Veröffentlicht von 2SeatCinema am 01.11.2026
Der erste Kuss
Ich weiß schon beim Aufwachen, was für ein Tag heute ist.
Es ist nicht so, dass ich es vergessen könnte. Es sitzt seit Tagen irgendwo zwischen Brustbein und Magen, ein kleiner, warmer Stein, der sich bei jeder Gelegenheit bemerkbar macht. Beim Zähneputzen. Beim Kaffee, den ich zu heiß trinke, weil ich nicht aufpasse. Beim Blick auf das Handy, das heute Morgen still ist, obwohl wir uns gestern Abend noch bis halb eins geschrieben haben. Dinge, die man nicht schreibt. Dinge, die ich trotzdem dreimal gelesen habe, bevor ich sie gelöscht habe, so wie immer, so wie wir es ausgemacht haben.
Heute ist Mittwoch. Mittwoch ist Proberaum.
Und heute ist der letzte Mittwoch.
Ich sage mir das ein paar Mal vor, so wie man ein Wort wiederholt, bis es seine Bedeutung verliert. Es funktioniert nicht. Es wird nur schwerer.
Der Tag zieht sich wie Kaugummi. Ich sitze vor dem Rechner, tue Dinge, antworte Leuten, und die ganze Zeit läuft im Hintergrund ein anderer Film. Ihre Hand auf meinem Arm, letzte Woche, als ich den Akkord vergessen hatte und sie nur gelacht hat. Dieses Lachen, das immer ein bisschen zu tief ist für so eine kleine Frau. Ihre Art, „hm-hm“ zu sagen, wenn sie zustimmt, mit geschlossenem Mund, und wie sie dabei die Augen ein bisschen zusammenkneift, als wüsste sie etwas, das ich nicht weiß.
Um vier gebe ich auf, etwas Sinnvolles zu tun. Ich dusche, obwohl ich heute Morgen schon geduscht habe. Ich stehe vor dem Schrank wie ein Siebzehnjähriger und ärgere mich darüber. Das dunkle Hemd. Nein, das andere. Nein, doch das dunkle, das hat sie mal gemocht, das hat sie gesagt, ganz nebenbei, und ich habe es mir gemerkt wie alles, was sie nebenbei sagt.
Die Gitarre steht schon seit gestern im Flur, im Koffer, neue Saiten drauf. Ich habe sie gestern Abend noch aufgezogen, langsam, Saite für Saite, und dabei an ihre Stimme gedacht. Als ob die Saiten das merken würden.
Im Auto ist es besser und schlechter zugleich.
Besser, weil ich endlich etwas tue. Fahren ist eine Richtung. Schlechter, weil ich jetzt nichts mehr habe, womit ich mich ablenken könnte. Die Stadt zieht an mir vorbei, grau, feucht, Novemberlicht, das schon um fünf aufgibt. Die Scheibenwischer gehen im Takt, und ich merke, dass ich mit dem Daumen auf dem Lenkrad mittrommle.
Ich mache das Radio an und wieder aus. Ich will nichts hören, was nicht sie ist.
An der dritten roten Ampel merke ich, dass mein Herz schneller geht als sonst. Ganz leicht nur. Als würde jemand von innen mit dem Fingerknöchel anklopfen. Ich lege die Hand flach auf die Brust, als könnte ich es beruhigen, und muss über mich selbst lachen. Ein erwachsener Mann. Zwei Bands, Bühnen, auf denen wir zusammen gestanden haben, vor Jahren, als das alles noch einfach war, als sie nur die Sängerin war und ich nur der Typ mit der Gitarre. Und jetzt sitze ich hier und zittere innerlich, weil ich in zwanzig Minuten eine Treppe hinuntergehen werde.
Zwanzig Minuten. Ich schaue auf die Uhr. Achtzehn.
Ich denke an die Nachrichten. An die Bilder, die abends kommen, wenn das Haus still ist und beide Welten zu schlafen scheinen. Wie sie das Licht setzt. Wie sie genau weiß, was sie zeigt und was sie nicht zeigt, und dass das Nichtzeigen immer das Schlimmere ist, das Schönere. Wie ich dann im Dunkeln liege und das Display zu hell ist und ich trotzdem nicht wegsehen kann. Wie wir uns Dinge schreiben, die wir uns im Raum nie sagen würden. Wörter, die wir dort nicht einmal denken, weil der Raum ein anderes Gesetz hat.
Im Raum berühren wir uns nur so. Nur so. Eine Hand auf der Schulter. Eine Umarmung zum Hallo, eine zum Tschüss. Und zwischen diesen beiden Umarmungen eine Spannung, die so dicht ist, dass ich manchmal glaube, man müsste sie auf dem Aufnahmegerät hören können, als Rauschen unter den Stimmen.
