Veröffentlicht von 2SeatCinema am 28.09.2026
Ein besonderes Konzert
Du stehst gerade wahrscheinlich irgendwo zwischen Flur und Spiegel, kontrollierst zum dritten Mal, ob die Tickets wirklich auf deinem Handy sind, und überlegst, ob die Jacke passt oder ob du doch die andere nimmst. Ich schreibe dir: „Bin da. Lass dir Zeit.“ Die Antwort kommt sofort:
„Sorry!! Zwei Minuten!!“
Es werden fünf. Dann geht die Tür auf und du kommst die Stufen herunter, schnell, fast ein bisschen hektisch, die Tasche halb über der Schulter, die Haare noch in Bewegung, als wärst du bis zur letzten Sekunde gerannt. Du öffnest die Beifahrertür, und mit dir kommt ein Schwall kühler Abendluft ins Auto.
„Sorry, sorry, ich hab mein Ladekabel gesucht und dann …“
„Nicht entschuldigen.“
„Ja, aber du stehst hier jetzt schon ewig …“
„Nicht! Entschuldigen!“ Ich sehe dich an, und du presst die Lippen zusammen, als müsstest du das nächste „Sorry“ mit aller Kraft zurückhalten, und dann lachst du, kurz und ein bisschen atemlos, und setzt dich.
Erst jetzt, als du dich zurechtrückst und die Jacke ein Stück zur Seite rutscht, sehe ich, was du darunter trägst: etwas Dunkles, eng Anliegendes, das jede Linie von dir nachzeichnet, und ich lasse meinen Blick einen Moment länger darauf liegen, als es höflich wäre.
„Was?“, fragst du leise.
„Nichts.“ Ich lege den Gang ein. „Trag sowas echt mal öfter.“
Du sagst nichts. Du schaust nach unten auf deine Hände und ich sehe im Licht der Armaturen, wie dir die Farbe in die Wangen steigt, langsam, von den Ohren her. Du ziehst die Jacke ein kleines Stück zu, nicht ganz, nur ein bisschen, als wüsstest du selbst nicht genau, ob du dich verstecken willst oder nicht. Ich schmunzle.
Wir fahren los. Die Wohnstraßen ziehen vorbei, erleuchtete Küchenfenster, ein Mann mit Hund, ein Bus, der gerade anfährt, und du sitzt neben mir und kannst die Hände nicht stillhalten. Du checkst dein Handy, legst es weg, nimmst es wieder, öffnest die Tickets, schließt sie, schaust aus dem Fenster, schaust aufs Navi. Wir haben gerade die Ampel am Ende deiner Straße erreicht, als du plötzlich erstarrst. Du sitzt ganz still, den Blick ins Leere gerichtet, und ich sehe förmlich, wie in deinem Kopf ein Film rückwärts läuft: Flur, Spiegel, Jacke, Ladekabel, Tür.
„Oh nein“, sagst du.
„Was?“
„Der Schlüssel.“ Du ziehst die Tasche auf deinen Schoß und fängst an zu wühlen, erst ruhig, dann immer hektischer. Ein Päckchen Taschentücher taucht auf, ein zerknitterter Kassenbon, ein Haargummi, noch ein Haargummi.
„Ich weiß nicht, ob ich den eingesteckt hab. Ich hab die Tür zugezogen, und dann … ich hab echt keine Ahnung. Ich war so im Stress wegen dem Kabel …“
„Soll ich umdrehen?“
„Nein, warte, warte.“ Du tastest die Jackentaschen ab, links, rechts, die Innentasche. Nichts. Du schaust mich an, halb verzweifelt, halb lachend. „Sorry, ich bin so verpeilt, ehrlich, ich …“
„Nicht entschuldigen.“
„Aber ich bin …“
„Du bist verpeilt, ja.“ Ich nicke ernst. „Das ist nichts Neues. Such weiter.“
Du schaust mich kurz empört an, aber dann musst du lachen und kippst die Tasche einfach aus, auf deine Knie, auf den Sitz, auf die Mittelkonsole. Die Ampel wird grün, ich fahre langsam an, und neben mir liegt dein halbes Leben verteilt: Kopfhörer, ein Kugelschreiber, dein Portemonnaie. Kein Schlüssel.
„Okay“, sagst du, und deine Stimme wird dünner. „Okay, das ist schlecht.“
„Hast du die Hosentasche gecheckt?“
Du hältst inne. Dann schiebst du langsam die Hand in die Tasche deiner engen Hose, was einiges an Mühe kostet, weil da eigentlich kaum Platz ist, und ich schaue dabei geradeaus auf die Straße, sehr konzentriert, sehr gewissenhaft. Dann höre ich es: ein leises, metallisches Klimpern.
Du ziehst den Schlüssel heraus, hältst ihn einen Moment fassungslos vor dich und lässt dich dann mit einem langen Seufzer in den Sitz sinken. Du sammelst deine Sachen zusammen und stopfst alles zurück in die Tasche, nur den Schlüssel nicht. Den steckst du ganz bewusst in die Innentasche deiner Jacke, ziehst den Reißverschluss zu und klopfst zweimal darauf, als wolltest du dich selbst beruhigen.
Auf der A42 wird es ruhiger. Die Lichter der anderen Autos ziehen sich zu langen roten und weißen Fäden, und irgendwann ziehst du die Schuhe aus und die Füße auf den Sitz, machst dich klein, wie du es immer machst, wenn du endlich angekommen bist, zumindest innerlich.
„Danke übrigens“, sagst du leise.
„Wofür?“
„Dass du mich fährst. Wirklich. Ohne dich hätte ich das mit Bahn und Umsteigen gemacht, und dann nachts zurück, und … ich weiß nicht, ich hätt's wahrscheinlich gelassen.“ Du zupfst an deinem Ärmel. „Tut mir leid, dass du wegen mir die ganze Strecke …“
„Hey.“
Du hältst inne.
„Was hab ich gesagt?“
„Nicht entschuldigen“, murmelst du, und dann, kaum hörbar: „Aber danke darf ich sagen.“
„Danke darfst du sagen.“ Ich werfe dir einen kurzen Blick zu.
