Erotische Geschichten

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Tropfende Zöpfe

5 von 5 Sternen
Eines Tages stand sie vor der Tür, mit triefend nassen Zöpfen, von denen der Regen auf ihre Schultern perlte. Sie blickte durch die Scheibe, an denen die Tropfen in gewundenen Bahnen hinunterliefen wie durch ein Labyrinth von kleinen Pfützen.
Elias, der die Rollläden des Buchgeschäftes vor noch nicht einmal zehn Minuten aufgeschoben hatte und gerade dabei war, die Neuerscheinungen zu sortieren, blickte überrascht auf.
Um diese frühe Stunde waren sonst noch keine Kunden unterwegs, speziell in dieser Gegend nicht. Das Viertel lud eher die nachmittäglichen Flaneure zum Verweilen und Schmökern ein, nachdem sie in einem der Cafés am nahe gelegenen Fluss einen Espresso oder vielleicht auch einen Cognac getrunken hatten. Sicher, mit Andenken-süchtigen Touristen musste man zu jeder Tageszeit rechnen, selbst bei diesem Wetter, gerade dann. Doch ein Blick auf ihren schäbigen Mantel aus grober Wolle machte Elias klar, dass diese junge Frau keine Vergnügungsreisende war.
Er bückte sich ein wenig tiefer hinter den Verkaufstresen um sie wie aus einem Versteck unauffällig beobachten zu können.
Das Wasser rann ihr von dem mittelgescheitelten Haupthaar über das sommersprossige Gesicht. Sie schien nicht darauf zu achten, dass sich Tropfen an ihrer Nasenspitze und auf ihrer Oberlippe sammelten.
Und offenbar bemerkte sie auch nicht, wie diese Tropfen, wenn sie zu schwer wurden, direkt in den Ausschnitt ihrer nachlässig geknöpften Bluse liefen.
Elias stellte sich vor, wie das Wasser zwischen ihren Brüsten, die er leider nicht sehen konnte, hinablief, tiefer in Richtung Bauchnabel.
Seit jeher brauchte es nicht viel um seine Phantasie zu beflügeln. Vor seinem innerem Auge verwandelten sich die Tropfen in Finger, die sich ihren Weg über den Bauch dieser Frau suchten um dann tastend am Saum ihres Slips entlangzufahren. Vielleicht trug sie untenrum auch gar nichts, weder Rock noch Unterwäsche? Was, wenn die Tropfen-Finger dieser Hand ungehindert direkt zwischen ihre warmen gekräuselten Schamlippen gleiten könnten?
Elias hockte nun hinter dem Tresen und schloss die Augen.
Er atmete seufzend aus und versuchte sich daran zu erinnern, wann er zuletzt eine Frau nackt gesehen und berührt hatte.
Das war mit Elaine gewesen vor mehr als drei Monaten. Sie hatten sich in der Bar Soixante-dix getroffen. Elaine und er kannten sich seit siebzehn Jahren und waren einander in guter Freundschaft verbunden.
Da beide immer wieder für längere Zeit ohne Partner waren, schien es nur natürlich, sich ab und an gegenseitig Lust zu verschaffen. So kam es, dass sie ihn nach einer halben Stunde fragte, ob sie nicht lieber zu ihm nach Hause und miteinander ins Bett gehen wollten. Er mochte Elaine wirklich und auch der Sex mit ihr war an diesem - wie an den meisten dieser Abende - kraftvoll und erregend. Elaines Körper war kräftig und alles an ihr schien groß und schwer ohne dabei plump zu wirken - was ihm allemal mehr zusagte als die flachbrüstigen Kindfrauen, die er täglich aus dem Ballettstudio in der Rue Sandrine kommen sah. Hinterher blieb selten so etwas wie Reue, höchstens das wenig schmeichelhafte Gefühl: „Das war immerhin besser als nichts.“

