Veröffentlicht von Manuelmagiera am 19.05.2026
Hörig Teil 9 und Teil 10
Die kommende Woche zog sich langweilig hin. Am Arbeitsplatz lief einiges bei der Datenverarbeitung schief, so dass ich etliche Überstunden machen musste. Gleichzeitig kam ich dadurch soweit ins Plus, dass ich am Freitagmittag bereits um halb zwölf Uhr Feierabend haben konnte. Das Schönste war der Rückruf von Frau Dr. Andresen. In ihr hatte ich endlich eine Psychotherapeutin gefunden, die sich mit Transgenderproblemen auskannte. Eine Patientin hatte ihren Worten nach abgesagt, ich durfte am Freitag um 16 Uhr kommen. Ich überlegte die ganze Woche, ob ich Tom schon etwas erzählen sollte. Er spürte, dass etwas mit mir nicht stimmte, zog aber die falschen Schlüsse, wie sich herausstellte. Es war Donnerstagnachmittag um 17 Uhr. Ich saß auf dem Sofa und blickte gedankenverloren aus dem Fenster, als mein Mann herein kam und sich zu mir setzte.
„Schatz, da ist etwas mit dir. Das sehe ich dir an der Nasenspitze an. Geht es dir nicht gut? Bist du müde vom Job? Oder liegt es an Morgen? Wenn du nicht willst, rufe ich Uwe an und wir bleiben zu Hause!“
Überrascht sah ich in seine blauen frechen Jungenaugen. Er hatte es irgendwie geschafft, sich seine Unbekümmertheit an einigen Stellen zu erhalten und strahlte eine spitzbübische Frische aus. Seine Augen gehörten dazu. Körperlich sollte er sich wirklich bei Uwe im Fitnessstudio anmelden. Den kleinen Bauchansatz konnte er nicht mehr unsichtbar machen. Aber was er eben sagte, das war so lieb, einfach nur lieb. Ich brauchte also kein Geld verdienen, er würde auf das neue Auto verzichten, und das nur für mich! Welche Frau würde da nicht überglücklich die Arme um ihren Liebsten schlingen und ihn mit der ganzen Kraft ihres Herzens küssen?
Ich gehörte zu der Sorte Frau, (wenn ich denn überhaupt eine war), die das zu schätzen wusste. Natürlich küsste ich meinen Tom innig.
„Liebling, ich liebe dich. Aber ich würde es nie übers Herz bringen, dir die Freude am neuen Auto zu nehmen. Natürlich arbeite ich am Freitagabend. Ich habe ja selbst Spaß daran. Das ist es nicht. Ich habe ein Problem und ich bin unsicher, wie du darauf reagieren wirst. Es ist etwas, von dem du nicht wissen kannst.“ Er war mein Fels in der Brandung. Eine unerschütterliche Sicherheit ging von ihm aus, als sich seine Arme um mich legten. Voll Vertrauen schmiegte ich mich an seine kräftige Brust.
„Liebes, der Pfarrer hatte gesagt in guten und in schlechten Tagen, weißt du noch? Du sahst so süß aus, in deinem weißen Hochzeitskleid. Ich werde immer zu dir halten, sogar wenn du plötzlich ein Mann sein wolltest, hihi!“
Er verschluckte sich fast, so lustig fand er seinen Einfall. Meine Augen schauten ernst und bestätigten ihn. Sein Lachen erstarb. Da lag Irritation und Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit und gleichzeitiges Erstaunen in seinem Gesicht.
„Tom, ich trug zwar dieses weiße Kleid, aber ich hätte lieber mit dir getauscht und den schwarzen Anzug angehabt. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Transidentität noch etwas Verwerfliches war. Ich glaube, ich bin noch nie eine richtige Frau gewesen. Ich wollte immer männlich sein, aber ich konnte die Realität nicht ausblenden. Ob ich wirklich Trans bin, muss ein Arzt feststellen. Ich habe morgen Nachmittag um 16 Uhr einen Termin in Altona bei einer Ärztin, die sich mit dem Problem auskennt. Du hast doch Shiva gesehen, die Tänzerin bei Uwe im Lokal? Sie ist Mann zu Frau Trans, genau wie ihre Freundin. Ich habe mich ihnen geoutet und Shiva gab mir die Telefonnummer von der Ärztin.
Uff, ich bin froh, dass es jetzt raus ist. Ich war halb krank, weil ich dich nicht belügen und hintergehen wollte. Aber es ist egal, was sie sagt, ich tue nichts ohne mit dir darüber zu sprechen. Ich kann mir vorstellen, dass sie uns auch beide kennenlernen will. Wenn du nicht mehr mit mir weiterleben kannst, weil ich mich äußerlich verändere, ist das schlimm, aber ich könnte es verstehen. Du bist ja mit einer Frau verheiratet. Hättest du eine Männerliebe gewollt, hättest du dir einen Mann genommen.
Tom, ob unsere Beziehung überhaupt einer normalen Ehe entspricht, bezweifele ich manchmal. Wir führen eine ganz merkwürdige Art von Freundschaft, die aber in gewissen Bereichen so intensiv ausgelebt wird, dass ich mich frage, ob wir einander schon unbewusst als Männer sahen, als wir uns kennenlernten. Verstehst du, was ich damit meine?“
Er lächelte. „Ja, du hast Recht. Ich habe mir aber nichts dabei gedacht, du warst eine Frau und alles zwischen uns passte. Ich glaube, wenn wir nicht so anders wären, wäre das mit Hamburg nie möglich gewesen. Aber ich habe natürlich auch nur das Äußerliche gesehen. Was du von innen ausstrahlst ist das, was meine Psyche auffängt und bei mir in Erregung umwandelt. Ich nehme widersprüchliche Gefühle wahr. Die könnten etwas mit mir zu tun haben. Was ich dir jetzt sage, habe ich noch niemandem erzählt und ich bitte dich, es außer mit der Ärztin mit keinem Menschen zu teilen. Vor allem nicht mit meiner Mutter und meinen Geschwistern.“ Meine Hände ruhten in den Seinen, während er sprach.
„Ich liebe dich, Tom. Mehr als mein Leben. Ich werde nie etwas tun, das dir wehtut. Egal, was geschieht und was jetzt vielleicht ins Rollen kommt, du bist und bleibst der Mensch, mit dem ich zusammen leben will.“
Stockend begann er zu erzählen.
„Ich hatte mich an der Uni in einen Mitstudenten verliebt. Eigentlich war ich total unsportlich, aber er spielte Fußball im Verein. Ich bin extra in seinen Club eingetreten. Eines Tages kamen wir aus der Dusche. Die anderen waren schon weg. Wir beide hatten Aufräumdienst gehabt und waren ganz allein im Sportlerheim. Als wir einander ansahen bekamen wir jeder einen Ständer. Es passierte einfach. Plötzlich streichelten wir uns und trafen uns von da an heimlich. Es war ähnlich wie bei dir. In der Öffentlichkeit konnten wir als Männer nicht zusammen auftreten. Wir wussten, dass wir uns mit Frauen zeigen mussten, aber wir machten ab, dass unsere Liebe niemals darunter leiden würde. Er studierte Elektrotechnik, ich Bauwesen. Als er ein Jobangebot in Süddeutschland erhielt, verloren wir uns aus den Augen. Ich frage mich oft, was aus ihm geworden ist. Ob er verheiratet ist, Kinder hat?“ Ich sage dir das, weil ich vielleicht bi bin.
Manchmal habe ich Anwandlungen, in denen ich davon träume mit dir wie mit einem Mann zu schlafen. Ich habe schon gedacht, ich bin verrückt. Aber wenn du tatsächlich Trans bist, macht das alles bei mir einen Sinn. Meine Psyche reagiert unbewusst auf deine männliche Ausstrahlung und auf dein Wesen.
Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und bedeckte es mit Küssen.
„Schatz, du liebst ihn immer noch, das ist keine Frage, das ist eine Feststellung. Wir müssen sehen, ob wir ihn ausfindig machen können. Kanntest du seine Eltern? Wenn die hier wohnen, ist das alles kein Problem. Ich bin überhaupt nicht eifersüchtig, nicht die Spur. Ich will nur, dass du glücklich bist. Wie kann das sein?“
„Ich glaube, das nennt man wahre Liebe. Ich werde seine Eltern anrufen. Das kann nicht so schwer sein. Ich war oft bei ihnen zuhause und weiß, wo sie wohnen. Wichtig für dich ist jetzt diese Ärztin. Ich mache morgen um ein Uhr Schluss. Wir packen jetzt unsere Sachen und legen alles in mein Auto. Morgen Mittag kommst du nach Hause und wir fahren gleich los. Ich bringe dich zur Ärztin und treffe Uwe im Sportstudio. Nach dem Termin meldest du dich auf meinem Handy, ich hole dich ab und wir fahren zusammen in die Bar, wo du dich umziehen und arbeitsfertig machen kannst. Einverstanden?“
Ich wollte erst nicken, aber dann kam mir eine Idee.
„Noch nicht. Ich gehe jetzt ins Schlafzimmer und erwarte dich in einer guten viertel Stunde. Du spielst die Rolle eines Luden und hast bestimmte Pflichten zu erfüllen!“ Ich lachte, meine Augen zwinkerten. Es tat mir gut, mich ihm im Geist im Rollenspiel zu unterwerfen. Es war nur ein Spaß, der aber mein Bedürfnis nach Sex anregte. Er hatte verstanden und sah mich ernst an.
„Schön, dass du das auch so siehst. Geh, mach dich hübsch!“ Der Tonfall duldete keine Widerrede.
Unser Beisammensein war wie immer, seitdem wir unsere Rollen spielten, heftig und voller Leidenschaft.
Ich dachte kurz daran, wie es wäre, wenn Tom mich genommen hätte, wie es Männer taten. Aber vielleicht war es noch zu früh, ihn darum zu bitten. Ich freute mich auf das Arztgespräch. Endlich durfte ich mit jemandem über meine tiefsten Geheimnisse sprechen und Tom war mir deshalb nicht böse. Die Erleichterung ließ sich kaum mit Worten beschreiben.
Wenn meine Seele die eines Mannes war, dann brauchte sie zur gesunden und glücklichen Entwicklung über kurz oder lang auch einen männlichen Körper. Ich dachte an den Stimmbruch, Haarwuchs auf der Brust und am Kinn. Ich würde mich rasieren müssen. Ob Tom mir seinen Rasierapparat lieh? Eine Stimme in meinem Kopf sagte, dass ich mir selbst einen kaufen sollte. Was machte ich mit meiner Brust? Die war mir eigentlich schon immer im Weg gewesen. Zu einem Mann gehört ein flacher Oberkörper. Der Busen musste weg. Und untenrum? Da gehörte ein Penis dran. Wie mag es sich anfühlen, im Stehen zu pinkeln?
Während ich träumte, packte ich meine Tasche. Da war noch nicht viel drinnen, das an einen Mann erinnerte.
In der Nacht lag ich noch lange wach. Toms gleichmäßige Atemzüge störten mich nicht. Ich war völlig überdreht. Oh je, wenn wir das alles in die Tat umsetzten, würde das aber Schwierigkeiten und Aufhebens geben!
Meine Eltern, meine Schwiegermutter, die Geschwister und natürlich das Dorf! Das wird ein riesen Skandal, wir werden die Klatschkolumnen füllen. Und was wird mein Arbeitgeber machen? Konnte ich meinen Beruf weiter hier in der Kleinstadt ausüben? Dürften sie mir kündigen? Wer konnte mich operieren? Gab es Ärzte und Krankenhäuser, die solche Eingriffe durchführten?
Da lagen noch etliche Hürden vor mir. So, wie ich mir es vorstellte, quasi mithilfe des Zauberstabs einer Fee, würden sich meine Wünsche natürlich nicht verwirklichen lassen.
Hörig Teil 10
Die Praxis der Ärztin befand sich in der Nähe des Bahnhofs. Toms Navi hatte uns bis vor die Haustür geführt. Ich nahm meine Handtasche, gab Tom einen Kuss und stieg aus. Mit Herzklopfen öffnete ich die Eingangstür und stieg zwei Treppen nach oben. Kurz nachdem ich auf die Klingel gedrückt hatte, öffnete mir eine dunkelhaarige Frau, in einem schwarzen Rock und hellblauer Bluse und bat mich herein. Sie lächelte mich freundlich an.
"Gitti Krüger, guten Tag. Ich habe einen Termin." Sie schüttelte meine Hand. "Kathrin Andresen, kommen Sie bitte herein."
In dem geschmackvoll aber funktional eingerichteten Raum stand neben einem Schreibtisch und einer Schrankwand voller Bücher auch ein Glastisch um den sich drei schwarze Sessel gruppierten. Ich nahm Platz. Sie setzte sich mir gegenüber.
„Mögen Sie erzählen?“
Ich schluckte. Eine solche Aufforderung kannte ich sprachlich noch nicht. Beim Arzt war ich es gewohnt, dass man mich fragte, wie man mir helfen könne.
„Oh je.“
„Was heißt hier oh je? Sehe ich so schlimm aus?“
„Nein, um Gottes Willen, Frau Dr. Ich bin nur etwas verwirrt wegen der Anrede. Ich weiß gar nicht wie ich anfangen soll.“
„Zunächst lassen wir den Dr. mal weg. Frau Andresen reicht. Und jetzt lassen Sie sich fallen, schließen kurz die Augen, überlegen, warum Sie bei mir sind und dann fangen Sie einfach an. Sie sind mit Ihrer Unsicherheit nicht die erste in meinen geheiligten Räumen und Sie werden mit Sicherheit auch nicht die Letzte sein.“
Ich nickte. Die Augen schloss ich aber nicht.
Meine Erinnerungen führten mich weit zurück. Ich erzählte ihr, wie sich der Wunsch nach einem männlichen Äußeren durch mein ganzes Leben gezogen hatte. Meiner Freundin mochte ich nichts sagen. Mit meinem weiblichen Körper wäre das sicher missverstanden worden. Aber ich war in meinem Selbstbild keine Frau und konnte deshalb auch nicht lesbisch sein. Tagträume machten mir zu schaffen. So würde ich zum Beispiel nach einem Autounfall im Krankenhaus aufwachen. Die Ärzte dort würden mir mitteilen, dass sie in mir männliche Organe gefunden hätten. Einzig mit meiner Mutter sprach ich über diese bizarren Vorstellungen. Sie riet mir, als ich zwanzig war, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Sie meinte, dann würden meine dummen Ideen von selbst verschwinden.
Im Anschluss berichtete ich von Tom und beendete meinen Vortrag mit den Geschehnissen aus der letzten Woche.
„Mein Mann weiß Bescheid, er holt mich nach unserem Termin ab, aber was wird geschehen, wenn ich diesen Weg wirklich gehe? Er glaubt bisexuell zu sein, weil er heimlich mit einem Kommilitonen liiert gewesen war.“
Sie sah mich an, legte ihren Notizblock zur Seite und tat so, als wenn sie den Hut vor mir zog.