Du ziehst die Knie etwas höher an dich heran und legst das Kinn darauf, und ich merke, wie du mich von der Seite ansiehst, lange, und ich halte meinen Blick auf der Straße, weil ich grinsen würde, wenn ich zu dir schaue. Irgendwann sagst du ganz ruhig:
„Ich hab mich die ganze Woche auf heute gefreut.“
„Ich mich auch“, sage ich.
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Du nickst, fast unmerklich, und schaust wieder nach vorne. Später erzählst du mir von Nova Lindt, der Künstlerin, die wir heute hören, obwohl ich die Hälfte davon schon kenne, weil du mir in den letzten Wochen ständig Links geschickt hast. Du erzählst, wie sie ihr erstes Album in einem Gartenhaus aufgenommen hat, dass sie nie mit Band auftritt, nur mit Flügel oder Gitarre, dass ihre Stimme so klingt, als würde sie einem etwas anvertrauen, das niemand sonst wissen soll. Du redest schneller, mit den Händen, und für eine Weile vergisst du deine Schüchternheit und ich lasse dich reden, weil ich das so mag: begeistert, ungefiltert.
Irgendwann liegt deine Hand auf der Mittelkonsole, ganz nah an meiner. Ich glaube nicht, dass du sie absichtlich dort hingelegt hast, du bist nicht der Typ für so etwas, aber du ziehst sie auch nicht weg, als du es bemerkst. Unsere Finger berühren sich nicht. Es fehlt vielleicht ein Zentimeter. Ich fahre weiter und lasse meine Hand danach genau dort liegen, wo sie ist, und so fahren wir die nächsten Kilometer, mit diesem einen Zentimeter zwischen uns, der lauter ist als das Radio.
Hinter der Abfahrt wird es dunkler, industrieller, und dann taucht sie auf: eine alte Zechenhalle aus rotem Backstein, hohe, schmale Fenster, hinter denen goldenes Licht flackert, und davor ein stillgelegter Förderturm, der schwarz in den Abendhimmel ragt. Vor dem Eingang stehen Menschen in kleinen Gruppen, rauchen, lachen, halten Flaschen in der Hand.
Du setzt dich sofort auf, die Füße wieder auf dem Boden, die Hand an der Tasche. „Oh Gott, da sind schon so viele Leute. Sind wir zu spät? Wir sind zu spät, oder?“
„Wir sind vierzig Minuten zu früh.“
„Sicher?“
„Ganz sicher.“
Ich parke und stelle den Motor ab, und plötzlich ist die Stille da, diese besondere Stille, wenn zwei Menschen in einem Auto sitzen und keiner als Erster aussteigt. Du bückst dich nach vorne, um deine Schuhe anzuziehen, deine Haare fallen dir ins Gesicht, und als du dich wieder aufrichtest, streichst du sie hinters Ohr und tastest noch einmal kurz nach der Innentasche deiner Jacke. Der Schlüssel ist noch da. Du atmest durch.
„Du bist nervöser als die Künstlerin“, sage ich.
„Sorry, ich …“ Du stoppst selbst, hältst dir die Hand vor den Mund und schaust mich über deine Finger hinweg an, schuldbewusst.
„Das war knapp.“
„Ich hab's nicht ganz ausgesprochen“, sagst du hinter deiner Hand.
„Zählt trotzdem halb.“
Wir gehen nebeneinander über den Kies. Es ist kühl geworden, und du ziehst die Jacke enger um dich. Drinnen ist es warm und riecht nach altem Holz, Bier und etwas Metallischem, das wohl noch aus der Zeit stammt, als hier Kohle aus der Tiefe geholt wurde. Die Decke ist hoch, von schweren Stahlträgern durchzogen, und überall hängen nackte Glühbirnen an langen Kabeln, die ein weiches, gelbliches Licht verbreiten. Vorne ist eine kleine Bühne, nur ein Flügel, ein Mikrofon, ein Hocker. Sonst nichts.
Die meisten drängen nach vorne, und du bleibst stehen und schaust unsicher in die Menge, dann zu mir.
„Such du aus“, sagst du. „Ich kann das nicht.“
Ich schaue mich um, und dann sehe ich ihn: links, hinter einer der dicken Stahlsäulen, halb im Schatten, ein kleiner runder Tisch mit zwei Stühlen, fern vom Licht, fast vergessen.
„Da?“
Du zögerst einen Herzschlag lang, dann kommst du hinterher. Am Tisch ziehst du die Jacke aus und hängst sie über die Stuhllehne und im schwachen Licht, das von der Bühne herüberfällt, zeichnet sich deine Silhouette ab, schmal, dunkel, und ich schaue hin, ganz offen.
Du merkst es. Du verschränkst kurz die Arme vor der Brust, dann lässt du sie wieder sinken, als hättest du dich bewusst dagegen entschieden.
Ich ziehe den zweiten Stuhl heran, ein kleines Stück näher an deinen, als er vorher stand. Du schaust auf den Stuhl, dann auf mich, und sagst nichts. Aber du rückst auch nicht weg.
Und ich setze mich.
Eine Kellnerin mit kurzen, silbern gefärbten Haaren taucht aus dem Halbdunkel auf, legt zwei Karten auf den Tisch und stellt ein kleines Teelicht in einem Glas zwischen uns, das sofort alles verändert: Plötzlich liegt ein warmer, flackernder Schein auf deinem Gesicht, auf deinen Händen, auf dem schmalen Streifen Haut an deinem Schlüsselbein, und alles andere um uns herum versinkt noch ein bisschen tiefer im Schatten.
„Einen kleinen Salat, bitte“, sagst du. „Könnte ich das Dressing extra bekommen? Wenn das nicht zu viel Umstand ist. Sorry.“
„Kein Problem“, sagt die Kellnerin.
„Und einen Tee.“
„Für mich die vegane Pizza Funghi“, sage ich. „Und einen Mojito, alkoholfrei.“
Als sie weg ist, beuge ich mich zu dir. „Du hast dich gerade für Dressing entschuldigt.“
Du legst die Hände vors Gesicht und lachst hinein. „Ich kann nichts dafür.“
„Ich weiß. Ist irgendwie süß.“
Du nimmst die Hände langsam herunter, und im Kerzenlicht sehen deine Augen fast schwarz aus. Du sagst nichts dazu, aber du hörst auf zu lachen.
