gebucht.
Er schob mich durch die Menschenmenge in die Seitengasse, die auf unseren Hinterhof führte. Am Eingang trafen wir Emilia. Sie starrte mich an.
„Isabelle, Süße, ich bin beeindruckt. Seit wann hast du dir die Haare schneiden lassen und wo ist dein Busen?“
Tom nahm sie in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Das erkläre ich euch später, Emilia. Isabelle geht sofort runter und macht sich hübsch. Hast du schon eine Aufgabe für sie?“
Emilia schmunzelte. „Nein, bleib in der Bar. Ich bin gespannt, was uns dein Mann zu erzählen hat.“
„Die treffen sich einmal im Monat freitags um 19 Uhr in einer Gaststätte am Fleet. Das würde doch gut passen. Wir könnten nach dem Termin bei Frau Andresen dorthin fahren und bis halb 9 Uhr bleiben. Danach geht’s in den Club. Das Umziehen und schminken geht schnell.“
Tom nickte. „Ja, das kannst du so planen. Ich komme am nächsten Freitag kurz mit rauf und frage die Ärztin, ob sie mich dabei haben kann, weil wir den Weg mit ihr absprechen müssen. Sie wird uns begleiten. Wenn es sich ergibt, werde ich Uwe auf die Sache ansprechen. Im Augenblick passiert körperlich bei dir eh nichts. Wir müssen unseren Kinderwunsch planen und ich denke, du solltest erst mal zuhause in Hosen und Jungsmanier auftreten, damit sich das Dorf und vor allem die Familie an dich gewöhnen können. Sagen werden wir noch nichts. Mutter kannst du auch mit kurzen Haaren werden und wie lange du während der Schwangerschaft bei Uwe arbeiten kannst, müssen wir auch mit Frau Andresen besprechen. Es wäre schön, wenn wir uns noch etwas Geld zurücklegen könnten. Nicht nur wegen des Autos, sondern auch für die OP. Ich halte die All in One Methode in dieser Privatklinik für gut.“
„Das sehe ich genauso, meine Brust ist nicht groß. Das können sie gleich mitoperieren. Aber ich will unser Baby stillen, das bedeutet, dass ich auch die vorgeschaltete Hormonbehandlung erst frühestens ein halbes Jahr nach der Geburt beginnen kann. Es sind also noch ein paar Jahre Zeit für die Operation. Wichtig sind mir jetzt die regelmäßigen Gespräche bei Frau Andresen und der Erstkontakt zur Selbsthilfegruppe. Die nächsten Wochen und Monate arbeite ich bei Uwe, damit wir sparen können. Die Pille setze ich nächsten Monat ab. Es dauert etwas, bis der Zyklus wieder normal ist und dann warten wir einfach. Im Dienst und zuhause laufe ich in Männerkleidung herum, du kannst mich scherzhaft schon mit Jan ansprechen, damit sich die Familie daran gewöhnen kann. Sie werden keinen Verdacht schöpfen, vor allem nicht, wenn ich plötzlich schwanger bin. Danach erklären wir uns und sehen, was passiert.“
Wir fuhren inzwischen die Bundesstraße entlang und bogen nun in unsere Dorfstraße ein. Ein paar Minuten später schloss Tom die Garage auf, ich stieg aus und nahm unser Gepäck aus dem Kofferraum.
Der Bewegungsmelder auf unserem Hof tauchte diesen in helles Licht. Ich hörte, wie die Hintertür aufgeschlossen wurde. Vater und Mutter standen in der Einfahrt um uns zu begrüßen.
„Na, ihr Reeperbahnbummler, ist alles in Ordnung?“, fragte meine Mutter routinemäßig und nahm mich in den Arm. Vater gesellte sich dazu. Mutter sah mich an, tat so, als riebe sie sich die Augen und erschien etwas entgeistert.
„Was ist mit deinen Haaren, Kind?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Was soll sein? Ich war beim Friseur.“
Sie trat einen Meter zurück und musterte mich mit irritiertem Blick.
„Du kannst deiner blinden toten Großmutter etwas vor machen, aber ich bin deine Mutter und irgendetwas ist bei euch nicht geheuer! Heinz, sag du auch endlich mal was!“ Vater schüttelte sich wie immer, wenn er von meiner Mutter unter Druck gesetzt wurde. Es kam selten vor, dass sie ihn ernsthaft um seine Meinung fragte.
„Sieht eigentlich nicht schlecht aus. Das muss sie doch selbst wissen. Wenn es Tom gefällt!“ Ein leichtes Brummeln zeigte an, wie unsicher er sich fühlte. Meine Mutter machte es ihm nicht leicht, immer die richtige ihr angenehme Antwort zu geben.