„Jetzt erleben Sie auch mich mal sprachlos. Das kommt selten genug vor. Ich habe schon sehr viel gehört und in einige Abgründe menschlichen Denkens gesehen. Alles, was Sie mir am Anfang erzählten, kam mir bekannt und vertraut vor. Es sind exakt die Erinnerungen, die ich von den meisten Transidenten erhalte. Bis zur Ehe kam ich auch noch gut mit. Lustig wurde es, als Sie von den Verkleidungen erzählten und wie Sie ihrem Mann im Wald in der Rolle einer Hure gegenübertraten. Bei den meisten Paaren, wäre es entweder dabei geblieben oder man hätte sich Gleichgesinnte gesucht, mit denen man sich in Mieträumen zum gemeinsamen Spielen getroffen hätte.
Was Sie sich hier in Hamburg getraut haben, das haut mich um. Natürlich spielt die Bekanntschaft Ihres Mannes mit diesem Mann von St. Pauli, wie hieß er gleich? Uwe? eine Rolle, allerdings glaube ich nicht, dass alle Leute in Ihrer Situation dies gleich ausgenutzt und in die Tat umgesetzt hätten. Hut ab! Wie geht es Ihnen jetzt damit, dass Sie mir das alles erzählt haben? Und wie glauben Sie, soll es bei Ihnen weitergehen?“
Das wusste ich selbst nicht und sagte es ihr auch.
„Ich fühle mich erst einmal sehr erleichtert. Ich konnte noch nie mit irgendjemandem über meine geheimen Träume sprechen. Sie sind die erste. Und ich bin Shiva sehr dankbar dafür, dass ich Sie kennenlernen durfte. Es ist ein Anfang. Irgendwie habe ich einen neuen Weg eingeschlagen, aber wohin er mich führen wird, liegt noch in einem dichten Nebel verborgen vor mir.“
„Das war jetzt sehr viel für Sie, Frau Krüger, aber auch für uns beide. Ich nehme Sie in meine Patientenkartei auf. Sie brauchen Hilfe. Aber Sie müssen mir eines versprechen, Sie machen nichts auf eigene Faust, wollen Sie das?“ Ich verstand und doch nicht. Aber ich nickte.
„Sie sind privat versichert? Dann kann ich jetzt fünf Sitzungen mit Ihnen abrechnen. Danach muss ich ein Gutachten für Ihre Dienststelle schreiben und für Ihre PKV natürlich auch. Aber nach den fünf Sitzungen wissen wir mehr. Ich zähle diesen Termin heute noch nicht dazu.
Das sind sozusagen immer meine Umsonst Treffen, um erst einmal Kontakt und Nähe zu schaffen. Freitags geht es bei Ihnen am besten, denke ich. Nächsten Freitag um 17 Uhr? Passt das? Ich muss eine Patientin auf eine andere Zeit verlegen. Aber die kommt hier aus Hamburg. Mit meinen auswärtigen Patienten muss ich immer flexibel sein.
Hausaufgabe: Denken Sie über Ihr bisheriges Leben nach. Ist es gut,wie es jetzt ist? Wird es in zehn Jahren noch gut sein, wollen Sie es so weiterleben? Spielen Sie im Kopf durch, wie ein Geschlechtswechsel für Sie ablaufen würde, denken Sie an die möglichen Reaktionen Ihrer Familie, Ihres Arbeitgebers. Schauen Sie ins Internet und machen Sie sich schlau über Transidentität am Arbeitsplatz, auch bei Ihnen in der Behörde. Denken Sie an Ihre Krankenversicherung, die sich sicher sehr freuen wird, Kosten in fünfstelliger Höhe übernehmen zu müssen. Das war satirisch gemeint. Was wird aus Ihrer Ehe, wenn Sie sich körperlich und personenstandrechtlich verändern? Was wird aus Ihrem "Nebenjob", den Sie jetzt grad begonnen haben? Welche Alternativen tun sich da auf?
Lassen Sie das alles sacken. Genießen Sie Ihr Wochenende und wir sehen uns nächste Woche Freitag. Wir werden dann nicht nur mehr wissen, sondern uns ernsthaft über ihre Zukunft unterhalten..“
Ich atmete ein und tief wieder aus. Was hatte ich angestoßen? Mein ganzes Leben kam mir wie eine Seilbahn vor, die gerade riss und im Begriff war mit mir in den Abgrund zu stürzen.
An der Tür gab ich ihr die Hand.
„Vielen Dank. Da kommt einiges auf mich zu und ich bin froh, von Ihnen begleitet zu werden.“
„Machen Sie es gut. Wir sehen uns!“
In meinem Kopf kreisten die Gedanken. Ich war in einer fremden Großstadt und musste auf der Straße aufpassen, nicht ins nächstbeste Auto zu laufen. Tom fiel mir ein. Nein, noch wollte ich ihn nicht anrufen. Dazu fühlte ich mich zu aufgewühlt. Auf der anderen Straßenseite befand sich eine Bäckerei. Zielstrebig stand ich zwei Minuten später vor einer netten jungen Verkäuferin, bestellte einen großen Cappuccino und gönnte mir ein Stück Erdbeertorte. Ein Platz im Café war gerade frei geworden. Uff, der Kaffee kam richtig an. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen.
Da war etwas in Gang gesetzt worden, das ich nicht aufhalten konnte, das fühlte ich deutlich. Einzig das Tempo bestimmte ich selbst und ich durfte niemand etwas voreilig erzählen, ohne alle möglichen Fallstricke und Probleme analysiert zu haben. Ich brauchte Hilfe. Tom, unsere Beziehung zweifelte ich nicht mehr an. Wir würden das gemeinsam durchstehen und unseren Weg zusammen gehen. Von Tom wollte ich mich nie trennen. Hoffentlich konnte er das auch. Oh Gott, was kam da auf mich zu? Eine riesige Welle schlug über meinem Kopf zusammen. Ich versuchte ihn freizubekommen. Ich musste mich für die Arbeit fertig machen. Entschlossen trank ich meinen Cappuccino, nahm mein Handy aus der Handtasche und rief meinen Mann an. Eine halbe Stunde später hielt er vor dem Café.
Rasch stieg ich ein, es war viel Verkehr am frühen Abend, er konnte nicht lange auf der Fahrbahn stehen bleiben.
Wir redeten nur das Nötigste miteinander und ich war froh, dass er mich nicht nach detaillierten Gesprächsinhalten fragte. Er hielt auf dem Hinterhof des Bordellbetriebs. Schweigend nahm ich meinen Koffer und trat vor ihm in den dunklen Hausflur. Galant hatte er mir die Tür aufgehalten.
„Ich bin an der Bar. Uwe ist auch da. Du kannst heute hinten auf dem Kontakthof stehen und später im Lokal arbeiten, wenn dort mehr los ist.“ Ich nickte und ging durch die Kellertür nach unten in die Umkleideräume.
Einige Mädchen zogen sich gerade um. Ich grüßte mit dem üblichen ‚Moin‘ und suchte mir einen Schminktisch in der Nähe meines Schrankes.
Während ich mich zurechtmachte fühlte ich so etwas wie Routine darin. Das hier war ein Job. Gleichzeitig kribbelte Erregung in meiner Klitoris.
Die Frau im Spiegel, das war nicht ich. Das war die Hure Isabelle. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf. Wenn ich ein Mann werde, kann ich nicht mehr Isabelle heißen, und meinen bürgerlichen Namen kann ich auch nicht mehr tragen. Wie will ich mich nennen? Es war eine groteske Situation entstanden. Hier saß eine Frau in knappem Röckchen, in Higheels und Netzstrümpfen. Obenrum einen roten Büstenhalter, der zwei feste pralle Brüste hochdrückte und zusammenquetschte. Die durchsichtige pinkfarbene Bluse verbarg nichts. Ich hatte starken blauen Lidschatten aufgetragen und zog meinen Mund mit einem knallroten Lippenstift nach. Mit meiner blonden halblangen Perücke würde mich jetzt nicht einmal meine Mutter erkennen.