Es kribbelt. Das ist das Wort, das sie dafür gefunden hat, irgendwann, in einer Nachricht um Mitternacht. Es kribbelt so sehr. Seitdem gehört uns das Wort. Man kann es nirgendwo mehr sagen, ohne dass es uns gehört.
Ich sitze noch einen Moment im Auto, Motor aus, und höre dem Regen zu, der auf das Dach tropft. Dann nehme ich den Koffer vom Rücksitz und gehe.
Das Haus ist ein alte Kneipe. Hinter der Tür geht es die Treppe hinunter, vierzehn Stufen, ich habe sie irgendwann einmal gezählt, in einer dieser Nächte, in denen man alles zählt, nur um nicht zu denken. Unten zwei kleine Räume. Der hintere mit dem alten Sofa und dem Klavier. Der vordere ein kleiner Saal und dem einen Mikrofonständer, der immer ein bisschen schief steht.
Sie ist schon da.
Ich bleibe auf der letzten Stufe stehen. Ein Atemzug. Noch einer.
Dann schließe ich die Tür auf.
Sie dreht sich um, und da ist es, sofort, ohne jede Vorwarnung: dieses Ziehen hinter dem Brustbein, als hätte jemand an einem Faden gezogen, der an mir befestigt ist und dessen anderes Ende sie in der Hand hält. Sie ist so klein. Das denke ich jedes Mal, als hätte ich es vergessen. Sie steht da in ihrem Pullover, der ihr zu groß ist, mit den Haaren, die noch feucht sind vom Regen, und sie lächelt nicht einmal richtig, sie macht nur diesen Mundwinkel, diesen einen, und sagt:
„Hm-hm. Da bist du ja.“
„Da bin ich.“
Ich stelle den Koffer ab. Sie kommt auf mich zu, und ich merke, wie wir beide die Zeit messen. Wie wir beide wissen, dass das jetzt die Umarmung zur Begrüßung ist, die, die erlaubt ist, die, die Freunde sich geben, die zusammen Musik machen.
Sie legt die Arme um mich, und ich lege meine um sie, und ihr Kopf passt genau unter mein Kinn, so wie immer, so als wäre das irgendwo so vorgesehen gewesen.
Und dann lässt keiner los.
Es ist nicht so, dass wir uns entscheiden würden, länger zu bleiben. Es passiert einfach. Die Sekunde, in der man normalerweise lockerlässt, kommt und geht, und wir sind noch da. Ich spüre ihren Atem an meinem Hals, ganz warm, ganz ruhig, zu ruhig für das, was in mir los ist. Ihre Hände liegen flach auf meinem Rücken, und dann bewegt sich eine davon, ein paar Zentimeter nur, nach oben, zwischen die Schulterblätter, und bleibt dort liegen, als hätte sie etwas gefunden, was sie gesucht hat.
Es kribbelt. Von der Stelle, wo ihre Hand liegt, in alle Richtungen. Über die Haut, den Nacken hinauf, in die Fingerspitzen hinunter. Ich schließe die Augen. Sie riecht nach Regen und nach dem Shampoo, das ich inzwischen überall erkennen würde, in jedem Drogeriemarkt, in jedem fremden Badezimmer, und bei dem mir dann jedes Mal ganz kurz der Boden wegsackt.
„Hm“, macht sie, ganz leise, an meinem Kragen. Nicht „hm-hm“. Nur „hm“. Es ist eine Frage, glaube ich. Oder eine Feststellung.
Dann löst sie sich, langsam, und tritt einen Schritt zurück, und wir sehen uns an, und keiner sagt etwas über das, was gerade war, weil wir beide wissen, was es war.
„Also“, sage ich und räuspere mich. „Musik.“
„Musik“, sagt sie, und da ist er wieder, der eine Mundwinkel.
Ich setze mich auf den Hocker und nehme die Gitarre aus dem Koffer. Die neuen Saiten glänzen noch. Ich stimme, und sie steht am Mikro, obwohl wir es gar nicht brauchen, der Raum ist so klein, aber sie mag es, etwas in der Hand zu haben. Sie stellt den Ständer gerade, und er kippt sofort wieder ein bisschen zur Seite, und sie lässt ihn.
Wir fangen an wie immer. Ohne Absprache. Ich spiele die ersten Akkorde von einem der Alanis-Songs, von dem mit den vielen Gegensätzen, dem, bei dem man sich aufzählt, und sie steigt ein, ganz locker, fast gesprochen, so wie es sein soll, und ich merke, wie die Anspannung aus meinen Schultern abfließt. Das kann ich. Das können wir. Hier sind wir sicher.