Dann gehen die Lichter über dem Publikum aus, und sie kommt auf die Bühne: Nova Lindt, barfuß, in einem schlichten schwarzen Kleid, mit langen rotbraunen Haaren, und als sie sich an den Flügel setzt und mit dieser tiefen, etwas rauen Stimme die ersten Zeilen singt, wird es im ganzen Raum so still, dass man das Knistern der Teelichter hört.
Nach dem zweiten Lied lehne ich mich zu dir. „Okay. Das hast du mir verschwiegen.“
„Was?“
„Das sie sexy ist.“
Du schaust weiter zur Bühne, und dann sagst du ganz leise, ganz ehrlich:
„Ich weiß. Ich find sie auch ziemlich heiß.“
Du hältst kurz inne und drehst die Teetasse zwischen den Fingern.
„Vor allem die Stimme. So eine Stimme, direkt am Ohr … das wär’s.“
Du schaust auf die Tischplatte. Die Pizza kommt, dein Salat, das kleine Kännchen mit dem Dressing, und du gießt es in langsamen Kreisen über die Blätter, viel langsamer als nötig, nur um deine Hände irgendwo zu beschäftigen. Vorne singt Nova weiter, aber sie ist jetzt nur noch Hintergrund, ein warmes Rauschen, und ich höre sie kaum.
„Es ist komisch“, sagst du nach einer Weile, ohne aufzusehen.
„Was?“
„Dir gegenüberzusitzen. Nach allem, was wir uns geschrieben haben.“ Du schiebst ein Salatblatt von einer Seite auf die andere.
„Das waren ja nur Worte. Schlüpfrige Worte, okay, aber … nur Worte. Ich lieg da im Dunkeln, du schreibst mir irgendwas, und ich les das und denk mir: Oh Gott, was schreibt der da. Und dann krieg ich dieses Kribbeln, im Bauch, überall, und schreib was zurück, das ich mich niemals trauen würde laut zu sagen. Und dann leg ich das Handy weg und halt mir das Kissen vors Gesicht.“
„Und am nächsten Morgen?“
„Am nächsten Morgen schreib ich dir ‚Guten Morgen‘ und grinse dabei wie eine Idiotin.“
Du lachst leise. „Ich bereu ja nichts davon. Kein einziges Wort. Aber es war immer geschrieben. Nie gesagt. Da ist so ein Unterschied, weißt du? Wenn ich's tippe, dann gehört es irgendwie mir, und ich kann's in Ruhe loslassen. Aber laut …“
„Laut hast du's noch nie gesagt.“
„Nein.“ Du hebst kurz den Blick. „Und jetzt sitzt du mir gegenüber und weißt das alles. Jedes Wort. Und du siehst mich an, als würdest du genau daran denken.“
„Tu ich auch.“
Du schluckst. „Siehst du. Genau das meine ich.“
Ich lege mein Besteck ab und lehne mich ein Stück vor, gerade so weit, dass ich leiser sprechen kann.
„Soll ich dir sagen, was ich von allem, was du mir geschrieben hast, am meisten im Kopf behalten hab?“
„Nein“, sagst du sofort.
„Doch.“
„Bitte nicht.“ Aber du lächelst dabei, und du schaust mich an, und du meinst nicht wirklich nein.
„Dass du's magst, wenn man dich warten lässt“, sage ich leise. „Dass es dich verrückt macht, wenn alles ganz langsam geht. So langsam, dass du irgendwann nicht mehr weißt, ob du's noch aushältst.“
„Du hast dir das alles gemerkt“, sagst du, kaum hörbar.
„Jedes Wort. Ich hab mir sogar gemerkt, wie lange du jeweils für die Antwort gebraucht hast.“
„Das ist gemein.“
„Die langen Pausen waren immer die besten.“
Du beißt dir auf die Unterlippe und schaust weg, und in der Stille zwischen zwei Akkorden sagst du, ohne mich anzusehen:
„Ich weiß auch noch, was du mir geschrieben hast.“
Jetzt bin ich es, der still wird.
„Dass du's magst, wenn ich mich was traue“, sagst du, langsam, jedes Wort vorsichtig abgewogen. „Gerade weil ich's sonst nie tue. Dass dich das mehr kriegt als alles andere, wenn jemand, der eigentlich schüchtern ist, plötzlich ehrlich sagt, was er will.“
Du hebst den Blick und schaust mich an, direkt, zum ersten Mal an diesem Abend, ohne auszuweichen. Das Teelicht flackert zwischen uns. Irgendwo applaudiert jemand, der Applaus zieht durch den Raum wie eine Welle und verebbt wieder, und wir sitzen da, beide still, und keiner von uns hat noch Hunger.
Unter dem Tisch streift etwas ganz vorsichtig meinen Knöchel, als würdest du dich selbst dabei ertappen. Ich schaue nach unten, aber es ist zu dunkel, um etwas zu erkennen, und als ich wieder hochsehe, sitzt du da mit geradem Rücken, die Teetasse in beiden Händen, als wäre nichts passiert. Nur deine Wangen verraten dich.
Irgendwann hast du deine Schuhe ausgezogen. Ich habe es nicht einmal gemerkt.
Dein Fuß liegt jetzt still an meinem Knöchel, nackte Haut auf nackter Haut, und ich halte vollkommen still, weil ich Angst habe, dass du dich zurückziehst, wenn ich mich bewege. Einen Moment lang passiert nichts. Dann gleiten deine Zehen ganz langsam, fast zögernd, an der Innenseite meines Unterschenkels nach oben, bis zum Saum meiner Shorts, und wieder zurück. Deine Haut ist kühl, und meine brennt.
„Dass es sich laut genauso anfühlt“, sagst du leise, und endlich schaust du mich wieder an. „Nur viel mehr.“
Ich sage nichts. Ich kann gar nichts sagen.
„Ist das okay?“, fragst du, und für einen Augenblick ist sie wieder da, die Frau, die sich für alles entschuldigt, unsicher, fast ängstlich.