Eigentlich war gar nichts Groteskes daran, wenn ich es recht betrachtete. Früher wollte ich immer Jan heißen. Eigentlich ein hübscher Name für einen jungen Mann. Mir fiel meine erste Regel ein. Sie blieb schmerzhaft und unangenehm, trotz Pille und allerlei Medikamente, die ich gegen Regelbeschwerden eingenommen hatte. Es war eine schwierige Zeit gewesen, an die ich ungern zurückdenke.
Etwas Freude kam auf, als ich Tom kennenlernte. Die große Familie lenkte mich von meinen Tagträumen ab. Wir fuhren in Urlaub und buchten Aufenthalte auf Reiterhöfen. Sex war am Anfang unter der Rubrik Blümchen angesiedelt. Ich lag unten. Das ging solange, bis ich mit ihm anfing, im Wald Freier und Nutte zu spielen.
Aus unserem Spiel war nun in kurzer Zeit Ernst geworden. Ich hatte hier bei Uwe einen besonderen Arbeitsplatz angenommen. Aber war ich wirklich eine Frau? Die Antwort gab ich mir selbst. Nein. Ich war in der Seele ein Mann. Und wenn ich es richtig betrachtete war ich auch das noch lange nicht. Es brauchte noch einiges an Entwicklung.
Befriedigt blickte ich in den Spiegel. Jan war ok. und ich wollte Tom ein Geschenk machen. Wenn er schon seine Frau verlor, sollte er wenigstens den zweiten Vornamen seines künftigen besten Freundes aussuchen können.
Ein paar Minuten später stand ich an der Bar. Clarissa begrüßte mich freundlich.
„Hallo Isabelle, schön dass du da bist. Uwe und Tom sind eine Kneipentour machen. Ich soll dir von Uwe ausrichten, du möchtest nach draußen auf den Hof gehen. Du kennst ja die Graderobe hinten. Ich weiß nicht, wer gerade dort arbeitet. Aber das Mädchen weiß Bescheid. Du gehst mit deinem Gast zu ihr, er bezahlt das Zimmer und eine Flasche Sekt. Sie hat auch Bier. Kondome liegen in den Zimmern, Handtücher und Shampoo auch. Die Preise stehen am Tresen angeschrieben. Wenn er Sonderwünsche hat, musst du das selbst regeln. Das ist dein Verdienst, im wahrsten Sinn des Wortes. Wenn du Fragen hast, geh zur Garderobe und frag das Mädchen dort.“
„Kein Problem. Das Geld bringe ich dann zu Emilia?“
„Nein, das kassiert die Garderobiere und schreibt es auf dein Konto. Du musst gegenzeichnen, wenn er gegangen ist. Sie gibt dir dann auch frische Handtücher, damit du das Zimmer für die nächste Kollegin aufräumen kannst.“
Der Auftrag kam mir gerade recht. Ich fühlte mich so voller Power und unbeantworteter Fragen, dass ich dringend eine Abwechslung suchte. Ordentlicher Sex wäre jetzt das Richtige, dachte ich bei mir.
Charlene hieß das Mädchen an der Garderobe, das mich ebenso nett wie Clarissa begrüßte. Sie erzählte mir haargenau dieselben Abläufe und stellte mir einen kleinen Sekt zum Aufwärmen hin. Ich bedankte mich. Das konnte ich ebenfalls gut haben.
„Es ist noch nicht viel los. Viele Männer laufen nur über den Hof um sich umzuschauen. Die ziehen von einem Lokal ins nächste und suchen sich die Mädchen aus. Die meisten, die von außerhalb Hamburgs kommen, glauben, dass sie Preise vergleichen könnten, was aber Quatsch ist. Die Luden haben sich untereinander abgesprochen und einen Rahmen gesetzt. Nichts geht auf dem Kiez darunter und auch nichts darüber. Einzig bei den Sonderwünschen haben die Frauen ein Wörtchen mitzureden.“ Ich nickte.
„Dann mal ran an den Feind, bis nachher Charlene und vielen Dank für den Drink.“
Alle Gedanken über einen möglichen Geschlechtswechsel wurden beiseitegeschoben. Jetzt war die Arbeit erste Wahl.
Ich öffnete die Tür und trat auf einen abgeschlossenen Kontakthof hinaus. Überall standen Blumenkübel, die wohl auch als Aschenbecher dienten. In den Ecken sah ich schwarzgestrichene Bänke an der weißen Mauer. Es war noch hell, deshalb brannten erst einige wenige Lampen. In der Mitte des Platzes plätscherte ein marmorweißer Springbrunnen, der von Frauenskulpturen umsäumt wurde. Zwei Frauen standen am Eingang und sahen mich neugierig an. Ich ging gleich auf sie zu und stellte mich vor.
„Ich bin Fritzi und das ist Minni. Hier ist im Augenblick tote Hose. Die Typen kommen erst später. Die meisten wollen jetzt nur mal reinschauen.
Wir machen das so, dass mal die eine und mal die andere am Eingang steht. So haben wir alle die Möglichkeit einen Erstkontakt anbahnen zu können. Oft haben die Gäste gezielte Wünsche. Wir schicken sie dann an die entsprechende Kollegin weiter. In der Regel kommen wir am frühen Morgen alle finanziell auf unsere Kosten.“
„Das ist schön, ich werde mich nicht vordrängeln. Ich bin erst das zweite Wochenende hier und muss noch einiges lernen. Sagt mir bitte Bescheid, wenn ich etwas falsch mache“, bat ich die beiden.
Minni bot mir eine Zigarette an. Ich schüttelte den Kopf.
„Danke, ich rauche nicht. Aber ich habe Bonbons anzubieten, sozusagen als Einstand!“ Sie lachten.
Wir waren so miteinander beschäftigt gewesen, dass wir gar nicht bemerkten, wie ein junger Mann, dunkelhaarig, gut gekleidet und sehr gut aussehend auf uns zukam.
„Hallo, ihr drei Schönen. Ich suche eine nette Begleiterin für ein paar Stunden.“
Minni drehte sich keck um.
„Hallo, mein Süßer, nah, da bist du bei uns genau richtig.“ Sie hatte besitzergreifend den Arm um ihn gelegt. Fritzi strich langsam mit der Hand über seine Wange.
„Du kannst auch mit mir mitgehen, meine Schöner. Oder auch uns beide haben. Oder sogar alle drei? Ich bin brünett, Minni ist dunkelbraun und Isabelle ist blond!“
Sie deutete auf mich. „Ich bin neu hier, aber es gibt drinnen einen herrlichen Wellnessbereich mit Whirlpool, dürfen wir den auch benutzen?“, fragte ich die beiden anderen Mädchen und ließ ihn einen Blick auf meine Brüste werfen. Er schien anzubeißen.
„Aber sicher“, meinte Fritzi. „Kommt, wollen wir?“ Er schmunzelte.
Wir gingen zum Wellnessbereich durch, nachdem er bei Charlene bezahlt hatte. Die fing zu lachen an.
„Oh, da muss ich sofort Clarissa anrufen. Wir brauchen Mädels hier hinten. Du hast meinen ganzen Bestand aufgekauft, aber es war eine gute, eine sehr gute Wahl. Ihr werdet viel Spaß zusammen haben.“
Clarissa war wohl Kummer gewohnt. Charlene erzählte uns später, sie hätte gleich zwei Mädchen aus der Bar zu ihr geschickt, die noch einen guten Verdienst einfahren konnten.
Wir drei spazierten mit unserem Lover in den Wellnessbereich, duschten, tranken Sekt und schmusten im Pool. Eine lag entweder in seinem linken Arm, die andere rechts und die dritte versuchte sich an ihm. Er war gut bestückt. Ich fühlte mich großartig. Eine perfekte Überleitung in eine aufregende Nacht war geglückt. Er erzählte, er wäre Manager einer großen Autofirma und hatte geschäftlich in Hamburg zu tun. Dankend nahmen wir seine Visitenkarten an. Ich dachte an Tom, der mit einem größeren Auto liebäugelte. Unser Lover erwies sich als sehr standfest. Er schaffte es uns alle zu beglücken, zahlte noch eine Stunde nach und ließ jeder von uns ein großzügiges Trinkgeld da.