Ihre Stimme ist tief für ihre Größe. Das war schon damals so, auf den Bühnen, als sie noch barfuß gesungen hat, weil die Schuhe gedrückt haben, und die Leute in der ersten Reihe nicht glauben konnten, dass dieser Klang aus dieser Frau kommt. Heute Abend ist etwas Weiches darin. Etwas, das nicht in den Song gehört, aber zu ihr.
Wir spielen den nächsten. Den Lauten, den Wütenden, den, bei dem sie sonst immer die Augen schließt und richtig reinhaut. Heute schließt sie die Augen nicht. Heute sieht sie mich an, die ganze Zeit, während sie diese Zeilen singt, die eigentlich für einen anderen geschrieben wurden, und ich spiele und spiele und bringe es nicht über mich, wegzusehen.
Zwischen den Songs reden wir nicht viel. Ein „nochmal?“, ein „hm-hm“. Sie trinkt aus der Flsdsche, und ich sehe zu, wie sich ihr Hals bewegt, und schaue dann auf meine Finger, als wären die plötzlich sehr interessant.
Beim dritten Song stellt sie sich näher. Nicht viel. Einen halben Schritt. So, dass sie mir beim Spielen über die Schulter sehen kann, als müsste sie die Griffe mitverfolgen, was sie nicht muss, sie kennt die Songs besser als ich. Ich spüre ihre Wärme an meinem Rücken, ohne dass sie mich berührt. Es ist, als würde die Luft zwischen uns dichter werden.
„Spiel das“, sagt sie, als der Song zu Ende ist.
Ich weiß, welches sie meint. Ich weiß es sofort.
Ich greife das erste Pattern, dieses schwebende, langsame, dieses Lied über das Spiel, das man nicht spielen will, und das trotzdem gespielt wird. Wicked Game. Wir haben es nie auf einer Bühne gespielt. Es gehört nur hier hin. Es gehört uns, seit dem Abend, an dem sie es zum ersten Mal vorgeschlagen hat und wir beide nach den ersten Takten gemerkt haben, dass wir damit etwas aussprechen, was wir nicht aussprechen dürfen.
Sie singt leise. Viel leiser als sonst. Sie singt es nicht ins Mikro, sie lässt den Ständer stehen und kommt um mich herum, bis sie vor mir steht, ganz nah, so nah, dass ich meinen Kopf heben muss, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich spiele, und sie singt, und ihre Stimme ist nur noch für mich da, für den halben Meter zwischen uns, und sie hält den Blick, und ich halte ihn auch, und meine Finger finden die Griffe von alleine, weil ich nicht mehr auf sie achten kann.
Irgendwann in der zweiten Strophe legt sie die Hand auf meine Schulter. Dann an meinen Nacken. Ihre Finger liegen in meinem Haar, ganz still, sie bewegen sich nicht, und das ist das Schlimmste, dass sie sich nicht bewegen. Es kribbelt dort, wo sie liegen, und es kribbelt überall sonst, und ich merke, dass ich das Stück langsamer spiele, als es sein sollte, weil ich nicht will, dass es aufhört.
Es hört auf. Der letzte Akkord klingt aus. Die neuen Saiten summen noch nach, lange, bis der Raum wieder still ist.
Sie nimmt die Hand nicht weg.
„Das war schön“, sagt sie.
„Hm-hm“, sage ich, und sie lacht, weil ich ihr das gestohlen habe, und ich lache auch, und für einen Moment sind wir einfach zwei Leute, die sich mögen, in einem Keller, mit einer Gitarre.
Wir spielen noch drei, vier Songs. Ich könnte nicht sagen, welche. Ich weiß nur, dass sie den halben Meter nicht mehr aufgibt, dass sie bei mir bleibt, dass ihre Hand immer irgendwo ist, an meinem Arm, auf meinem Knie, kurz, wie zufällig, und dass nichts davon zufällig ist. Dass ich einmal den Kopf an ihre Hüfte lege, zwischen zwei Songs, nur eine Sekunde, und sie mir mit beiden Händen durch die Haare fährt, und ich die Augen schließe und denke: merk dir das. Merk dir genau das.
Dann ist es halb zehn, und wir wissen beide, dass es Zeit ist.
Ich lege die Gitarre in den Koffer. Es dauert länger, als es müsste. Ich klappe den Deckel zu, mache die Schnallen zu, eine, zwei, drei, und als ich mich aufrichte, steht sie da und sieht mich an, und ihr Gesicht hat alles verloren, was Abend war. Nur noch sie. Ganz offen. Ganz still.