Tom hatte das Auto abgestellt, schloss die Garage und gab seiner Schwiegermutter einen Kuss. Er schlug Vater freundschaftlich auf die Schulter. „Morgen Abend trinken wir ein Bier zusammen, Heinz. Du hast völlig Recht. Gitti macht ihr eigenes Ding. Manchmal denke ich, ich bin gar nicht mit einer richtigen Frau zusammen. Aber wir haben uns entschlossen, euch erstmal zu Oma und Opa zu machen. Was sagt ihr dazu?“
Meine Mutter stieß einen Freudenschrei aus.
„Oh, ist es schon soweit? Bist du schwanger, meine Süße? Wenn das bei euren Hamburger Touren herausgekommen ist, dürft ihr sofort wieder hinfahren. Ich freue mich wahnsinnig.“
Ich lachte auf. Tom hatte die Situation hervorragend im Griff.
„Nein, Mama. Ich muss erst zur Frauenärztin und die Pille absetzen. Dann dauert es sicher noch ein paar Monate. Ihr könnt uns aber schon die Daumen drücken. Und jetzt möchte ich ins Bett. Wir müssen morgen früh aufstehen. Schlaft gut.“
Ich hatte meine Mutter selten so glücklich gesehen. Sie wünschte sich nichts Sehnlicheres als ein Enkelkind. Noch war sie fit genug, den Kinderwagen zu schieben und sich an der Betreuung zu beteiligen. Es war die richtige Entscheidung für uns gewesen, es jetzt mit dem Nachwuchs anzugehen.
Tom raunte mir noch ein paar Schweinereien ins Ohr als wir im Bett lagen, aber er schlief schnell ein. Am Morgen hatte uns der Alltag wieder.
Ich ging nach Dienstschluss ins Bekleidungsgeschäft und kaufte ungeniert Männerunterwäsche, Hemden und Hosen in meiner Größe. Breite Brustgürtel zum Abbinden des Busens hatte ich mir bereits bestellt. Nun, während der Schwangerschaft würde ich sie nicht nutzen können und ich hatte in wohlweislicher Vorahnung auch ein neue paar Hemden für Tom gekauft. In den nächsten Tagen begann ich unseren Wäscheschrank aufzuräumen. Einiges von Tom, das mir in der Schwangerschaft passen könnte, wurde in ein gesondertes Fach gehängt. Meine bisherige sehr weibliche Kleidung kam an die Seite, wo sie nicht störte. Einen Teil steckte ich in Tüten für die Tonne des Roten Kreuzes. Als ich nach der Aktion meinen Schrank öffnete, blickte ich zufrieden auf Hosen und Hemden.
Tom schaffte es nicht ganz, seiner Verschwiegenheit treu zu bleiben. Er verquatschte sich ein paarmal und lief bei meiner Mutter damit offene Türen ein. Sie erinnerte sich recht schnell an meine Kindheit.
Am Donnerstagabend fing sie mich auf der Einfahrt ab, als ich von der Arbeit kam.
„Können wir uns mal unterhalten?“ Ihr Ton klang merkwürdig. Ich wusste, dass ein Nein meinerseits zwecklos war.
„Natürlich, Mama. Wollen wir in die Küche gehen?“ Dort angekommen wurde sofort die Kaffeemaschine angeworfen.
„Ich habe nachgedacht. Als du klein warst, wolltest du immer ein Junge sein. Hat das etwas mit deiner neuen Verwandlung zu tun?“
Bingo, wenn meine Mutter etwas konnte, dann direkt sein. Ich fühlte mich in einer Zwickmühle. Was war jetzt richtig? Egal, die Situation erforderte die Wahrheit. Ich erzählte ihr von den Gesprächen bei Frau Andresen und dem Spaß am Hafen mit der Serviererin als neuer Tante.
Nur die besondere Arbeit bei Uwe verschwieg ich geflissentlich. Sie schöpfte anscheinend auch keinen Verdacht. Gott sei Dank. Meine Mutter war zwar mit allen Wassern gewaschen, aber sie musste Herztabletten nehmen. Zuviel durfte ich ihr nicht zumuten.