Erst um kurz nach 21 Uhr stand ich wieder auf dem Hof. Wie von Charlene vorhergesehen, füllte der sich inzwischen mit Besuchern.
„Schatz, da ist etwas mit dir. Das sehe ich dir an der Nasenspitze an. Geht es dir nicht gut? Bist du müde vom Job? Oder liegt es an Morgen? Wenn du nicht willst, rufe ich Uwe an und wir bleiben zu Hause!“
Überrascht sah ich in seine blauen frechen Jungenaugen. Er hatte es irgendwie geschafft, sich seine Unbekümmertheit an einigen Stellen zu erhalten und strahlte eine spitzbübische Frische aus. Seine Augen gehörten dazu. Körperlich sollte er sich wirklich bei Uwe im Fitnessstudio anmelden. Den kleinen Bauchansatz konnte er nicht mehr unsichtbar machen. Aber was er eben sagte, das war so lieb, einfach nur lieb. Ich brauchte also kein Geld verdienen, er würde auf das neue Auto verzichten, und das nur für mich! Welche Frau würde da nicht überglücklich die Arme um ihren Liebsten schlingen und ihn mit der ganzen Kraft ihres Herzens küssen?
Ich gehörte zu der Sorte Frau, (wenn ich denn überhaupt eine war), die das zu schätzen wusste. Natürlich küsste ich meinen Tom innig.
„Liebling, ich liebe dich. Aber ich würde es nie übers Herz bringen, dir die Freude am neuen Auto zu nehmen. Natürlich arbeite ich am Freitagabend. Ich habe ja selbst Spaß daran. Das ist es nicht. Ich habe ein Problem und ich bin unsicher, wie du darauf reagieren wirst. Es ist etwas, von dem du nicht wissen kannst.“ Er war mein Fels in der Brandung. Eine unerschütterliche Sicherheit ging von ihm aus, als sich seine Arme um mich legten. Voll Vertrauen schmiegte ich mich an seine kräftige Brust.
„Liebes, der Pfarrer hatte gesagt in guten und in schlechten Tagen, weißt du noch? Du sahst so süß aus, in deinem weißen Hochzeitskleid. Ich werde immer zu dir halten, sogar wenn du plötzlich ein Mann sein wolltest, hihi!“
Er verschluckte sich fast, so lustig fand er seinen Einfall. Meine Augen schauten ernst und bestätigten ihn. Sein Lachen erstarb. Da lag Irritation und Sprachlosigkeit, Fassungslosigkeit und gleichzeitiges Erstaunen in seinem Gesicht.
„Tom, ich trug zwar dieses weiße Kleid, aber ich hätte lieber mit dir getauscht und den schwarzen Anzug angehabt. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Transidentität noch etwas Verwerfliches war. Ich glaube, ich bin noch nie eine richtige Frau gewesen. Ich wollte immer männlich sein, aber ich konnte die Realität nicht ausblenden. Ob ich wirklich Trans bin, muss ein Arzt feststellen. Ich habe morgen Nachmittag um 16 Uhr einen Termin in Altona bei einer Ärztin, die sich mit dem Problem auskennt. Du hast doch Shiva gesehen, die Tänzerin bei Uwe im Lokal? Sie ist Mann zu Frau Trans, genau wie ihre Freundin. Ich habe mich ihnen geoutet und Shiva gab mir die Telefonnummer von der Ärztin.
Uff, ich bin froh, dass es jetzt raus ist. Ich war halb krank, weil ich dich nicht belügen und hintergehen wollte. Aber es ist egal, was sie sagt, ich tue nichts ohne mit dir darüber zu sprechen. Ich kann mir vorstellen, dass sie uns auch beide kennenlernen will. Wenn du nicht mehr mit mir weiterleben kannst, weil ich mich äußerlich verändere, ist das schlimm, aber ich könnte es verstehen. Du bist ja mit einer Frau verheiratet. Hättest du eine Männerliebe gewollt, hättest du dir einen Mann genommen.
Tom, ob unsere Beziehung überhaupt einer normalen Ehe entspricht, bezweifele ich manchmal. Wir führen eine ganz merkwürdige Art von Freundschaft, die aber in gewissen Bereichen so intensiv ausgelebt wird, dass ich mich frage, ob wir einander schon unbewusst als Männer sahen, als wir uns kennenlernten. Verstehst du, was ich damit meine?“
Er lächelte. „Ja, du hast Recht. Ich habe mir aber nichts dabei gedacht, du warst eine Frau und alles zwischen uns passte. Ich glaube, wenn wir nicht so anders wären, wäre das mit Hamburg nie möglich gewesen. Aber ich habe natürlich auch nur das Äußerliche gesehen. Was du von innen ausstrahlst ist das, was meine Psyche auffängt und bei mir in Erregung umwandelt. Ich nehme widersprüchliche Gefühle wahr. Die könnten etwas mit mir zu tun haben. Was ich dir jetzt sage, habe ich noch niemandem erzählt und ich bitte dich, es außer mit der Ärztin mit keinem Menschen zu teilen. Vor allem nicht mit meiner Mutter und meinen Geschwistern.“ Meine Hände ruhten in den Seinen, während er sprach.
„Ich liebe dich, Tom. Mehr als mein Leben. Ich werde nie etwas tun, das dir wehtut. Egal, was geschieht und was jetzt vielleicht ins Rollen kommt, du bist und bleibst der Mensch, mit dem ich zusammen leben will.“
Stockend begann er zu erzählen.
„Ich hatte mich an der Uni in einen Mitstudenten verliebt. Eigentlich war ich total unsportlich, aber er spielte Fußball im Verein. Ich bin extra in seinen Club eingetreten. Eines Tages kamen wir aus der Dusche. Die anderen waren schon weg. Wir beide hatten Aufräumdienst gehabt und waren ganz allein im Sportlerheim. Als wir einander ansahen bekamen wir jeder einen Ständer. Es passierte einfach. Plötzlich streichelten wir uns und trafen uns von da an heimlich. Es war ähnlich wie bei dir. In der Öffentlichkeit konnten wir als Männer nicht zusammen auftreten. Wir wussten, dass wir uns mit Frauen zeigen mussten, aber wir machten ab, dass unsere Liebe niemals darunter leiden würde. Er studierte Elektrotechnik, ich Bauwesen. Als er ein Jobangebot in Süddeutschland erhielt, verloren wir uns aus den Augen. Ich frage mich oft, was aus ihm geworden ist. Ob er verheiratet ist, Kinder hat?“ Ich sage dir das, weil ich vielleicht bi bin.
Manchmal habe ich Anwandlungen, in denen ich davon träume mit dir wie mit einem Mann zu schlafen. Ich habe schon gedacht, ich bin verrückt. Aber wenn du tatsächlich Trans bist, macht das alles bei mir einen Sinn. Meine Psyche reagiert unbewusst auf deine männliche Ausstrahlung und auf dein Wesen.
Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und bedeckte es mit Küssen.