„Komm her“, sagt sie. Oder ich sage es. Ich weiß es nicht mehr.
Ich gehe zu ihr. Sie hebt die Arme, und ich lege meine um sie, und diesmal geben wir uns nicht einmal mehr die Mühe, so zu tun, als wäre es die Umarmung zum Abschied, die Freunde sich geben. Diesmal ziehe ich sie ganz an mich. Ich spüre ihren Körper an meinem, ganz, von den Knien bis zur Brust, und sie drückt sich hinein, in mich, als wollte sie den Abstand aus der Welt schaffen, der zwischen uns immer gewesen ist, auf jeder Bühne, in jeder Nachricht, auf jeder Treppe.
Ihr Kopf liegt an meiner Brust, und ich weiß, dass sie mein Herz hört. Es ist nicht mehr leise. Es klopft nicht mehr mit dem Fingerknöchel. Es hämmert. Sie muss es hören. Sie hört es.
„Hm“, sagt sie an meinem Hemd, und dann noch einmal, „hm“, und ihre Stimme zittert, ganz leicht nur, wie eine Saite, die man zu fest angeschlagen hat.
Ich lege die Hand in ihren Nacken. Ihre Haut dort ist warm und weich und ein bisschen feucht, und ihre Haare fallen über meine Finger. Ich spüre, wie sie den Atem anhält. Wie ihr ganzer kleiner Körper für einen Moment stillsteht, so als würde sie lauschen.
Dann hebt sie den Kopf.
Sie sieht mich an. Von unten, so nah, dass ich die einzelnen Wimpern sehen kann. Ihre Lippen sind ein bisschen geöffnet. Nicht viel. So, wie wenn sie gleich etwas sagen will und es sich dann noch einmal überlegt.
Sie sagt nichts.
Ich auch nicht.
Ich spüre, wie sich ihre Hände an meinem Rücken verkrampfen, wie sie den Stoff des Hemds in die Fäuste nimmt. Ich spüre ihren Atem, der jetzt schneller geht, an meinem Kinn. Ich spüre, wie sich die Zentimeter zwischen uns, die ganzen Jahre von Zentimetern, auflösen, einer nach dem anderen, ohne dass einer von uns sich zu bewegen scheint. Als würde der Raum selbst uns zusammenschieben.
Ihre Nase berührt meine. Ganz leicht. Kühl.
Und da ist es, das Kribbeln, nur dass es kein Kribbeln mehr ist. Es ist eine Woge. Es geht von der Stelle, wo sich unsere Nasen berühren, durch den ganzen Körper, und es ist, als würde alles, was wir uns je geschrieben haben, jedes Wort, jedes Bild, jede Nacht mit dem viel zu hellen Display, in diesem einen Zentimeter zusammenlaufen, der noch zwischen unseren Lippen ist.
Sie schließt die Augen.
Ich auch.
Dann küsse ich sie. Oder sie küsst mich. Es ist derselbe Moment, es ist dieselbe Bewegung, es gibt keinen, der anfängt. Ihre Lippen sind weich und warm und schmecken nach dem Wasser aus der Flasche und nach etwas, das nur sie ist, und sie öffnen sich unter meinen, langsam, so langsam, als hätten wir alle Zeit der Welt, obwohl wir genau das nie hatten.
Es ist kein wilder Kuss. Es ist nicht der Kuss aus den Nachrichten. Es ist der Kuss, den wir uns nie geschrieben haben, weil man ihn nicht schreiben kann. Tief und ruhig und vollkommen, und es kribbelt überall, in den Fingerspitzen, die in ihrem Haar liegen, in den Knien, im Nacken, in dem Faden hinter meinem Brustbein, an dem sie seit Jahren zieht und jetzt endlich, endlich loslässt.
Ich weiß nicht, wie lange es dauert. Der Kühlschrank im vorderen Raum brummt. Irgendwo oben fällt eine Tür ins Schloss. Nichts davon ist wichtig.
Als wir uns lösen, bleiben unsere Stirnen aneinander. Sie atmet. Ich atme. Ihre Hände an meinem Rücken geben den Stoff frei und streichen ihn glatt, einmal, zweimal, als wollte sie wiedergutmachen, was sie zerknittert hat.
„Hm-hm“, sagt sie ganz leise. Mit geschlossenen Augen. Mit diesem einen Mundwinkel.
Und ich weiß, was es heißt. Es heißt: ja. Es heißt: ich weiß............... to be continued!