„Wenn du dich jetzt entschuldigst“, sage ich, „steh ich auf und geh.“
Du lachst, leise und zittrig. „Das würdest du nicht.“
„Nein“, gebe ich zu. „Würde ich nicht.“
Und dein Fuß bewegt sich weiter. Langsam. So langsam, dass ich jede einzelne Bewegung spüre, als würde sie absichtlich gedehnt. Die Zehen streifen den Saum meiner Shorts, bleiben dort liegen, tippen einmal leicht dagegen, als würdest du prüfen, ob ich wirklich stillhalte. Ich tue es. Ich atme aus und lasse die Hand flach auf dem Tisch liegen, während Nova Lindt vorne etwas Leises, Beinahe-Flüsterndes singt.
Du schiebst den Stoff ein Stück zur Seite. Nicht abrupt. Zentimeter für Zentimeter. Deine Fußsohle gleitet an der Innenseite meines Oberschenkels hoch, warm jetzt von meiner Haut, und bleibt kurz unterhalb der Stelle stehen, wo der Stoff enger wird. Du drückst dich dort an mich, spürst, wie hart ich bereits bin, und ziehst dich dann wieder ein Stück zurück. Nur ein Stück. Genug, dass ich unwillkürlich die Hüfte anhebe, bevor ich mich wieder zwinge, stillzusitzen.
Du lächelst. Ich sehe es nicht, aber ich spüre es an der Art, wie deine Zehen wieder vorwärtswandern. Diesmal direkter. Sie finden den Schaft durch die Unterhose, streichen einmal von unten nach oben, bleiben an der Spitze liegen und üben dort einen leichten, kreisenden Druck aus. Nicht genug, um mich wirklich zu reizen. Gerade genug, dass mein Atem stockt.
„Nicht bewegen“, flüsterst du, ohne den Blick von der Bühne zu nehmen.
Ich bewege mich nicht.
Du spielst. Deine Zehen wandern auf und ab, mal fester, mal so leicht, dass es sich anfühlt wie ein Hauch. Du streichelst die ganze Länge, dann nur die Spitze, dann wieder die Basis, wo der Stoff bereits feucht wird. Jedes Mal, wenn ich glaube, du würdest endlich fester zupacken, ziehst du dich zurück und lässt nur die Kuppen meiner Haut berühren. Ich beiße mir auf die Unterlippe und starre geradeaus, während vor uns die Leute applaudieren und ich nichts davon höre.
Dann schiebst du den Stoff der Shorts und der Unterhose beiseite.
Nackte Haut.
Deine Zehen schließen sich um mich. Nicht fest. Nur so, dass ich spüre, wie warm und weich sie sind. Du hältst mich einfach einen Moment lang, ohne dich zu bewegen, und ich merke, wie mein Puls gegen deine Haut schlägt. Du atmest aus, ganz leise, und beginnst dann, mich zu streicheln. Auf und ab. Langsam. Rhythmisch. Deine Zehen gleiten über den Schaft, bleiben an der Eichel hängen, drehen sich ein wenig und lassen mich wieder los, nur um mich im nächsten Moment erneut zu umschließen.
Du variierst den Druck. Manchmal so fest, dass ich die Zähne zusammenbeiße. Manchmal so zart, dass ich fast nach vorne rücke, um mehr davon zu bekommen. Du lässt es nicht zu. Jedes Mal, wenn ich unwillkürlich die Hüfte anhebe, hältst du inne, bis ich wieder stillsitze. Dann belohnst du mich mit einer längeren, festeren Bewegung.
Die Zeit dehnt sich. Ein Lied endet. Ein neues beginnt. Ich weiß nicht mehr, welches. Ich weiß nur, dass deine Zehen mich inzwischen kennen. Sie wissen, wo ich besonders empfindlich bin. Sie wissen, dass ich zucke, wenn du die Spitze zwischen dir einschließt und einen Moment lang festhältst. Sie wissen, dass ich leiser atme, wenn du tiefer gehst und mit dem Ballen deines Fußes sanften Druck auf den unteren Teil ausübst.
Du wirst mutiger.
Eine deiner Zehen gleitet unter die Eichel, streicht dort hin und her, während die anderen den Schaft halten. Der Druck ist eng, feucht von dem, was bereits aus mir tropft, und so gezielt, dass mir die Luft wegbleibt. Du tust es immer wieder. Langsam. Mit Absicht. Als würdest du mir genau zeigen, dass du weißt, was du tust.
„Du bist so nass“, flüsterst du, und deine Stimme klingt heiser vor Anspannung.
Ich antworte nicht. Ich kann nicht. Du spielst weiter. Du lässt mich fast kommen, ziehst dich dann zurück, streichelst nur noch ganz leicht die Innenseite meines Oberschenkels, bis ich wieder atmen kann. Dann kommst du zurück. Fester diesmal. Schneller. Deine Zehen umschließen mich richtig, *****en mich in kurzen, gezielten Bewegungen, und ich spüre, wie alles in mir enger wird.
Die Sängerin beendet das Lied. Applaus brandet auf.
Du nutzt den Lärm.
Dein Fuß wird unnachgiebig. Du reibst mich jetzt ohne Pause, fest und rhythmisch, und gleichzeitig drückst du die Spitze zwischen deine Zehen, hältst sie dort, lässt sie nicht mehr los. Der Druck ist zu viel. Die Wärme. Die Enge. Das Wissen, dass du mich genau so haben willst – hier, mitten unter den Leuten, während niemand etwas sieht.
„Komm“, flüsterst du.
Und ich komme. Hart. Lautlos. In die Hose. Die Hitze schießt durch mich hindurch, und ich spüre, wie ich mich in den Stoff ergieße, warm und nass, während deine Zehen mich weiter festhalten und ausmelken, bis nichts mehr kommt. Mein ganzer Körper ist steif, die Hände krallen sich in die Tischkante, und ich atme durch die Nase, weil ich sonst stöhnen würde.
Du lässt mich erst los, als der Applaus abebbt.
Dann ziehst du deinen Fuß langsam zurück, streifst ihn einmal an meiner Wade ab und setzt ihn wieder auf den Boden. Du greifst nach deiner Teetasse, nimmst einen Schluck. Deine Wangen brennen, du lächelst ganz leise.