„Schatz, du liebst ihn immer noch, das ist keine Frage, das ist eine Feststellung. Wir müssen sehen, ob wir ihn ausfindig machen können. Kanntest du seine Eltern? Wenn die hier wohnen, ist das alles kein Problem. Ich bin überhaupt nicht eifersüchtig, nicht die Spur. Ich will nur, dass du glücklich bist. Wie kann das sein?“
„Ich glaube, das nennt man wahre Liebe. Ich werde seine Eltern anrufen. Das kann nicht so schwer sein. Ich war oft bei ihnen zuhause und weiß, wo sie wohnen. Wichtig für dich ist jetzt diese Ärztin. Ich mache morgen um ein Uhr Schluss. Wir packen jetzt unsere Sachen und legen alles in mein Auto. Morgen Mittag kommst du nach Hause und wir fahren gleich los. Ich bringe dich zur Ärztin und treffe Uwe im Sportstudio. Nach dem Termin meldest du dich auf meinem Handy, ich hole dich ab und wir fahren zusammen in die Bar, wo du dich umziehen und arbeitsfertig machen kannst. Einverstanden?“
Ich wollte erst nicken, aber dann kam mir eine Idee.
„Noch nicht. Ich gehe jetzt ins Schlafzimmer und erwarte dich in einer guten viertel Stunde. Du spielst die Rolle eines Luden und hast bestimmte Pflichten zu erfüllen!“ Ich lachte, meine Augen zwinkerten. Es tat mir gut, mich ihm im Geist im Rollenspiel zu unterwerfen. Es war nur ein Spaß, der aber mein Bedürfnis nach Sex anregte. Er hatte verstanden und sah mich ernst an.
„Schön, dass du das auch so siehst. Geh, mach dich hübsch!“ Der Tonfall duldete keine Widerrede.
Unser Beisammensein war wie immer, seitdem wir unsere Rollen spielten, heftig und voller Leidenschaft.
Ich dachte kurz daran, wie es wäre, wenn Tom mich genommen hätte, wie es Männer taten. Aber vielleicht war es noch zu früh, ihn darum zu bitten. Ich freute mich auf das Arztgespräch. Endlich durfte ich mit jemandem über meine tiefsten Geheimnisse sprechen und Tom war mir deshalb nicht böse. Die Erleichterung ließ sich kaum mit Worten beschreiben.
Wenn meine Seele die eines Mannes war, dann brauchte sie zur gesunden und glücklichen Entwicklung über kurz oder lang auch einen männlichen Körper. Ich dachte an den Stimmbruch, Haarwuchs auf der Brust und am Kinn. Ich würde mich rasieren müssen. Ob Tom mir seinen Rasierapparat lieh? Eine Stimme in meinem Kopf sagte, dass ich mir selbst einen kaufen sollte. Was machte ich mit meiner Brust? Die war mir eigentlich schon immer im Weg gewesen. Zu einem Mann gehört ein flacher Oberkörper. Der Busen musste weg. Und untenrum? Da gehörte ein Penis dran. Wie mag es sich anfühlen, im Stehen zu pinkeln?
Während ich träumte, packte ich meine Tasche. Da war noch nicht viel drinnen, das an einen Mann erinnerte.
In der Nacht lag ich noch lange wach. Toms gleichmäßige Atemzüge störten mich nicht. Ich war völlig überdreht. Oh je, wenn wir das alles in die Tat umsetzten, würde das aber Schwierigkeiten und Aufhebens geben!
Meine Eltern, meine Schwiegermutter, die Geschwister und natürlich das Dorf! Das wird ein riesen Skandal, wir werden die Klatschkolumnen füllen. Und was wird mein Arbeitgeber machen? Konnte ich meinen Beruf weiter hier in der Kleinstadt ausüben? Dürften sie mir kündigen? Wer konnte mich operieren? Gab es Ärzte und Krankenhäuser, die solche Eingriffe durchführten?
Da lagen noch etliche Hürden vor mir. So, wie ich mir es vorstellte, quasi mithilfe des Zauberstabs einer Fee, würden sich meine Wünsche natürlich nicht verwirklichen lassen.
Hörig Teil 10
Die Praxis der Ärztin befand sich in der Nähe des Bahnhofs. Toms Navi hatte uns bis vor die Haustür geführt. Ich nahm meine Handtasche, gab Tom einen Kuss und stieg aus. Mit Herzklopfen öffnete ich die Eingangstür und stieg zwei Treppen nach oben. Kurz nachdem ich auf die Klingel gedrückt hatte, öffnete mir eine dunkelhaarige Frau, in einem schwarzen Rock und hellblauer Bluse und bat mich herein. Sie lächelte mich freundlich an.
"Gitti Krüger, guten Tag. Ich habe einen Termin." Sie schüttelte meine Hand. "Kathrin Andresen, kommen Sie bitte herein."
In dem geschmackvoll aber funktional eingerichteten Raum stand neben einem Schreibtisch und einer Schrankwand voller Bücher auch ein Glastisch um den sich drei schwarze Sessel gruppierten. Ich nahm Platz. Sie setzte sich mir gegenüber.
„Mögen Sie erzählen?“
Ich schluckte. Eine solche Aufforderung kannte ich sprachlich noch nicht. Beim Arzt war ich es gewohnt, dass man mich fragte, wie man mir helfen könne.
„Oh je.“
„Was heißt hier oh je? Sehe ich so schlimm aus?“
„Nein, um Gottes Willen, Frau Dr. Ich bin nur etwas verwirrt wegen der Anrede. Ich weiß gar nicht wie ich anfangen soll.“
„Zunächst lassen wir den Dr. mal weg. Frau Andresen reicht. Und jetzt lassen Sie sich fallen, schließen kurz die Augen, überlegen, warum Sie bei mir sind und dann fangen Sie einfach an. Sie sind mit Ihrer Unsicherheit nicht die erste in meinen geheiligten Räumen und Sie werden mit Sicherheit auch nicht die Letzte sein.“
Ich nickte. Die Augen schloss ich aber nicht.
Meine Erinnerungen führten mich weit zurück. Ich erzählte ihr, wie sich der Wunsch nach einem männlichen Äußeren durch mein ganzes Leben gezogen hatte. Meiner Freundin mochte ich nichts sagen. Mit meinem weiblichen Körper wäre das sicher missverstanden worden. Aber ich war in meinem Selbstbild keine Frau und konnte deshalb auch nicht lesbisch sein. Tagträume machten mir zu schaffen. So würde ich zum Beispiel nach einem Autounfall im Krankenhaus aufwachen. Die Ärzte dort würden mir mitteilen, dass sie in mir männliche Organe gefunden hätten. Einzig mit meiner Mutter sprach ich über diese bizarren Vorstellungen. Sie riet mir, als ich zwanzig war, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Sie meinte, dann würden meine dummen Ideen von selbst verschwinden.
Im Anschluss berichtete ich von Tom und beendete meinen Vortrag mit den Geschehnissen aus der letzten Woche.
„Mein Mann weiß Bescheid, er holt mich nach unserem Termin ab, aber was wird geschehen, wenn ich diesen Weg wirklich gehe? Er glaubt bisexuell zu sein, weil er heimlich mit einem Kommilitonen liiert gewesen war.“
Sie sah mich an, legte ihren Notizblock zur Seite und tat so, als wenn sie den Hut vor mir zog.
„Jetzt erleben Sie auch mich mal sprachlos. Das kommt selten genug vor. Ich habe schon sehr viel gehört und in einige Abgründe menschlichen Denkens gesehen. Alles, was Sie mir am Anfang erzählten, kam mir bekannt und vertraut vor. Es sind exakt die Erinnerungen, die ich von den meisten Transidenten erhalte. Bis zur Ehe kam ich auch noch gut mit. Lustig wurde es, als Sie von den Verkleidungen erzählten und wie Sie ihrem Mann im Wald in der Rolle einer Hure gegenübertraten. Bei den meisten Paaren, wäre es entweder dabei geblieben oder man hätte sich Gleichgesinnte gesucht, mit denen man sich in Mieträumen zum gemeinsamen Spielen getroffen hätte.