Sie entscheidet, ob ich weitererzähle... für die Allgemeinheit! Leave a Comment!
Es ist nicht so, dass ich es vergessen könnte. Es sitzt seit Tagen irgendwo zwischen Brustbein und Magen, ein kleiner, warmer Stein, der sich bei jeder Gelegenheit bemerkbar macht. Beim Zähneputzen. Beim Kaffee, den ich zu heiß trinke, weil ich nicht aufpasse. Beim Blick auf das Handy, das heute Morgen still ist, obwohl wir uns gestern Abend noch bis halb eins geschrieben haben. Dinge, die man nicht schreibt. Dinge, die ich trotzdem dreimal gelesen habe, bevor ich sie gelöscht habe, so wie immer, so wie wir es ausgemacht haben.
Heute ist Mittwoch. Mittwoch ist Proberaum.
Und heute ist der letzte Mittwoch.
Ich sage mir das ein paar Mal vor, so wie man ein Wort wiederholt, bis es seine Bedeutung verliert. Es funktioniert nicht. Es wird nur schwerer.
Der Tag zieht sich wie Kaugummi. Ich sitze vor dem Rechner, tue Dinge, antworte Leuten, und die ganze Zeit läuft im Hintergrund ein anderer Film. Ihre Hand auf meinem Arm, letzte Woche, als ich den Akkord vergessen hatte und sie nur gelacht hat. Dieses Lachen, das immer ein bisschen zu tief ist für so eine kleine Frau. Ihre Art, „hm-hm“ zu sagen, wenn sie zustimmt, mit geschlossenem Mund, und wie sie dabei die Augen ein bisschen zusammenkneift, als wüsste sie etwas, das ich nicht weiß.
Um vier gebe ich auf, etwas Sinnvolles zu tun. Ich dusche, obwohl ich heute Morgen schon geduscht habe. Ich stehe vor dem Schrank wie ein Siebzehnjähriger und ärgere mich darüber. Das dunkle Hemd. Nein, das andere. Nein, doch das dunkle, das hat sie mal gemocht, das hat sie gesagt, ganz nebenbei, und ich habe es mir gemerkt wie alles, was sie nebenbei sagt.
Die Gitarre steht schon seit gestern im Flur, im Koffer, neue Saiten drauf. Ich habe sie gestern Abend noch aufgezogen, langsam, Saite für Saite, und dabei an ihre Stimme gedacht. Als ob die Saiten das merken würden.
Im Auto ist es besser und schlechter zugleich.
Besser, weil ich endlich etwas tue. Fahren ist eine Richtung. Schlechter, weil ich jetzt nichts mehr habe, womit ich mich ablenken könnte. Die Stadt zieht an mir vorbei, grau, feucht, Novemberlicht, das schon um fünf aufgibt. Die Scheibenwischer gehen im Takt, und ich merke, dass ich mit dem Daumen auf dem Lenkrad mittrommle.
Ich mache das Radio an und wieder aus. Ich will nichts hören, was nicht sie ist.
An der dritten roten Ampel merke ich, dass mein Herz schneller geht als sonst. Ganz leicht nur. Als würde jemand von innen mit dem Fingerknöchel anklopfen. Ich lege die Hand flach auf die Brust, als könnte ich es beruhigen, und muss über mich selbst lachen. Ein erwachsener Mann. Zwei Bands, Bühnen, auf denen wir zusammen gestanden haben, vor Jahren, als das alles noch einfach war, als sie nur die Sängerin war und ich nur der Typ mit der Gitarre. Und jetzt sitze ich hier und zittere innerlich, weil ich in zwanzig Minuten eine Treppe hinuntergehen werde.
Zwanzig Minuten. Ich schaue auf die Uhr. Achtzehn.
Ich denke an die Nachrichten. An die Bilder, die abends kommen, wenn das Haus still ist und beide Welten zu schlafen scheinen. Wie sie das Licht setzt. Wie sie genau weiß, was sie zeigt und was sie nicht zeigt, und dass das Nichtzeigen immer das Schlimmere ist, das Schönere. Wie ich dann im Dunkeln liege und das Display zu hell ist und ich trotzdem nicht wegsehen kann. Wie wir uns Dinge schreiben, die wir uns im Raum nie sagen würden. Wörter, die wir dort nicht einmal denken, weil der Raum ein anderes Gesetz hat.
Im Raum berühren wir uns nur so. Nur so. Eine Hand auf der Schulter. Eine Umarmung zum Hallo, eine zum Tschüss. Und zwischen diesen beiden Umarmungen eine Spannung, die so dicht ist, dass ich manchmal glaube, man müsste sie auf dem Aufnahmegerät hören können, als Rauschen unter den Stimmen.
