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Veröffentlicht von DerGepard am 09.07.2026

Spielräume

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Spielräume
(©:DerGepard)


Die lachende Kuh wird immer größer.

»Verdammt!« und Vollbremsung. Vollautomatisch.

»Was, zum Teufel, macht dieser Milchlaster zehn Zentimeter vor meiner Stoßstange?«

Weil auch der Blick in den Rückspiegel keine Vorfahrt hergibt, bleibt er sitzen und sieht ein: Hier gilt noch Rechts-vor-Links, diese geniale Regel aus der Wikingerzeit, welche stets das Mitdenken aller Verkehrsteilnehmer voraussetzt.

Nur: Für andere mitzudenken, erscheint ihm gerade wie eine ziemlich widernatürliche Grenzerfahrung. Sein, nennen wir es »Reptiliengehirn« verkehrt schon seit Stunden weit außerhalb aller Regeln – egal ob diese auf dem Nordatlantik gelten oder auf einer Nebenstraße. Im Übrigen soll er in diesem Kaff einen unauffälligen Parkplatz finden – mit einem fünf Meter langen Coupé! Auf was hatte er sich da eingelassen? Der Molkerei-Fahrer weiß es auch nicht und lässt ihn weitersuchen.

Immerhin, die Dame im Armaturenbrett meint: »Sie haben Ihr Ziel erreicht!« Langsam zieht es an der halboffenen Scheibe vorbei. Dann schweigt das Navi, und er ist wieder allein mit seinen seltsamen Gedanken. Ein schier endloser Windfang verbirgt den Eingang zur Hausnummer Siebzehn. An den Fenstern im ersten Stock hängen schwere, dunkle Vorhänge. Er ignoriert zwei Parklücken und biegt ab in die nächste Seitenstraße, eine langgezogene Sackgasse direkt am Ortsrand. Der hinterste Stellplatz, vor dem losen Gatter einer blumenwilden Wiese, erscheint ihm anonym genug. In der Abendsonne wirbelt goldener Weizen, es ist Zeit für die Ernte.

»Die Spielwiese am Ende deiner Sackgasse«, lästert sein Reptiliengehirn, »so viel Symbolik verträgt nicht einmal der schwüle Sommerabend, oder?«

Zwei frisch geschorene Schafe beobachten ihn beim Einparken. Nach drei Versuchen schließlich stehen die Reifen parallel zur auslaufenden Bordsteinkante. Die pudelnackten Freunde sehen sich an, blöken noch einmal und trotten wie zufriedene Cowboys in den Feierabend. Auch der Achtzylinder kommt zur Ruhe. Welch eine Stille! Selbst die Dame im Armaturenbrett hat nichts mehr zu sagen. Seine Hände vibrieren. Verwundert nimmt er sie vom feuchten Lenkrad und tastet nach dem Rollo der Mittelkonsole. Ob sie schon da ist? Natürlich ist sie es, er braucht gar nicht nachzusehen auf dem Handy. Karin ist immer pünktlich. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht sie es durch. Konsequent und ohne zu zaudern. Das bewundert er an ihr. Doch heute macht es ihm Angst!

Warum hat er ihr diesen Vorschlag überhaupt gemacht? Genießen sie nicht alles, was ein modernes Paar sich wünschen kann: Ihre Kinder aus dem Haus, die Scheidungen ausgefochten, gut bezahlte Jobs und einen für ihr Alter durchaus ansehnlichen Auftritt? Gerade Karin wird immer wieder deutlich jünger geschätzt, ist nach wie vor eine beeindruckende Erscheinung: Großgewachsen, schlank und so feminin in ihren Formen! Wie oft hat er die sabbernden Kavaliere beobachtet, wenn seine Lady von der Damentoilette zurück an den Tisch schwebte – und die tödlichen Blicke ihrer Gattinnen natürlich, falls diese ihre Tagträume bemerkten. Und dies tun erfahrene Frauen ja wohl immer. Deren Abend war also gelaufen: »Pech gehabt, Männer. Wer zu spät kommt …". Ja, so war das einmal – vor ein paar Jahren.

Am heutigen Abend geht es um seinen Auftritt. Die Vorstandssitzung zum Saisonende ließ sich nicht verschieben. Und obwohl in keinem Lederkoffer das Urlaubs-Ticket fehlte – bis jeder Gockel seinen Tanz um das neue Vertriebskonzept vollendet hatte, war es bereits kurz vor halb neun! Die Sekretärin servierte einen letzten Espresso. Ständig sah er auf die Uhr, versuchte, sich irgendwie auf sein Projekt zu konzentrieren: »Neue Spielräume für die Kundenakquise« lautete das Motto. Doch irgendwann war es soweit, die Gockel hatten ausgekräht: Nichts wie weg! Mit einem weltfernen Lächeln packte er seine Unterlagen und verschwand über den Flur.