Was Sie sich hier in Hamburg getraut haben, das haut mich um. Natürlich spielt die Bekanntschaft Ihres Mannes mit diesem Mann von St. Pauli, wie hieß er gleich? Uwe? eine Rolle, allerdings glaube ich nicht, dass alle Leute in Ihrer Situation dies gleich ausgenutzt und in die Tat umgesetzt hätten. Hut ab! Wie geht es Ihnen jetzt damit, dass Sie mir das alles erzählt haben? Und wie glauben Sie, soll es bei Ihnen weitergehen?“
Das wusste ich selbst nicht und sagte es ihr auch.
„Ich fühle mich erst einmal sehr erleichtert. Ich konnte noch nie mit irgendjemandem über meine geheimen Träume sprechen. Sie sind die erste. Und ich bin Shiva sehr dankbar dafür, dass ich Sie kennenlernen durfte. Es ist ein Anfang. Irgendwie habe ich einen neuen Weg eingeschlagen, aber wohin er mich führen wird, liegt noch in einem dichten Nebel verborgen vor mir.“
„Das war jetzt sehr viel für Sie, Frau Krüger, aber auch für uns beide. Ich nehme Sie in meine Patientenkartei auf. Sie brauchen Hilfe. Aber Sie müssen mir eines versprechen, Sie machen nichts auf eigene Faust, wollen Sie das?“ Ich verstand und doch nicht. Aber ich nickte.
„Sie sind privat versichert? Dann kann ich jetzt fünf Sitzungen mit Ihnen abrechnen. Danach muss ich ein Gutachten für Ihre Dienststelle schreiben und für Ihre PKV natürlich auch. Aber nach den fünf Sitzungen wissen wir mehr. Ich zähle diesen Termin heute noch nicht dazu.
Das sind sozusagen immer meine Umsonst Treffen, um erst einmal Kontakt und Nähe zu schaffen. Freitags geht es bei Ihnen am besten, denke ich. Nächsten Freitag um 17 Uhr? Passt das? Ich muss eine Patientin auf eine andere Zeit verlegen. Aber die kommt hier aus Hamburg. Mit meinen auswärtigen Patienten muss ich immer flexibel sein.
Hausaufgabe: Denken Sie über Ihr bisheriges Leben nach. Ist es gut,wie es jetzt ist? Wird es in zehn Jahren noch gut sein, wollen Sie es so weiterleben? Spielen Sie im Kopf durch, wie ein Geschlechtswechsel für Sie ablaufen würde, denken Sie an die möglichen Reaktionen Ihrer Familie, Ihres Arbeitgebers. Schauen Sie ins Internet und machen Sie sich schlau über Transidentität am Arbeitsplatz, auch bei Ihnen in der Behörde. Denken Sie an Ihre Krankenversicherung, die sich sicher sehr freuen wird, Kosten in fünfstelliger Höhe übernehmen zu müssen. Das war satirisch gemeint. Was wird aus Ihrer Ehe, wenn Sie sich körperlich und personenstandrechtlich verändern? Was wird aus Ihrem "Nebenjob", den Sie jetzt grad begonnen haben? Welche Alternativen tun sich da auf?
Lassen Sie das alles sacken. Genießen Sie Ihr Wochenende und wir sehen uns nächste Woche Freitag. Wir werden dann nicht nur mehr wissen, sondern uns ernsthaft über ihre Zukunft unterhalten..“
Ich atmete ein und tief wieder aus. Was hatte ich angestoßen? Mein ganzes Leben kam mir wie eine Seilbahn vor, die gerade riss und im Begriff war mit mir in den Abgrund zu stürzen.
An der Tür gab ich ihr die Hand.
„Vielen Dank. Da kommt einiges auf mich zu und ich bin froh, von Ihnen begleitet zu werden.“
„Machen Sie es gut. Wir sehen uns!“
In meinem Kopf kreisten die Gedanken. Ich war in einer fremden Großstadt und musste auf der Straße aufpassen, nicht ins nächstbeste Auto zu laufen. Tom fiel mir ein. Nein, noch wollte ich ihn nicht anrufen. Dazu fühlte ich mich zu aufgewühlt. Auf der anderen Straßenseite befand sich eine Bäckerei. Zielstrebig stand ich zwei Minuten später vor einer netten jungen Verkäuferin, bestellte einen großen Cappuccino und gönnte mir ein Stück Erdbeertorte. Ein Platz im Café war gerade frei geworden. Uff, der Kaffee kam richtig an. Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen.
Da war etwas in Gang gesetzt worden, das ich nicht aufhalten konnte, das fühlte ich deutlich. Einzig das Tempo bestimmte ich selbst und ich durfte niemand etwas voreilig erzählen, ohne alle möglichen Fallstricke und Probleme analysiert zu haben. Ich brauchte Hilfe. Tom, unsere Beziehung zweifelte ich nicht mehr an. Wir würden das gemeinsam durchstehen und unseren Weg zusammen gehen. Von Tom wollte ich mich nie trennen. Hoffentlich konnte er das auch. Oh Gott, was kam da auf mich zu? Eine riesige Welle schlug über meinem Kopf zusammen. Ich versuchte ihn freizubekommen. Ich musste mich für die Arbeit fertig machen. Entschlossen trank ich meinen Cappuccino, nahm mein Handy aus der Handtasche und rief meinen Mann an. Eine halbe Stunde später hielt er vor dem Café.
Rasch stieg ich ein, es war viel Verkehr am frühen Abend, er konnte nicht lange auf der Fahrbahn stehen bleiben.
Wir redeten nur das Nötigste miteinander und ich war froh, dass er mich nicht nach detaillierten Gesprächsinhalten fragte. Er hielt auf dem Hinterhof des Bordellbetriebs. Schweigend nahm ich meinen Koffer und trat vor ihm in den dunklen Hausflur. Galant hatte er mir die Tür aufgehalten.
„Ich bin an der Bar. Uwe ist auch da. Du kannst heute hinten auf dem Kontakthof stehen und später im Lokal arbeiten, wenn dort mehr los ist.“ Ich nickte und ging durch die Kellertür nach unten in die Umkleideräume.
Einige Mädchen zogen sich gerade um. Ich grüßte mit dem üblichen ‚Moin‘ und suchte mir einen Schminktisch in der Nähe meines Schrankes.
Während ich mich zurechtmachte fühlte ich so etwas wie Routine darin. Das hier war ein Job. Gleichzeitig kribbelte Erregung in meiner Klitoris.
Die Frau im Spiegel, das war nicht ich. Das war die Hure Isabelle. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf. Wenn ich ein Mann werde, kann ich nicht mehr Isabelle heißen, und meinen bürgerlichen Namen kann ich auch nicht mehr tragen. Wie will ich mich nennen? Es war eine groteske Situation entstanden. Hier saß eine Frau in knappem Röckchen, in Higheels und Netzstrümpfen. Obenrum einen roten Büstenhalter, der zwei feste pralle Brüste hochdrückte und zusammenquetschte. Die durchsichtige pinkfarbene Bluse verbarg nichts. Ich hatte starken blauen Lidschatten aufgetragen und zog meinen Mund mit einem knallroten Lippenstift nach. Mit meiner blonden halblangen Perücke würde mich jetzt nicht einmal meine Mutter erkennen.
Eigentlich war gar nichts Groteskes daran, wenn ich es recht betrachtete. Früher wollte ich immer Jan heißen. Eigentlich ein hübscher Name für einen jungen Mann. Mir fiel meine erste Regel ein. Sie blieb schmerzhaft und unangenehm, trotz Pille und allerlei Medikamente, die ich gegen Regelbeschwerden eingenommen hatte. Es war eine schwierige Zeit gewesen, an die ich ungern zurückdenke.
Etwas Freude kam auf, als ich Tom kennenlernte. Die große Familie lenkte mich von meinen Tagträumen ab. Wir fuhren in Urlaub und buchten Aufenthalte auf Reiterhöfen. Sex war am Anfang unter der Rubrik Blümchen angesiedelt. Ich lag unten. Das ging solange, bis ich mit ihm anfing, im Wald Freier und Nutte zu spielen.