„Dann willst du jetzt ein Baby und danach wirst du ein Mann? Kind, ich habe dir schon viel zugetraut und ich bin bei dir wirklich Kummer gewöhnt. Aber das haut mich jetzt von den Socken. Seid ihr beide eigentlich von allen guten Geistern verlassen oder soll ich euch gleich zusammen in die Klapsmühle einweisen lassen? Dass Tom so einen Wahnsinn mitmacht, hätte ich nie gedacht!“
„Nein, Mama. Aber wenn ich nichts mache, werde ich mein Kind nicht mehr erwachsen werden sehen.“
Sie starrte mich an. Ich merkte wie ihr Gehirn ratterte. Irgendwie schien sie den Ernst der Lage zu begreifen.
„Kann ich mich mit deiner Ärztin unterhalten?“
Ich nickte, nahm ihre Hand und drückte sie fest.
„Ja, Mama, ich nehme morgen Tom mit hinein und werde mit ihr alles besprechen. Wir müssen uns Zeit lassen. Transidentität ist nichts für das man sich schämen muss. Wir wollen auch eine Selbsthilfegruppe in Hamburg besuchen, Leute kennen lernen, denen es genauso geht. Woher diese Art Geschlechtsidentitätsstörung kommt, weiß niemand so richtig. Auch Frau Andresen konnte mir keine Auskunft geben. Man muss es einfach hinnehmen, wie es ist. Aber ich bin froh, dass wir es gesagt haben. So könnt ihr euch darauf einstellen und wir werden auch mit Schwiegermutter und den Geschwistern reden. Niemand muss sich Vorwürfe machen. Wir werden euch alle einbinden.“
Ich lehnte mich zufrieden zurück. Die Kaffeemaschine war durchgelaufen, das verschaffte mir etwas Aktionismus. Mutter schloss die Augen, sagte ein paar Minuten gar nichts.
„Gut, wir werden euch unterstützen. Ich muss mir Gedanken darüber machen, wie ich es Vater beibringe. Du weißt, wie konservativ er denkt. Das wird ein hartes Stück Arbeit.“
Wir unterhielten uns über die Gestaltung des Kinderzimmers. Ich konnte meine Mutter mit dem Kauf von Babyutensilien gerade noch zurückhalten. Im nächsten Monat hatte ich einen Termin bei meiner Frauenärztin. Sie musste das Absetzen der Pille entscheiden.
Am Freitagmittag packten wir alles für das Wochenende ein und verabschiedeten uns von meinen Eltern. Mein Vater hatte die Neuigkeiten interessanterweise recht gut aufgenommen. Ihn konnte auch so leicht nichts erschüttern. Er hatte mir einiges über seine Kriegserlebnisse erzählt und gemeint, wer das überstanden hat, den kann so leicht nichts aus der Bahn werfen.
Wir kamen gut voran. Ich erzählte Tom von meinem Gespräch mit Mutter. Er lachte ein paarmal auf. Inzwischen wusste er, wie er mit ihr umzugehen hatte.
In der Nähe der Praxis von Frau Andresen gab es ein Parkhaus. Tom nahm mich in den Arm, als wir zu ihr gingen. Ich trug männliche Kleidung und war als Frau nicht mehr zu erkennen.
„Hallo, Frau Krüger. Und Sie sind Herr Krüger, nehme ich mal an?“
Sie gab uns beiden die Hand und bat uns herein.
„Frau Dr. Andresen, ich möchte mich erst einmal entschuldigen, dass ich Sie hier so überfalle. Aber bei uns überschlagen sich grad die Ereignisse und wir brauchen ihre Hilfe.“
„Das sehe ich. Stellen Sie ihre Frau besser als Sohn oder Neffen vor, damit die Leute nichts Falsches von Ihnen denken.“
Sie wies mit der Hand auf die Sitzecke. Tom lächelte gequält.
„Ja, im Augenblick verändert sich meine Beziehung rasant. Meine Frau wird zu Jan und wenn ich noch etwas von ihr haben will, sexuell, meine ich, muss ich auf dem Strich für sie bezahlen.“
Frau Andresen begann zu lachen, fasste sich dann aber schnell.
„Seien Sie doch froh, Herr Krüger, auf diese Weise können Sie wenigstens noch beides miteinander verbinden. Ich nehme an, Sie fahren gleich nach der Sitzung in die Bar?“
Ich nickte.
„Ja, ich muss noch etwas Geld für meine Operation verdienen, bevor mich die Schwangerschaft ausbremst. Mein Mann und ich haben uns entschlossen, erst unseren Kinderwunsch zu realisieren. Ich habe in zwei Wochen einen Termin bei meiner Frauenärztin.“
„Müssen Sie die Pille absetzen?“ Ich nickte abermals.