»Spielräume, genau darum geht es doch im Leben. Spielräume, oh Mann!«, murmelte er vor sich hin, während er im Umkleidezimmer Krawatte und Businesshemd gegen ein dunkles T-Shirt wechselte. Seit Wochen schon wartete schwarz-schimmernde Seide, perfekt zusammengelegt, auf ihren großen Einsatz. Heute Abend würde er kommen. Die Kleiderordnung ist rigide und Präzision eine Selbstverständlichkeit für einen Top-Manager wie ihn, besonders, wenn es um Premieren geht! Die hochglänzenden Schuhe sowie seine perfekt sitzende Hose konnte er anbehalten. Und die übrigen Accessoires? Liegen zusammen mit dem Seidenhemd in einer kleinen Reisetasche im Kofferraum. Er hat an alles gedacht. Wie immer, nicht wahr?


2)

Karin hätte auch auf ihn gewartet, irgendwo, in einer anderen Seitenstraße. Doch wann er heute von der Sitzung kommen mochte, stand nicht einmal in den Sternen. Und im Übrigen haben sie noch eine Rechnung offen.

Als sie sich vor fünf Jahren näher kamen, war er – natürlich – zweigleisig gefahren. »Man(n) weiß ja nie, wie ernst es eine umschwärmte Frau wie Karin wirklich meint«, so seine Philosophie. Und seine damalige Sekretärin hatte ihn schon lange vor seiner Scheidung begleitet. Die hübsche Lisa war in jeder Hinsicht eine Perle, stets pflichtbewusst und fürsorglich zugleich. Daher ging man nicht nur gemeinsam zu Geschäftsessen und Nachbesprechungen, sondern verlängerte die Wochenenden zuweilen mit einem spontanen Hotelbesuch. Alle wussten davon – nur seine neue Flamme nicht. Auf Karins Frage nach der Kondompackung in seinem Jackett antwortete er mit nichts anderem als der Wahrheit. Volles Risiko. Maximale Transparenz. Wie auf der Chefetage: Alles oder nichts!

Im Moment wirkte Karin beeindruckt vom Todesmut, sich so zur eigenen Doppelbödigkeit zu bekennen. Doch wirklich verziehen hat sie ihm diesen frühen Vertrauensbruch nie. Immer seltener sind ihre Betten morgens zerwühlt. Und regelmäßig treffen ihn giftgetränkte Pfeile, falls sich seine Aufmerksamkeit mal wieder in einer vorbei flatternden Rockfalte verfängt. Obwohl er damals seine Sekretärin, schweren Herzens und mit Hilfe einer üppigen Abfindung, zügig aus Büro und Liebesnest hinaus komplimentierte: Karin und er sind bis heute nicht quitt!

So will er ihr an diesem Abend den Vortritt lassen, ihr genau jenen Vertrauensvorschuss gewähren, welchen er zu Anfang ihrer Beziehung so leichtsinnig verspielte – und mit seinen Fantasien über »Gemeinsame Abenteuer« erneut auf die Probe stellte in letzter Zeit.

Karin durfte also vorausfahren und das Etablissement als Erste begutachten. Seit einem halben Jahr schon diskutieren sie, ob ein solches Experiment ihrer lahmenden Erotik eher schaden oder nutzen könnte. Auch Karin faszinierte irgendwann der erfrischend amoralische Gedanke, die verlorene Leidenschaft in Gegenwart fremder Pärchen wieder anzufachen. Man schmiedete also erste Pläne, recherchierte nach geeigneten Lokalitäten und trug sich Termine ein für Schnupperabende in niveauvollen Clubs.

Doch dann folgten die Rückzieher. Mal sie, mal er wurde in langen Nächten heimgesucht von unzähligen Wenn-und-Aber, von knallenden Eifersuchtsszenarien und lautlosen Beziehungsimplosionen. Wie mochte sie der Anblick von hemmungslos vögelnden Leibern verändern? Was könnte geschehen, wenn ihre inneren Raubtiere zum ersten Mal durch die geöffneten Käfigtüren lugten? Würden die Viecher ihre Dompteure sogleich wild und willenlos durch die Manege schleifen? Und sich zwei Menschen ohne Rücksicht auf Verluste in die Menge werfen, um ihrer entfesselten Libido hinterher zu hecheln? Gar nichts mehr erschien unmöglich in ihrem Kopfkino!

Klar, falls es ihnen dort nicht gefiele, wäre es nur ein lehrreicher Abend, eine mutige gemeinsame Erfahrung, ein ungewöhnliches Dinner mit etwas ausgefalleneren Ein- und Ausblicken, kaum der Rede wert. Und niemand könnte sie schließlich dazu zwingen, ihren freien Willen mit dem Smartphone an der Garderobe abzugeben, oder?