Es kribbelt. Das ist das Wort, das sie dafür gefunden hat, irgendwann, in einer Nachricht um Mitternacht. Es kribbelt so sehr. Seitdem gehört uns das Wort. Man kann es nirgendwo mehr sagen, ohne dass es uns gehört.
Ich sitze noch einen Moment im Auto, Motor aus, und höre dem Regen zu, der auf das Dach tropft. Dann nehme ich den Koffer vom Rücksitz und gehe.
Das Haus ist ein alte Kneipe. Hinter der Tür geht es die Treppe hinunter, vierzehn Stufen, ich habe sie irgendwann einmal gezählt, in einer dieser Nächte, in denen man alles zählt, nur um nicht zu denken. Unten zwei kleine Räume. Der hintere mit dem alten Sofa und dem Klavier. Der vordere ein kleiner Saal und dem einen Mikrofonständer, der immer ein bisschen schief steht.
Sie ist schon da.
Ich bleibe auf der letzten Stufe stehen. Ein Atemzug. Noch einer.
Dann schließe ich die Tür auf.
Sie dreht sich um, und da ist es, sofort, ohne jede Vorwarnung: dieses Ziehen hinter dem Brustbein, als hätte jemand an einem Faden gezogen, der an mir befestigt ist und dessen anderes Ende sie in der Hand hält. Sie ist so klein. Das denke ich jedes Mal, als hätte ich es vergessen. Sie steht da in ihrem Pullover, der ihr zu groß ist, mit den Haaren, die noch feucht sind vom Regen, und sie lächelt nicht einmal richtig, sie macht nur diesen Mundwinkel, diesen einen, und sagt:
„Hm-hm. Da bist du ja.“
„Da bin ich.“
Ich stelle den Koffer ab. Sie kommt auf mich zu, und ich merke, wie wir beide die Zeit messen. Wie wir beide wissen, dass das jetzt die Umarmung zur Begrüßung ist, die, die erlaubt ist, die, die Freunde sich geben, die zusammen Musik machen.
Sie legt die Arme um mich, und ich lege meine um sie, und ihr Kopf passt genau unter mein Kinn, so wie immer, so als wäre das irgendwo so vorgesehen gewesen.
Und dann lässt keiner los.
Es ist nicht so, dass wir uns entscheiden würden, länger zu bleiben. Es passiert einfach. Die Sekunde, in der man normalerweise lockerlässt, kommt und geht, und wir sind noch da. Ich spüre ihren Atem an meinem Hals, ganz warm, ganz ruhig, zu ruhig für das, was in mir los ist. Ihre Hände liegen flach auf meinem Rücken, und dann bewegt sich eine davon, ein paar Zentimeter nur, nach oben, zwischen die Schulterblätter, und bleibt dort liegen, als hätte sie etwas gefunden, was sie gesucht hat.
Es kribbelt. Von der Stelle, wo ihre Hand liegt, in alle Richtungen. Über die Haut, den Nacken hinauf, in die Fingerspitzen hinunter. Ich schließe die Augen. Sie riecht nach Regen und nach dem Shampoo, das ich inzwischen überall erkennen würde, in jedem Drogeriemarkt, in jedem fremden Badezimmer, und bei dem mir dann jedes Mal ganz kurz der Boden wegsackt.
„Hm“, macht sie, ganz leise, an meinem Kragen. Nicht „hm-hm“. Nur „hm“. Es ist eine Frage, glaube ich. Oder eine Feststellung.
Dann löst sie sich, langsam, und tritt einen Schritt zurück, und wir sehen uns an, und keiner sagt etwas über das, was gerade war, weil wir beide wissen, was es war.
„Also“, sage ich und räuspere mich. „Musik.“
„Musik“, sagt sie, und da ist er wieder, der eine Mundwinkel.
Ich setze mich auf den Hocker und nehme die Gitarre aus dem Koffer. Die neuen Saiten glänzen noch. Ich stimme, und sie steht am Mikro, obwohl wir es gar nicht brauchen, der Raum ist so klein, aber sie mag es, etwas in der Hand zu haben. Sie stellt den Ständer gerade, und er kippt sofort wieder ein bisschen zur Seite, und sie lässt ihn.
Wir fangen an wie immer. Ohne Absprache. Ich spiele die ersten Akkorde von einem der Alanis-Songs, von dem mit den vielen Gegensätzen, dem, bei dem man sich aufzählt, und sie steigt ein, ganz locker, fast gesprochen, so wie es sein soll, und ich merke, wie die Anspannung aus meinen Schultern abfließt. Das kann ich. Das können wir. Hier sind wir sicher.