„Vergessen Sie nicht, dass Sie keinen Schutz mehr haben, wenn Sie auf dem Kiez arbeiten. Sie müssen dann noch stärker auf Kondome achten, als Sie das jetzt bereits tun.“
Das war mir bewusst. Aber wir hatten sehr gutes Material in allen Größen, das uns von Emilia zur Verfügung gestellt wurde.
Wir erzählten von meinen Eltern und ich bat sie um einen Termin für meine Mutter.
„Das ist kein Problem, aber müssen Sie da nicht Farbe bekennen? Wenn Ihre Eltern Sie nach Hamburg begleiten, werden Sie Ihre Freunde kennen lernen wollen. Und vielleicht wollen Ihre Eltern auch einen Reeperbahnbummel machen?“
Uff, ich sackte in mir zusammen. Meine Güte, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Was geschah, wenn meine Eltern über unsere Straße liefen und ich stand gerade als Nutte vor der Tür? Und wir konnten Tom und Emilia schlecht als unsere Freunde vorstellen. Irgendetwas mussten wir uns einfallen lassen.
Tom atmete ebenfalls tief aus.
„Das wird ein Problem.“
Frau Andresen schmunzelte vielsagend.
„Nun, haben Ihre Eltern einen Computer?“
Ich bejahte. Wir hatten den beiden einen zu Weihnachten geschenkt und Vater kannte sich inzwischen schon recht gut aus. Mutter regelte ihre Arzttermine online und surfte auch bereits mit wachsender Begeisterung durch die Kaufhäuser.
Allerdings schrieb sie sich die Preise heraus und ging danach zum Einkaufen bei uns in die Stadt. Wenn sie gefunden hatte, was sie suchte, begann sie sich mit der Verkäuferin zu streiten, hielt ihr den Preis aus dem Internet unter die Nase und meinte, dort wäre es billiger. Manchmal hatte sie Glück und erhielt tatsächlich einen Nachlass.
„Stellen Sie Zoom ein. Ich werde mich in einer online Sprechstunde bei ihr melden. Geben Sie mir mal die Telefonnummer, dann rufe ich Ihre Mutter vorher an. So braucht niemand lange Autofahrten in Kauf nehmen und wir bringen Sie etwas aus der Gefahrenzone. Ich denke, Ihren Nebenerwerb sollten Sie für sich behalten.“
Tom antwortete für mich.
„Vielen, vielen Dank, Frau Andresen. Ich liege zwar des Öfteren mit meiner Schwiegermutter im Clinch, aber belügen möchte ich sie auch nicht. Ich denke, dass sie bei Ihnen in guten Händen ist. Sie nimmt Herztabletten und wir wollen ihr unnötige Aufregung ersparen. Unsere Kiezkontakte sind unser Privatvergnügen, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Das war geklärt. Wir vereinbarten den nächsten Termin. Tom durfte mich jeder Zeit begleiten, wenn er Fragen hatte.
Ich sprach sie noch auf die Selbsthilfegruppe an, deren Daten mir Christian gab.
„Das ist eine sehr gute Idee. Viele sind Patienten bei mir. So können Sie sich austauschen, finden Leidensgenossen und informieren sich über alles, was bei einem Geschlechtswechsel zu beachten ist. Es wird ja gottlob bei Ihnen auch etwas ruhiger angehen, da Sie vorher erst Ihr Baby bekommen werden. Ich bin sehr gespannt, wann es geklappt hat. Das wird für Sie ohnehin eine Herausforderung. Aber ich glaube, wenn Sie erst leidgeprüfte junge Eltern sind, ist der nächste Teil kein Problem mehr!“
Wir verabschiedeten uns herzlich. Tom legte zärtlich den Arm um meine Schultern.
„So, kleiner Neffe, jetzt gibt der Onkel Tom noch einen Kakao und ein Stück Erdbeerkuchen für dich aus, denn ich muss dringend einen Kaffee trinken. Und danach besuchen wir Onkel Uwe und Tante Emilia und du darfst deine Nuttenklamotten anziehen und für den Onkel auf den Strich gehen. Wie gefällt dir das?“
„Ich sollte mir eine Penishose anziehen und als Stricher auftreten. Ob ich wohl von Freiern nachgefragt werde?“ Ich zwinkerte mit den Augen.
In der Tat hatte ich bereits im Internet die entsprechenden Seiten von homosexuellen Männern angeclickt und mir mit wachsender Erregung die verschiedenen Sexabenteuer angeschaut. Der Gedanke in männlicher Verkleidung auf bestimmten Straßenabschnitten zu stehen machte mich heiß und löste ein unbändiges Verlangen nach etwas aus, das ich mir vor meinem Comingout noch nicht einmal im Traum hatte vorstellen können.