Aus unserem Spiel war nun in kurzer Zeit Ernst geworden. Ich hatte hier bei Uwe einen besonderen Arbeitsplatz angenommen. Aber war ich wirklich eine Frau? Die Antwort gab ich mir selbst. Nein. Ich war in der Seele ein Mann. Und wenn ich es richtig betrachtete war ich auch das noch lange nicht. Es brauchte noch einiges an Entwicklung.
Befriedigt blickte ich in den Spiegel. Jan war ok. und ich wollte Tom ein Geschenk machen. Wenn er schon seine Frau verlor, sollte er wenigstens den zweiten Vornamen seines künftigen besten Freundes aussuchen können.
Ein paar Minuten später stand ich an der Bar. Clarissa begrüßte mich freundlich.
„Hallo Isabelle, schön dass du da bist. Uwe und Tom sind eine Kneipentour machen. Ich soll dir von Uwe ausrichten, du möchtest nach draußen auf den Hof gehen. Du kennst ja die Graderobe hinten. Ich weiß nicht, wer gerade dort arbeitet. Aber das Mädchen weiß Bescheid. Du gehst mit deinem Gast zu ihr, er bezahlt das Zimmer und eine Flasche Sekt. Sie hat auch Bier. Kondome liegen in den Zimmern, Handtücher und Shampoo auch. Die Preise stehen am Tresen angeschrieben. Wenn er Sonderwünsche hat, musst du das selbst regeln. Das ist dein Verdienst, im wahrsten Sinn des Wortes. Wenn du Fragen hast, geh zur Garderobe und frag das Mädchen dort.“
„Kein Problem. Das Geld bringe ich dann zu Emilia?“
„Nein, das kassiert die Garderobiere und schreibt es auf dein Konto. Du musst gegenzeichnen, wenn er gegangen ist. Sie gibt dir dann auch frische Handtücher, damit du das Zimmer für die nächste Kollegin aufräumen kannst.“
Der Auftrag kam mir gerade recht. Ich fühlte mich so voller Power und unbeantworteter Fragen, dass ich dringend eine Abwechslung suchte. Ordentlicher Sex wäre jetzt das Richtige, dachte ich bei mir.
Charlene hieß das Mädchen an der Garderobe, das mich ebenso nett wie Clarissa begrüßte. Sie erzählte mir haargenau dieselben Abläufe und stellte mir einen kleinen Sekt zum Aufwärmen hin. Ich bedankte mich. Das konnte ich ebenfalls gut haben.
„Es ist noch nicht viel los. Viele Männer laufen nur über den Hof um sich umzuschauen. Die ziehen von einem Lokal ins nächste und suchen sich die Mädchen aus. Die meisten, die von außerhalb Hamburgs kommen, glauben, dass sie Preise vergleichen könnten, was aber Quatsch ist. Die Luden haben sich untereinander abgesprochen und einen Rahmen gesetzt. Nichts geht auf dem Kiez darunter und auch nichts darüber. Einzig bei den Sonderwünschen haben die Frauen ein Wörtchen mitzureden.“ Ich nickte.
„Dann mal ran an den Feind, bis nachher Charlene und vielen Dank für den Drink.“
Alle Gedanken über einen möglichen Geschlechtswechsel wurden beiseitegeschoben. Jetzt war die Arbeit erste Wahl.
Ich öffnete die Tür und trat auf einen abgeschlossenen Kontakthof hinaus. Überall standen Blumenkübel, die wohl auch als Aschenbecher dienten. In den Ecken sah ich schwarzgestrichene Bänke an der weißen Mauer. Es war noch hell, deshalb brannten erst einige wenige Lampen. In der Mitte des Platzes plätscherte ein marmorweißer Springbrunnen, der von Frauenskulpturen umsäumt wurde. Zwei Frauen standen am Eingang und sahen mich neugierig an. Ich ging gleich auf sie zu und stellte mich vor.
„Ich bin Fritzi und das ist Minni. Hier ist im Augenblick tote Hose. Die Typen kommen erst später. Die meisten wollen jetzt nur mal reinschauen.
Wir machen das so, dass mal die eine und mal die andere am Eingang steht. So haben wir alle die Möglichkeit einen Erstkontakt anbahnen zu können. Oft haben die Gäste gezielte Wünsche. Wir schicken sie dann an die entsprechende Kollegin weiter. In der Regel kommen wir am frühen Morgen alle finanziell auf unsere Kosten.“
„Das ist schön, ich werde mich nicht vordrängeln. Ich bin erst das zweite Wochenende hier und muss noch einiges lernen. Sagt mir bitte Bescheid, wenn ich etwas falsch mache“, bat ich die beiden.
Minni bot mir eine Zigarette an. Ich schüttelte den Kopf.
„Danke, ich rauche nicht. Aber ich habe Bonbons anzubieten, sozusagen als Einstand!“ Sie lachten.
Wir waren so miteinander beschäftigt gewesen, dass wir gar nicht bemerkten, wie ein junger Mann, dunkelhaarig, gut gekleidet und sehr gut aussehend auf uns zukam.
„Hallo, ihr drei Schönen. Ich suche eine nette Begleiterin für ein paar Stunden.“
Minni drehte sich keck um.
„Hallo, mein Süßer, nah, da bist du bei uns genau richtig.“ Sie hatte besitzergreifend den Arm um ihn gelegt. Fritzi strich langsam mit der Hand über seine Wange.
„Du kannst auch mit mir mitgehen, meine Schöner. Oder auch uns beide haben. Oder sogar alle drei? Ich bin brünett, Minni ist dunkelbraun und Isabelle ist blond!“
Sie deutete auf mich. „Ich bin neu hier, aber es gibt drinnen einen herrlichen Wellnessbereich mit Whirlpool, dürfen wir den auch benutzen?“, fragte ich die beiden anderen Mädchen und ließ ihn einen Blick auf meine Brüste werfen. Er schien anzubeißen.
„Aber sicher“, meinte Fritzi. „Kommt, wollen wir?“ Er schmunzelte.
Wir gingen zum Wellnessbereich durch, nachdem er bei Charlene bezahlt hatte. Die fing zu lachen an.
„Oh, da muss ich sofort Clarissa anrufen. Wir brauchen Mädels hier hinten. Du hast meinen ganzen Bestand aufgekauft, aber es war eine gute, eine sehr gute Wahl. Ihr werdet viel Spaß zusammen haben.“
Clarissa war wohl Kummer gewohnt. Charlene erzählte uns später, sie hätte gleich zwei Mädchen aus der Bar zu ihr geschickt, die noch einen guten Verdienst einfahren konnten.
Wir drei spazierten mit unserem Lover in den Wellnessbereich, duschten, tranken Sekt und schmusten im Pool. Eine lag entweder in seinem linken Arm, die andere rechts und die dritte versuchte sich an ihm. Er war gut bestückt. Ich fühlte mich großartig. Eine perfekte Überleitung in eine aufregende Nacht war geglückt. Er erzählte, er wäre Manager einer großen Autofirma und hatte geschäftlich in Hamburg zu tun. Dankend nahmen wir seine Visitenkarten an. Ich dachte an Tom, der mit einem größeren Auto liebäugelte. Unser Lover erwies sich als sehr standfest. Er schaffte es uns alle zu beglücken, zahlte noch eine Stunde nach und ließ jeder von uns ein großzügiges Trinkgeld da.
Erst um kurz nach 21 Uhr stand ich wieder auf dem Hof. Wie von Charlene vorhergesehen, füllte der sich inzwischen mit Besuchern.
Kommentare
Noch keine Kommentare vorhanden