„So“, flüsterst du. „Jetzt sind wir quitt.“ Ich weiß, dass wir es nicht sind. Es gibt ja noch die Rückfahrt…
„Sorry!! Zwei Minuten!!“
Es werden fünf. Dann geht die Tür auf und du kommst die Stufen herunter, schnell, fast ein bisschen hektisch, die Tasche halb über der Schulter, die Haare noch in Bewegung, als wärst du bis zur letzten Sekunde gerannt. Du öffnest die Beifahrertür, und mit dir kommt ein Schwall kühler Abendluft ins Auto.
„Sorry, sorry, ich hab mein Ladekabel gesucht und dann …“
„Nicht entschuldigen.“
„Ja, aber du stehst hier jetzt schon ewig …“
„Nicht! Entschuldigen!“ Ich sehe dich an, und du presst die Lippen zusammen, als müsstest du das nächste „Sorry“ mit aller Kraft zurückhalten, und dann lachst du, kurz und ein bisschen atemlos, und setzt dich.
Erst jetzt, als du dich zurechtrückst und die Jacke ein Stück zur Seite rutscht, sehe ich, was du darunter trägst: etwas Dunkles, eng Anliegendes, das jede Linie von dir nachzeichnet, und ich lasse meinen Blick einen Moment länger darauf liegen, als es höflich wäre.
„Was?“, fragst du leise.
„Nichts.“ Ich lege den Gang ein. „Trag sowas echt mal öfter.“
Du sagst nichts. Du schaust nach unten auf deine Hände und ich sehe im Licht der Armaturen, wie dir die Farbe in die Wangen steigt, langsam, von den Ohren her. Du ziehst die Jacke ein kleines Stück zu, nicht ganz, nur ein bisschen, als wüsstest du selbst nicht genau, ob du dich verstecken willst oder nicht. Ich schmunzle.
Wir fahren los. Die Wohnstraßen ziehen vorbei, erleuchtete Küchenfenster, ein Mann mit Hund, ein Bus, der gerade anfährt, und du sitzt neben mir und kannst die Hände nicht stillhalten. Du checkst dein Handy, legst es weg, nimmst es wieder, öffnest die Tickets, schließt sie, schaust aus dem Fenster, schaust aufs Navi. Wir haben gerade die Ampel am Ende deiner Straße erreicht, als du plötzlich erstarrst. Du sitzt ganz still, den Blick ins Leere gerichtet, und ich sehe förmlich, wie in deinem Kopf ein Film rückwärts läuft: Flur, Spiegel, Jacke, Ladekabel, Tür.
„Oh nein“, sagst du.
„Was?“
„Der Schlüssel.“ Du ziehst die Tasche auf deinen Schoß und fängst an zu wühlen, erst ruhig, dann immer hektischer. Ein Päckchen Taschentücher taucht auf, ein zerknitterter Kassenbon, ein Haargummi, noch ein Haargummi.
„Ich weiß nicht, ob ich den eingesteckt hab. Ich hab die Tür zugezogen, und dann … ich hab echt keine Ahnung. Ich war so im Stress wegen dem Kabel …“
„Soll ich umdrehen?“
„Nein, warte, warte.“ Du tastest die Jackentaschen ab, links, rechts, die Innentasche. Nichts. Du schaust mich an, halb verzweifelt, halb lachend. „Sorry, ich bin so verpeilt, ehrlich, ich …“
„Nicht entschuldigen.“
„Aber ich bin …“
„Du bist verpeilt, ja.“ Ich nicke ernst. „Das ist nichts Neues. Such weiter.“
Du schaust mich kurz empört an, aber dann musst du lachen und kippst die Tasche einfach aus, auf deine Knie, auf den Sitz, auf die Mittelkonsole. Die Ampel wird grün, ich fahre langsam an, und neben mir liegt dein halbes Leben verteilt: Kopfhörer, ein Kugelschreiber, dein Portemonnaie. Kein Schlüssel.
„Okay“, sagst du, und deine Stimme wird dünner. „Okay, das ist schlecht.“
„Hast du die Hosentasche gecheckt?“
Du hältst inne. Dann schiebst du langsam die Hand in die Tasche deiner engen Hose, was einiges an Mühe kostet, weil da eigentlich kaum Platz ist, und ich schaue dabei geradeaus auf die Straße, sehr konzentriert, sehr gewissenhaft. Dann höre ich es: ein leises, metallisches Klimpern.
Du ziehst den Schlüssel heraus, hältst ihn einen Moment fassungslos vor dich und lässt dich dann mit einem langen Seufzer in den Sitz sinken. Du sammelst deine Sachen zusammen und stopfst alles zurück in die Tasche, nur den Schlüssel nicht. Den steckst du ganz bewusst in die Innentasche deiner Jacke, ziehst den Reißverschluss zu und klopfst zweimal darauf, als wolltest du dich selbst beruhigen.
Auf der A42 wird es ruhiger. Die Lichter der anderen Autos ziehen sich zu langen roten und weißen Fäden, und irgendwann ziehst du die Schuhe aus und die Füße auf den Sitz, machst dich klein, wie du es immer machst, wenn du endlich angekommen bist, zumindest innerlich.
„Danke übrigens“, sagst du leise.
„Wofür?“
„Dass du mich fährst. Wirklich. Ohne dich hätte ich das mit Bahn und Umsteigen gemacht, und dann nachts zurück, und … ich weiß nicht, ich hätt's wahrscheinlich gelassen.“ Du zupfst an deinem Ärmel. „Tut mir leid, dass du wegen mir die ganze Strecke …“
„Hey.“
Du hältst inne.
„Was hab ich gesagt?“
„Nicht entschuldigen“, murmelst du, und dann, kaum hörbar: „Aber danke darf ich sagen.“
„Danke darfst du sagen.“ Ich werfe dir einen kurzen Blick zu.
Du ziehst die Knie etwas höher an dich heran und legst das Kinn darauf, und ich merke, wie du mich von der Seite ansiehst, lange, und ich halte meinen Blick auf der Straße, weil ich grinsen würde, wenn ich zu dir schaue. Irgendwann sagst du ganz ruhig:
„Ich hab mich die ganze Woche auf heute gefreut.“
„Ich mich auch“, sage ich.