Ihre Stimme ist tief für ihre Größe. Das war schon damals so, auf den Bühnen, als sie noch barfuß gesungen hat, weil die Schuhe gedrückt haben, und die Leute in der ersten Reihe nicht glauben konnten, dass dieser Klang aus dieser Frau kommt. Heute Abend ist etwas Weiches darin. Etwas, das nicht in den Song gehört, aber zu ihr.
Wir spielen den nächsten. Den Lauten, den Wütenden, den, bei dem sie sonst immer die Augen schließt und richtig reinhaut. Heute schließt sie die Augen nicht. Heute sieht sie mich an, die ganze Zeit, während sie diese Zeilen singt, die eigentlich für einen anderen geschrieben wurden, und ich spiele und spiele und bringe es nicht über mich, wegzusehen.
Zwischen den Songs reden wir nicht viel. Ein „nochmal?“, ein „hm-hm“. Sie trinkt aus der Flsdsche, und ich sehe zu, wie sich ihr Hals bewegt, und schaue dann auf meine Finger, als wären die plötzlich sehr interessant.
Beim dritten Song stellt sie sich näher. Nicht viel. Einen halben Schritt. So, dass sie mir beim Spielen über die Schulter sehen kann, als müsste sie die Griffe mitverfolgen, was sie nicht muss, sie kennt die Songs besser als ich. Ich spüre ihre Wärme an meinem Rücken, ohne dass sie mich berührt. Es ist, als würde die Luft zwischen uns dichter werden.
„Spiel das“, sagt sie, als der Song zu Ende ist.
Ich weiß, welches sie meint. Ich weiß es sofort.
Ich greife das erste Pattern, dieses schwebende, langsame, dieses Lied über das Spiel, das man nicht spielen will, und das trotzdem gespielt wird. Wicked Game. Wir haben es nie auf einer Bühne gespielt. Es gehört nur hier hin. Es gehört uns, seit dem Abend, an dem sie es zum ersten Mal vorgeschlagen hat und wir beide nach den ersten Takten gemerkt haben, dass wir damit etwas aussprechen, was wir nicht aussprechen dürfen.
Sie singt leise. Viel leiser als sonst. Sie singt es nicht ins Mikro, sie lässt den Ständer stehen und kommt um mich herum, bis sie vor mir steht, ganz nah, so nah, dass ich meinen Kopf heben muss, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich spiele, und sie singt, und ihre Stimme ist nur noch für mich da, für den halben Meter zwischen uns, und sie hält den Blick, und ich halte ihn auch, und meine Finger finden die Griffe von alleine, weil ich nicht mehr auf sie achten kann.
Irgendwann in der zweiten Strophe legt sie die Hand auf meine Schulter. Dann an meinen Nacken. Ihre Finger liegen in meinem Haar, ganz still, sie bewegen sich nicht, und das ist das Schlimmste, dass sie sich nicht bewegen. Es kribbelt dort, wo sie liegen, und es kribbelt überall sonst, und ich merke, dass ich das Stück langsamer spiele, als es sein sollte, weil ich nicht will, dass es aufhört.
Es hört auf. Der letzte Akkord klingt aus. Die neuen Saiten summen noch nach, lange, bis der Raum wieder still ist.
Sie nimmt die Hand nicht weg.
„Das war schön“, sagt sie.
„Hm-hm“, sage ich, und sie lacht, weil ich ihr das gestohlen habe, und ich lache auch, und für einen Moment sind wir einfach zwei Leute, die sich mögen, in einem Keller, mit einer Gitarre.
Wir spielen noch drei, vier Songs. Ich könnte nicht sagen, welche. Ich weiß nur, dass sie den halben Meter nicht mehr aufgibt, dass sie bei mir bleibt, dass ihre Hand immer irgendwo ist, an meinem Arm, auf meinem Knie, kurz, wie zufällig, und dass nichts davon zufällig ist. Dass ich einmal den Kopf an ihre Hüfte lege, zwischen zwei Songs, nur eine Sekunde, und sie mir mit beiden Händen durch die Haare fährt, und ich die Augen schließe und denke: merk dir das. Merk dir genau das.
Dann ist es halb zehn, und wir wissen beide, dass es Zeit ist.
Ich lege die Gitarre in den Koffer. Es dauert länger, als es müsste. Ich klappe den Deckel zu, mache die Schnallen zu, eine, zwei, drei, und als ich mich aufrichte, steht sie da und sieht mich an, und ihr Gesicht hat alles verloren, was Abend war. Nur noch sie. Ganz offen. Ganz still.