Elias schreckte aus seinen Gedanken auf. Jemand hatte den Laden betreten. Er atmete einmal kaum hörbar aus. Dann erhob er sich langsam um dem Schwindel entgegenzuwirken, den sein schwacher Kreislauf jedes Mal beim zu schnellen Aufstehen erzeugte und drehte sich um. Die Frau stand vor ihm mit einem Buch in der Hand. Sie blickte ihn von unten an (er war mindestens zwei Köpfe größer als sie). Dann sah sie wieder auf das Buch, abwesend, als suche sie in Gedanken nach dem Titel irgendeines Films, den sie vor kurzem im Kino gesehen hatte. Er wartete, doch sie sagte nichts.
Schließlich fragte er: „Wollen Sie es?“
Sie blickte ihn an, scheinbar überrascht, dass er das Wort ausgerechnet an sie gerichtet hatte. „Das Buch – wollen Sie es kaufen?“
Ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck des flüchtigen Amüsements, was ihn zu seinem Ärger irritierte. Dann wanderte ihr Blick wieder auf den Umschlag. „Oh nein, das ist ein Missverständnis. Dieses Buch gehört mir. Ich wollte fragen, ob Sie noch weitere Romane dieser Autorin vorrätig haben.“
Er hob fragend die Augenbrauen. Als sie nicht reagierte, streckte er ihr die Hand entgegen: „Darf ich mal sehen?“ Sie begriff und reichte ihm schnell das Buch. Elias betrachtete es stutzend. Auf dem Umschlag war eine Dampflokomotive zu sehen, die in kitschiger Dramatik auf den Leser zuzurasen schien. Dieses Buch hatte er in seinem Laden noch nie gesehen. Fragend blickte er sie an. „Lesen Sie“, sagte sie mit einem auffordernden Lächeln. Er begann zögernd in den Seiten zu blättern. Es waren Schriftzeichen, deren Sinn er nicht verstand. „Woher haben Sie…“, wollte er fragen. Da sah er, wie die Frau aus der Innentasche ihres Mantels Zigaretten und ein Streichholzbriefchen hervorholte. Sie riss ein Streichholz an, entzündete die Zigarette und warf die brennende Flamme auf den Boden.
„Vorsicht!“, rief Elias. Sie erschrak und trat schnell darauf. Er sah die lackierten Fußnägel in ihren roten Riemensandalen an und schluckte: „Hören Sie, es ist gefährlich und deshalb streng verboten, hier drin zu rauchen.“
Wie albern das klingt, dachte Elias. „Ich spiele gerne mit dem Feuer“, müsste Sie jetzt sagen und dann ihren Mantel ausziehen und dann ihre Arme um meinen Hals legen und mir ihre Zunge zwischen die Zähne…
„Was ist mit Ihnen?“ fragte die Frau. „Ist alles in Ordnung?“ Sie scheint zu schwanken, dachte Elias. „Es war dumm von mir, bitte entschuldigen Sie.“ Dann blickte sie sich hilfesuchend mit der brennenden Zigarette um. Endlich begriff er, nahm die Zigarette, ging damit zur Tür und warf sie hinaus in den Regen. „Wofür brauchen Sie das Buch?“ Bei dieser Frage drehte er sich um. Sie wischte gedankenverloren das Wasser von ihrem Dekolleté. „Für einen Freund. Er mag alte Züge.“ Sie schwiegen. Elias betrachtete sie von hinten, während sie an den Bücherregalen entlang schlenderte. Dabei hinterließ sie eine nasse Spur auf dem Parkett. Elias meinte zu erkennen, dass sie ein wenig zitterte. Sollte er..? Er zögerte und nahm ein Buch, das noch eingeschweißt auf dem Stapel vor ihm lag. Mit seinem Daumennagel ritzte er die durchsichtige Folie, während sein Blick verstohlen zu den nachlässig rasierten Stoppeln auf ihren Waden wanderte. Ihr Mantel endete kurz unterhalb der Kniekehlen. Elias stellte sich vor, wie seine Zunge über diesen rauhen Teppich gleiten würde, weiter hinauf über die Rückseite ihrer Oberschenkel bis zu dem Spalt zwischen ihren Backen. Ob sie rasiert war, also zwischen den Beinen? Eher nicht, dachte Elias, und malte sich einen wild wuchernden Busch dunkler Haare aus, in den er seine Nase vergraben wollte. Seine Zunge drang in seiner Phantasie tief ein zwischen ihre nassen gekräuselten Schamlippen. Er räusperte sich unwillkürlich bei dem Gedanken, wie eines ihrer Schamhaare sich in seinen Hals verirrte. „Haben Sie etwas gesagt?“ Sie hatte sich ihm halb zugewandt und warf einen unbestimmte Blick erst auf Elias, dann auf das Buch in seiner Hand. Elias verlagert sein Gewicht vom einen auf das andere Bein und wischte langsam mit der Handfläche über den Bauch seines Pullovers. Sie blickte ihm jetzt direkt in die Augen, hob fragend ihre Brauen und verzog den Mund zu einem feinen Lächeln, was ihr etwas Spöttisches gab. Elias fuhr sich mit der Zunge vorsichtig über die Oberlippe. „Ich, äh, hatte mich nur gefragt, ob Sie... möchten Sie vielleicht ihren nassen Mantel ablegen? Ich meine, ich könnte ihn zum Trocknen aufhängen, solange sie hier im Laden sind. Sie könnten sich ein wenig aufwärmen. Wenn Sie möchten, koche ich Ihnen auch einen Tee.“