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Du nickst, fast unmerklich, und schaust wieder nach vorne. Später erzählst du mir von Nova Lindt, der Künstlerin, die wir heute hören, obwohl ich die Hälfte davon schon kenne, weil du mir in den letzten Wochen ständig Links geschickt hast. Du erzählst, wie sie ihr erstes Album in einem Gartenhaus aufgenommen hat, dass sie nie mit Band auftritt, nur mit Flügel oder Gitarre, dass ihre Stimme so klingt, als würde sie einem etwas anvertrauen, das niemand sonst wissen soll. Du redest schneller, mit den Händen, und für eine Weile vergisst du deine Schüchternheit und ich lasse dich reden, weil ich das so mag: begeistert, ungefiltert.
Irgendwann liegt deine Hand auf der Mittelkonsole, ganz nah an meiner. Ich glaube nicht, dass du sie absichtlich dort hingelegt hast, du bist nicht der Typ für so etwas, aber du ziehst sie auch nicht weg, als du es bemerkst. Unsere Finger berühren sich nicht. Es fehlt vielleicht ein Zentimeter. Ich fahre weiter und lasse meine Hand danach genau dort liegen, wo sie ist, und so fahren wir die nächsten Kilometer, mit diesem einen Zentimeter zwischen uns, der lauter ist als das Radio.
Hinter der Abfahrt wird es dunkler, industrieller, und dann taucht sie auf: eine alte Zechenhalle aus rotem Backstein, hohe, schmale Fenster, hinter denen goldenes Licht flackert, und davor ein stillgelegter Förderturm, der schwarz in den Abendhimmel ragt. Vor dem Eingang stehen Menschen in kleinen Gruppen, rauchen, lachen, halten Flaschen in der Hand.
Du setzt dich sofort auf, die Füße wieder auf dem Boden, die Hand an der Tasche. „Oh Gott, da sind schon so viele Leute. Sind wir zu spät? Wir sind zu spät, oder?“
„Wir sind vierzig Minuten zu früh.“
„Sicher?“
„Ganz sicher.“
Ich parke und stelle den Motor ab, und plötzlich ist die Stille da, diese besondere Stille, wenn zwei Menschen in einem Auto sitzen und keiner als Erster aussteigt. Du bückst dich nach vorne, um deine Schuhe anzuziehen, deine Haare fallen dir ins Gesicht, und als du dich wieder aufrichtest, streichst du sie hinters Ohr und tastest noch einmal kurz nach der Innentasche deiner Jacke. Der Schlüssel ist noch da. Du atmest durch.
„Du bist nervöser als die Künstlerin“, sage ich.
„Sorry, ich …“ Du stoppst selbst, hältst dir die Hand vor den Mund und schaust mich über deine Finger hinweg an, schuldbewusst.
„Das war knapp.“
„Ich hab's nicht ganz ausgesprochen“, sagst du hinter deiner Hand.
„Zählt trotzdem halb.“
Wir gehen nebeneinander über den Kies. Es ist kühl geworden, und du ziehst die Jacke enger um dich. Drinnen ist es warm und riecht nach altem Holz, Bier und etwas Metallischem, das wohl noch aus der Zeit stammt, als hier Kohle aus der Tiefe geholt wurde. Die Decke ist hoch, von schweren Stahlträgern durchzogen, und überall hängen nackte Glühbirnen an langen Kabeln, die ein weiches, gelbliches Licht verbreiten. Vorne ist eine kleine Bühne, nur ein Flügel, ein Mikrofon, ein Hocker. Sonst nichts.
Die meisten drängen nach vorne, und du bleibst stehen und schaust unsicher in die Menge, dann zu mir.
„Such du aus“, sagst du. „Ich kann das nicht.“
Ich schaue mich um, und dann sehe ich ihn: links, hinter einer der dicken Stahlsäulen, halb im Schatten, ein kleiner runder Tisch mit zwei Stühlen, fern vom Licht, fast vergessen.
„Da?“
Du zögerst einen Herzschlag lang, dann kommst du hinterher. Am Tisch ziehst du die Jacke aus und hängst sie über die Stuhllehne und im schwachen Licht, das von der Bühne herüberfällt, zeichnet sich deine Silhouette ab, schmal, dunkel, und ich schaue hin, ganz offen.
Du merkst es. Du verschränkst kurz die Arme vor der Brust, dann lässt du sie wieder sinken, als hättest du dich bewusst dagegen entschieden.
Ich ziehe den zweiten Stuhl heran, ein kleines Stück näher an deinen, als er vorher stand. Du schaust auf den Stuhl, dann auf mich, und sagst nichts. Aber du rückst auch nicht weg.
Und ich setze mich.
Eine Kellnerin mit kurzen, silbern gefärbten Haaren taucht aus dem Halbdunkel auf, legt zwei Karten auf den Tisch und stellt ein kleines Teelicht in einem Glas zwischen uns, das sofort alles verändert: Plötzlich liegt ein warmer, flackernder Schein auf deinem Gesicht, auf deinen Händen, auf dem schmalen Streifen Haut an deinem Schlüsselbein, und alles andere um uns herum versinkt noch ein bisschen tiefer im Schatten.
„Einen kleinen Salat, bitte“, sagst du. „Könnte ich das Dressing extra bekommen? Wenn das nicht zu viel Umstand ist. Sorry.“
„Kein Problem“, sagt die Kellnerin.
„Und einen Tee.“
„Für mich die vegane Pizza Funghi“, sage ich. „Und einen Mojito, alkoholfrei.“
Als sie weg ist, beuge ich mich zu dir. „Du hast dich gerade für Dressing entschuldigt.“
Du legst die Hände vors Gesicht und lachst hinein. „Ich kann nichts dafür.“
„Ich weiß. Ist irgendwie süß.“
Du nimmst die Hände langsam herunter, und im Kerzenlicht sehen deine Augen fast schwarz aus. Du sagst nichts dazu, aber du hörst auf zu lachen.
Dann gehen die Lichter über dem Publikum aus, und sie kommt auf die Bühne: Nova Lindt, barfuß, in einem schlichten schwarzen Kleid, mit langen rotbraunen Haaren, und als sie sich an den Flügel setzt und mit dieser tiefen, etwas rauen Stimme die ersten Zeilen singt, wird es im ganzen Raum so still, dass man das Knistern der Teelichter hört.