Tom musste wohl auch erst einmal schlucken.
„Du, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Das wäre für dich natürlich eine Möglichkeit zu schauen, wie du dich als Mann fühlst. Allerdings wird es sicher einige Fragen aufwerfen. Du gehst dann als Transmann anschaffen.“
Wir waren in meinem Café angekommen, ich suchte einen abseits gelegenen Platz und ließ Tom die Bestellung aufgeben. So wie ich aussah, konnte ich wirklich keinen Kaffee trinken. Das würde die Gäste und auch die Verkäuferin irritieren. Tom kam wenig später mit dem Tablett.
Etwas neidisch sog ich den Duft des Bohnenkaffees in mich auf. Aber der Kakao mit Schlagsahne schmeckte auch sehr gut.
Tom sah mich an.
„Du gehst heute ganz normal in die Bar und machst deinen Job. Ich werde Uwe unterrichten. Er ist sehr offen für alles Menschliche. Für ihn zählt eigentlich nur die Kohle. Es wird natürlich schwierig entsprechende Freier zu finden und für dich bedeutet das, keinen Vaginalsex, sondern die andere Seite, du verstehst, was ich meine?“
Ich wusste es. Ich hatte mir nicht nur die Filme im Netz angesehen, sondern auch einige schmale Plugs gekauft und vorsichtig zu Hause mit Gleitmittel versucht, mich an der prekären Stelle etwas zu dehnen. Ganz so glücklich war ich dabei nicht gewesen. Ich kam schlicht nicht gut heran.
„Das weiß ich und ich habe entsprechende Hilfsmittel ausprobiert, allerdings mit mäßigem Erfolg.“
„Das ist klar, du brauchst eine zweite Person dazu, während du auf dem Bauch liegst und deinen Hintern hochstreckst. Ich denke, das heben wir uns für die nächste Woche zu Hause auf. Ich werde deine Analdehnung und deine Ausbildung zum Stricher übernehmen. Schließlich muss ich ja irgendwann mit meinem kleinen Freund dort rein. Mach dir keine Sorgen, das kriegen wir hin. Du wirst vielleicht eher das Geschlecht wechseln, als du denkst. Die Torte schmeckt lecker. Das Café war eine gute Wahl.“
Whow, ich konnte nur noch staunen. Da hatte mein Tom bereits den Ernst der Situation erkannt und für sich selbst genutzt. Wenn er stand, im wahrsten Sinne des Wortes, hieß das, er war bi. Ich hätte ihn am liebsten abgeknutscht, hielt mich aber in letzter Sekunde wegen meines wenig erwachsenen Erscheinungsbildes zurück.
„Vielen Dank, Onkel Tom, für den tollen Kuchen. Fahren wir jetzt zum Dom?“
Tom lachte und stellte unser leeres Geschirr wieder auf das Tablett zurück.
„Da können wir morgen Nachmittag mal hin. Für heute Abend geht es für dich zu Bett. Tante Emilia hat bestimmt schon etwas Kuscheliges für dich vorbereitet!“
Mir fing unser Spiel wirklich langsam an zu gefallen. Niemand von den übrigen Gästen ahnte nur im Entferntesten über was wir sprachen.
Eine halbe Stunde später bezogen wir unser Kiezhotel. An der Anmeldung stand ein uns unbekannter Rezeptionist. Er musste um die fünfzig sein und atmete schwer, als ich neben Tom vor dem Tresen stand. Wir brachten nur unser Gepäck nach oben. Ich hatte mein Hurenoutfit komplett im Umkleideraum bei Uwe eingeschlossen und ging wie ich war, mit Tom auf die Reeperbahn. Der Mann sah uns nach. Ich spürte seinen begierigen Blick auf meinem Hinterteil ruhen. Ob er mich in männlicher Rolle begehrte?“
Tom hatte für uns unterschrieben. Das Zimmer war auf seinen Namen gebucht.
Er schob mich durch die Menschenmenge in die Seitengasse, die auf unseren Hinterhof führte. Am Eingang trafen wir Emilia. Sie starrte mich an.
„Isabelle, Süße, ich bin beeindruckt. Seit wann hast du dir die Haare schneiden lassen und wo ist dein Busen?“
Tom nahm sie in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Das erkläre ich euch später, Emilia. Isabelle geht sofort runter und macht sich hübsch. Hast du schon eine Aufgabe für sie?“
Emilia schmunzelte. „Nein, bleib in der Bar. Ich bin gespannt, was uns dein Mann zu erzählen hat.“
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