Sie strich sich eine nasse Strähne aus der Stirn und schien über seinen Vorschlag nachzudenken. Dann ging sie an den Regalen entlang bis in den hinteren Bereich, der von der Straße aus nicht mehr einsehbar war. „Kommen Sie hierher“, sagte sie. Elias kniff die Augen zusammen und straffte seinen Rücken. Er war sich nicht sicher, ob sie wirklich mit ihm gesprochen hatte. Doch das war natürlich albern, denn sie waren die einzigen Menschen im Geschäft. Langsam setzte er sich in Bewegung, vorbei an den Tischen mit den Neuerscheinungen und dem Verkaufstresen mit der altmodischen Registrierkasse. Drei Meter vor ihr blieb er stehen als habe ihn jemand per Fernbedienung angehalten. Er suchte etwas in ihrem Gesicht, einen Tadel, eine Einladung, irgendetwas, das ihm sagte, was er jetzt tun sollte. Sein rechter Nasenflügel kribbelte, er fuhr mit seinem Zeigefinger darüber.
Sie nahm einen ihrer Zöpfe, drückte vorsichtig etwas Wasser heraus und betrachtete ihn dabei nachdenklich. Dann, als habe sie einen Entschluss gefasst, ließ sie den Mantel von ihren Schultern gleiten.
„Ich kann Ihre Sehnsucht fühlen.“ Sie sprach leise und sachlich, es lag keinerlei Urteil in ihrem Ton. „Sie würden mich gerne berühren, nicht wahr?“
Elias sah betroffen zu Boden. „Bitte, Sie brauchen sich nicht zu schämen.“, fuhr sie fast entschuldigend fort. „Es ist leider so, dass ich nicht mit Ihnen schlafen möchte.“ Sie drehte den Kopf zur Seite und blickte aus dem Fenster. Dann knöpfte sie ihre immer noch feuchte Bluse auf. „Bitte sehen Sie mich an, wenn Sie mögen.“ Elias zwang sich, den Kopf zu heben. Sie trug keinen BH. Die Haut ihrer Brüste schien noch heller als ihr Bauch, sodass ihre rosa Vorhöfe im Kontrast darauf fast künstlich wirkten. „Wenn Sie möchten, dürfen Sie mich berühren. Das ist alles, was ich Ihnen anbieten kann.“
Elias schloss seine Hände ineinander und suchte innerlich nach Halt. Sein Mund war trocken. Als er bemerkte, dass seine Lippen leicht geöffnet waren, war ihm das peinlich und er schloss sie schnell. Er fühlte ein Flackern hinter seinen Augen. „Bitte gehen Sie jetzt.“, murmelte er. Dann legte er seine Zeigefinger aneinander und auf seine Lippen. Sie spielte gedankenverloren mit dem Zopf. Ihr Gesicht wirkte nicht überrascht. Schließlich drehte sie sich seitlich und begann die Knöpfe der Bluse wieder zu schließen. Elias trat langsam auf sie zu. Direkt vor ihr bückte er sich, hob ihren Mantel auf und gab ihn ihr. Sie legte ihn über ihren Arm und sah zum Fenster. „Es regnet nicht mehr.“ Mit den Rücken ihrer Finger strich sie vorsichtig über seine Wange. Er lächelte schüchtern. Dann ging sie zur Tür. „Sie haben ihr Buch vergessen.“ Elias hatte es auf dem Tisch mit den Neuerscheinungen entdeckt. Sie drehte sich nur halb zu ihm um, blinzelte ihm kurz zu und verließ den Laden.


  • Geschrieben von Odis
  • Veröffentlicht am 29.04.2020
  • Gelesen: 9523 mal

Kommentare

  • CS30.04.2020 02:43

    Hier hat jemand schon. 5 Sternchen gegeben! Eine mit subtiler Erotik spannend erzählte Geschichte, bei der der
    "Klimax" noch fehlt. Kommt der noch?

  • odis (nicht registriert) 30.04.2020 09:05

    Danke für das Feedback.
    Klimaxe werden noch kommen, allerdings in anderen Geschichten. Diese hier soll so subtil bleiben, wie sie ist, findest Du nicht auch?

    PS: Auch ein herzliches Dankeschön für die Sterne (to whom it may concern).

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