Nach dem zweiten Lied lehne ich mich zu dir. „Okay. Das hast du mir verschwiegen.“
„Was?“
„Das sie sexy ist.“
Du schaust weiter zur Bühne, und dann sagst du ganz leise, ganz ehrlich:
„Ich weiß. Ich find sie auch ziemlich heiß.“
Du hältst kurz inne und drehst die Teetasse zwischen den Fingern.
„Vor allem die Stimme. So eine Stimme, direkt am Ohr … das wär’s.“
Du schaust auf die Tischplatte. Die Pizza kommt, dein Salat, das kleine Kännchen mit dem Dressing, und du gießt es in langsamen Kreisen über die Blätter, viel langsamer als nötig, nur um deine Hände irgendwo zu beschäftigen. Vorne singt Nova weiter, aber sie ist jetzt nur noch Hintergrund, ein warmes Rauschen, und ich höre sie kaum.
„Es ist komisch“, sagst du nach einer Weile, ohne aufzusehen.
„Was?“
„Dir gegenüberzusitzen. Nach allem, was wir uns geschrieben haben.“ Du schiebst ein Salatblatt von einer Seite auf die andere.
„Das waren ja nur Worte. Schlüpfrige Worte, okay, aber … nur Worte. Ich lieg da im Dunkeln, du schreibst mir irgendwas, und ich les das und denk mir: Oh Gott, was schreibt der da. Und dann krieg ich dieses Kribbeln, im Bauch, überall, und schreib was zurück, das ich mich niemals trauen würde laut zu sagen. Und dann leg ich das Handy weg und halt mir das Kissen vors Gesicht.“
„Und am nächsten Morgen?“
„Am nächsten Morgen schreib ich dir ‚Guten Morgen‘ und grinse dabei wie eine Idiotin.“
Du lachst leise. „Ich bereu ja nichts davon. Kein einziges Wort. Aber es war immer geschrieben. Nie gesagt. Da ist so ein Unterschied, weißt du? Wenn ich's tippe, dann gehört es irgendwie mir, und ich kann's in Ruhe loslassen. Aber laut …“
„Laut hast du's noch nie gesagt.“
„Nein.“ Du hebst kurz den Blick. „Und jetzt sitzt du mir gegenüber und weißt das alles. Jedes Wort. Und du siehst mich an, als würdest du genau daran denken.“
„Tu ich auch.“
Du schluckst. „Siehst du. Genau das meine ich.“
Ich lege mein Besteck ab und lehne mich ein Stück vor, gerade so weit, dass ich leiser sprechen kann.
„Soll ich dir sagen, was ich von allem, was du mir geschrieben hast, am meisten im Kopf behalten hab?“
„Nein“, sagst du sofort.
„Doch.“
„Bitte nicht.“ Aber du lächelst dabei, und du schaust mich an, und du meinst nicht wirklich nein.
„Dass du's magst, wenn man dich warten lässt“, sage ich leise. „Dass es dich verrückt macht, wenn alles ganz langsam geht. So langsam, dass du irgendwann nicht mehr weißt, ob du's noch aushältst.“
„Du hast dir das alles gemerkt“, sagst du, kaum hörbar.
„Jedes Wort. Ich hab mir sogar gemerkt, wie lange du jeweils für die Antwort gebraucht hast.“
„Das ist gemein.“
„Die langen Pausen waren immer die besten.“
Du beißt dir auf die Unterlippe und schaust weg, und in der Stille zwischen zwei Akkorden sagst du, ohne mich anzusehen:
„Ich weiß auch noch, was du mir geschrieben hast.“
Jetzt bin ich es, der still wird.
„Dass du's magst, wenn ich mich was traue“, sagst du, langsam, jedes Wort vorsichtig abgewogen. „Gerade weil ich's sonst nie tue. Dass dich das mehr kriegt als alles andere, wenn jemand, der eigentlich schüchtern ist, plötzlich ehrlich sagt, was er will.“
Du hebst den Blick und schaust mich an, direkt, zum ersten Mal an diesem Abend, ohne auszuweichen. Das Teelicht flackert zwischen uns. Irgendwo applaudiert jemand, der Applaus zieht durch den Raum wie eine Welle und verebbt wieder, und wir sitzen da, beide still, und keiner von uns hat noch Hunger.
Unter dem Tisch streift etwas ganz vorsichtig meinen Knöchel, als würdest du dich selbst dabei ertappen. Ich schaue nach unten, aber es ist zu dunkel, um etwas zu erkennen, und als ich wieder hochsehe, sitzt du da mit geradem Rücken, die Teetasse in beiden Händen, als wäre nichts passiert. Nur deine Wangen verraten dich.
Irgendwann hast du deine Schuhe ausgezogen. Ich habe es nicht einmal gemerkt.
Dein Fuß liegt jetzt still an meinem Knöchel, nackte Haut auf nackter Haut, und ich halte vollkommen still, weil ich Angst habe, dass du dich zurückziehst, wenn ich mich bewege. Einen Moment lang passiert nichts. Dann gleiten deine Zehen ganz langsam, fast zögernd, an der Innenseite meines Unterschenkels nach oben, bis zum Saum meiner Shorts, und wieder zurück. Deine Haut ist kühl, und meine brennt.
„Dass es sich laut genauso anfühlt“, sagst du leise, und endlich schaust du mich wieder an. „Nur viel mehr.“
Ich sage nichts. Ich kann gar nichts sagen.
„Ist das okay?“, fragst du, und für einen Augenblick ist sie wieder da, die Frau, die sich für alles entschuldigt, unsicher, fast ängstlich.
„Wenn du dich jetzt entschuldigst“, sage ich, „steh ich auf und geh.“
Du lachst, leise und zittrig. „Das würdest du nicht.“
„Nein“, gebe ich zu. „Würde ich nicht.“
Und dein Fuß bewegt sich weiter. Langsam. So langsam, dass ich jede einzelne Bewegung spüre, als würde sie absichtlich gedehnt. Die Zehen streifen den Saum meiner Shorts, bleiben dort liegen, tippen einmal leicht dagegen, als würdest du prüfen, ob ich wirklich stillhalte. Ich tue es. Ich atme aus und lasse die Hand flach auf dem Tisch liegen, während Nova Lindt vorne etwas Leises, Beinahe-Flüsterndes singt.