„Komm her“, sagt sie. Oder ich sage es. Ich weiß es nicht mehr.
Ich gehe zu ihr. Sie hebt die Arme, und ich lege meine um sie, und diesmal geben wir uns nicht einmal mehr die Mühe, so zu tun, als wäre es die Umarmung zum Abschied, die Freunde sich geben. Diesmal ziehe ich sie ganz an mich. Ich spüre ihren Körper an meinem, ganz, von den Knien bis zur Brust, und sie drückt sich hinein, in mich, als wollte sie den Abstand aus der Welt schaffen, der zwischen uns immer gewesen ist, auf jeder Bühne, in jeder Nachricht, auf jeder Treppe.
Ihr Kopf liegt an meiner Brust, und ich weiß, dass sie mein Herz hört. Es ist nicht mehr leise. Es klopft nicht mehr mit dem Fingerknöchel. Es hämmert. Sie muss es hören. Sie hört es.
„Hm“, sagt sie an meinem Hemd, und dann noch einmal, „hm“, und ihre Stimme zittert, ganz leicht nur, wie eine Saite, die man zu fest angeschlagen hat.
Ich lege die Hand in ihren Nacken. Ihre Haut dort ist warm und weich und ein bisschen feucht, und ihre Haare fallen über meine Finger. Ich spüre, wie sie den Atem anhält. Wie ihr ganzer kleiner Körper für einen Moment stillsteht, so als würde sie lauschen.
Dann hebt sie den Kopf.
Sie sieht mich an. Von unten, so nah, dass ich die einzelnen Wimpern sehen kann. Ihre Lippen sind ein bisschen geöffnet. Nicht viel. So, wie wenn sie gleich etwas sagen will und es sich dann noch einmal überlegt.
Sie sagt nichts.
Ich auch nicht.
Ich spüre, wie sich ihre Hände an meinem Rücken verkrampfen, wie sie den Stoff des Hemds in die Fäuste nimmt. Ich spüre ihren Atem, der jetzt schneller geht, an meinem Kinn. Ich spüre, wie sich die Zentimeter zwischen uns, die ganzen Jahre von Zentimetern, auflösen, einer nach dem anderen, ohne dass einer von uns sich zu bewegen scheint. Als würde der Raum selbst uns zusammenschieben.
Ihre Nase berührt meine. Ganz leicht. Kühl.
Und da ist es, das Kribbeln, nur dass es kein Kribbeln mehr ist. Es ist eine Woge. Es geht von der Stelle, wo sich unsere Nasen berühren, durch den ganzen Körper, und es ist, als würde alles, was wir uns je geschrieben haben, jedes Wort, jedes Bild, jede Nacht mit dem viel zu hellen Display, in diesem einen Zentimeter zusammenlaufen, der noch zwischen unseren Lippen ist.
Sie schließt die Augen.
Ich auch.
Dann küsse ich sie. Oder sie küsst mich. Es ist derselbe Moment, es ist dieselbe Bewegung, es gibt keinen, der anfängt. Ihre Lippen sind weich und warm und schmecken nach dem Wasser aus der Flasche und nach etwas, das nur sie ist, und sie öffnen sich unter meinen, langsam, so langsam, als hätten wir alle Zeit der Welt, obwohl wir genau das nie hatten.
Es ist kein wilder Kuss. Es ist nicht der Kuss aus den Nachrichten. Es ist der Kuss, den wir uns nie geschrieben haben, weil man ihn nicht schreiben kann. Tief und ruhig und vollkommen, und es kribbelt überall, in den Fingerspitzen, die in ihrem Haar liegen, in den Knien, im Nacken, in dem Faden hinter meinem Brustbein, an dem sie seit Jahren zieht und jetzt endlich, endlich loslässt.
Ich weiß nicht, wie lange es dauert. Der Kühlschrank im vorderen Raum brummt. Irgendwo oben fällt eine Tür ins Schloss. Nichts davon ist wichtig.
Als wir uns lösen, bleiben unsere Stirnen aneinander. Sie atmet. Ich atme. Ihre Hände an meinem Rücken geben den Stoff frei und streichen ihn glatt, einmal, zweimal, als wollte sie wiedergutmachen, was sie zerknittert hat.
„Hm-hm“, sagt sie ganz leise. Mit geschlossenen Augen. Mit diesem einen Mundwinkel.
Und ich weiß, was es heißt. Es heißt: ja. Es heißt: ich weiß............... to be continued!
Sie entscheidet, ob ich weitererzähle... für die Allgemeinheit! Leave a Comment!
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