Du schiebst den Stoff ein Stück zur Seite. Nicht abrupt. Zentimeter für Zentimeter. Deine Fußsohle gleitet an der Innenseite meines Oberschenkels hoch, warm jetzt von meiner Haut, und bleibt kurz unterhalb der Stelle stehen, wo der Stoff enger wird. Du drückst dich dort an mich, spürst, wie hart ich bereits bin, und ziehst dich dann wieder ein Stück zurück. Nur ein Stück. Genug, dass ich unwillkürlich die Hüfte anhebe, bevor ich mich wieder zwinge, stillzusitzen.
Du lächelst. Ich sehe es nicht, aber ich spüre es an der Art, wie deine Zehen wieder vorwärtswandern. Diesmal direkter. Sie finden den Schaft durch die Unterhose, streichen einmal von unten nach oben, bleiben an der Spitze liegen und üben dort einen leichten, kreisenden Druck aus. Nicht genug, um mich wirklich zu reizen. Gerade genug, dass mein Atem stockt.
„Nicht bewegen“, flüsterst du, ohne den Blick von der Bühne zu nehmen.
Ich bewege mich nicht.
Du spielst. Deine Zehen wandern auf und ab, mal fester, mal so leicht, dass es sich anfühlt wie ein Hauch. Du streichelst die ganze Länge, dann nur die Spitze, dann wieder die Basis, wo der Stoff bereits feucht wird. Jedes Mal, wenn ich glaube, du würdest endlich fester zupacken, ziehst du dich zurück und lässt nur die Kuppen meiner Haut berühren. Ich beiße mir auf die Unterlippe und starre geradeaus, während vor uns die Leute applaudieren und ich nichts davon höre.
Dann schiebst du den Stoff der Shorts und der Unterhose beiseite.
Nackte Haut.
Deine Zehen schließen sich um mich. Nicht fest. Nur so, dass ich spüre, wie warm und weich sie sind. Du hältst mich einfach einen Moment lang, ohne dich zu bewegen, und ich merke, wie mein Puls gegen deine Haut schlägt. Du atmest aus, ganz leise, und beginnst dann, mich zu streicheln. Auf und ab. Langsam. Rhythmisch. Deine Zehen gleiten über den Schaft, bleiben an der Eichel hängen, drehen sich ein wenig und lassen mich wieder los, nur um mich im nächsten Moment erneut zu umschließen.
Du variierst den Druck. Manchmal so fest, dass ich die Zähne zusammenbeiße. Manchmal so zart, dass ich fast nach vorne rücke, um mehr davon zu bekommen. Du lässt es nicht zu. Jedes Mal, wenn ich unwillkürlich die Hüfte anhebe, hältst du inne, bis ich wieder stillsitze. Dann belohnst du mich mit einer längeren, festeren Bewegung.
Die Zeit dehnt sich. Ein Lied endet. Ein neues beginnt. Ich weiß nicht mehr, welches. Ich weiß nur, dass deine Zehen mich inzwischen kennen. Sie wissen, wo ich besonders empfindlich bin. Sie wissen, dass ich zucke, wenn du die Spitze zwischen dir einschließt und einen Moment lang festhältst. Sie wissen, dass ich leiser atme, wenn du tiefer gehst und mit dem Ballen deines Fußes sanften Druck auf den unteren Teil ausübst.
Du wirst mutiger.
Eine deiner Zehen gleitet unter die Eichel, streicht dort hin und her, während die anderen den Schaft halten. Der Druck ist eng, feucht von dem, was bereits aus mir tropft, und so gezielt, dass mir die Luft wegbleibt. Du tust es immer wieder. Langsam. Mit Absicht. Als würdest du mir genau zeigen, dass du weißt, was du tust.
„Du bist so nass“, flüsterst du, und deine Stimme klingt heiser vor Anspannung.
Ich antworte nicht. Ich kann nicht. Du spielst weiter. Du lässt mich fast kommen, ziehst dich dann zurück, streichelst nur noch ganz leicht die Innenseite meines Oberschenkels, bis ich wieder atmen kann. Dann kommst du zurück. Fester diesmal. Schneller. Deine Zehen umschließen mich richtig, *****en mich in kurzen, gezielten Bewegungen, und ich spüre, wie alles in mir enger wird.
Die Sängerin beendet das Lied. Applaus brandet auf.
Du nutzt den Lärm.
Dein Fuß wird unnachgiebig. Du reibst mich jetzt ohne Pause, fest und rhythmisch, und gleichzeitig drückst du die Spitze zwischen deine Zehen, hältst sie dort, lässt sie nicht mehr los. Der Druck ist zu viel. Die Wärme. Die Enge. Das Wissen, dass du mich genau so haben willst – hier, mitten unter den Leuten, während niemand etwas sieht.
„Komm“, flüsterst du.
Und ich komme. Hart. Lautlos. In die Hose. Die Hitze schießt durch mich hindurch, und ich spüre, wie ich mich in den Stoff ergieße, warm und nass, während deine Zehen mich weiter festhalten und ausmelken, bis nichts mehr kommt. Mein ganzer Körper ist steif, die Hände krallen sich in die Tischkante, und ich atme durch die Nase, weil ich sonst stöhnen würde.
Du lässt mich erst los, als der Applaus abebbt.
Dann ziehst du deinen Fuß langsam zurück, streifst ihn einmal an meiner Wade ab und setzt ihn wieder auf den Boden. Du greifst nach deiner Teetasse, nimmst einen Schluck. Deine Wangen brennen, du lächelst ganz leise.
„So“, flüsterst du. „Jetzt sind wir quitt.“ Ich weiß, dass wir es nicht sind. Es gibt ja noch die Rückfahrt…
Kommentare
Danke für diese .. für mich.. wunderschöne, feinfühlige, erotisch knisternde Erzählung!
Mehr davon! Mit den 5 Sternchen hier kann ich sie nicht ausreichend bewerten.
Für mich ein kleines Kunstwerk!