Nur: Wie stellte es sich dar, wenn einer von ihnen an der Öbszönerie Gefallen, aber der andere das Nacktbaden in der Menge keineswegs erregend fände – sondern als nackte Bedrohung? Was, wenn einer, oder auch beide, aufgefordert würden, mitzuturnen auf einem dieser Abenteuerspielplätze voller grenzenloser Möglichkeiten? Was, wenn die eigenen Pfoten nicht mehr beim Vertrauten bleiben wollten, sondern im lustigen Getümmel auf Wanderschaft gingen? Und sich gar mehr als nur ihre sanften Krallen nach neuen Erfahrungen zu sehnen begännen?

Die vergangenen Monate waren tatsächlich ein nicht enden wollender Rausch abartigster Visionen, ihr Appetit aufeinander überwand alle Tabus. Tage und Nächte gerieten zu ekstatischen Festen, zu einem Auf und Ab aus Hoffnungen und Ängsten, aus fantastischen Plänen und ihrer umgehenden Verwerfung, aus Feuer und Wasser – und wieder neuem Feuer. Nicht nur ihr malträtiertes Bett war erstaunt über eine dermaßen erotische Renaissance.

Bis es Karin reichte, und sie beschloss: »Wir gehen nächsten Freitag in einen Club! Sonst wissen wir in zehn Jahren noch nicht, ob wir da hingehören oder nicht. Basta!«

»Basta!« – genau so ist sie. Und ihm ist ein wenig schlecht, als er sein Auto zu sperrt und es den kahlgeschorenen Parkwächtern an der Blumenwiese überlässt. Ob er es als Derselbe abholen wird, dem die Freunde so verschmitzt hinterher lächeln? Der Manager ist überzeugt: Jedes dieser nackten Schafe weiß mehr von seinem Schicksal als er selbst!


3)

Wirklich unauffällig ist der altmodische Sommermantel nicht, aber er verbirgt seine Absichten. Jetzt ist er ist nur noch ein gewöhnlicher Vertreter, vom Büro kommend oder von einer Geschäftsreise. Am liebsten würde er den großen Kragen hochschlagen, doch damit nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen an diesem feuchtwarmen Augustabend. Ein Busfahrer auf dem Weg zum Depot wirft ihm skeptische Blicke zu. Ob er den Verrückten im Trenchcoat in sein Gefährt lassen würde? Mit jedem Schritt werden die Beine schwerer: Ist das Seidenhemd in seiner Tasche zur bleigefüllten kugelsicheren Weste mutiert? Soll er wirklich weitergehen? Eine Abbiegung noch, und das Gebäude müsste erscheinen. Dies ist womöglich seine letzte Chance! Niemand auf der Straße ahnt schließlich, wo sein wahres Ziel liegt. Er könnte das Handy benutzen, bei der Garderobe anrufen und seiner Karin mitteilen lassen, dass er es heute doch nicht schaffen würde – rein zeitlich natürlich. Sie könne den Abend gerne ohne ihn genießen. Dann stellt er sich vor, wie der Barkeeper in schummrig-violetten Räumen nach einer mit kaum mehr als ihrer Maske bekleideten Dame Mitte Fünfzig sucht, um ihr die frohe Botschaft von der »freien Bahn« zu verkünden. Was für ein Wahnsinn! Mächtige Schweißperlen rinnen seinen Kragen hinab. Gerade noch vermag er einem Kinderwagen auszuweichen. Die Mutter der Zwillinge war wohl zu sehr mit ihrem Smartphone beschäftigt, um den Verrückten mit der Reisetasche rechtzeitig wahrzunehmen. Erschrocken blicken beide in weit geöffnete Pupillen. Wer weiß, vielleicht hat man auch ihr soeben freie Bahn gewährt?

Alles dreht sich. Er muss jetzt stehen bleiben. Den verlorenen Kontakt zu seinen Fußsohlen finden. »Tief durchatmen!«, befiehlt sein Reptiliengehirn. Nur noch zweihundert Meter, dann ist er bei seiner Karin, könnte sich von ihrem Schwung mitreißen lassen, seine monströsen Zweifel samt dem schrecklichen Mantel gegen einen Spindschlüssel tauschen. Immer kleiner werden die Hausnummern: Fünfundzwanzig, Einundzwanzig, Neunzehn … »Fuck!«

Mit aller Kraft lenkt er seine Beine nach links, durch das weite Tor hindurch. Erstmals blickt er hinter den Windfang. Die Eingangstüre steht offen. Eine Soulnummer plätschert um die Ecke, so sanft, als wolle sie seine zitternde Hand nehmen, um ihm über die Schwelle zu helfen.

Ist er nicht Manager, ein Macher, ein echter Mann? »O.k. – dann mach es wie immer: Alles oder nichts!«

Zwei verständnisvolle, wirklich hübsch geschminkte Augen warten hinter dem Garderobentisch. Die raffiniert gekleidete junge Frau versteht ihr Geschäft. Mit dem unschuldigsten Lächeln nimmt sie seinen Mantel entgegen und fragt nach der Buchungsnummer. Wie in Trance nennt er die vierstellige Zahl. Sie weiß Bescheid.

»Bitte geben Sie mir noch ihr Smartphone zur sicheren Verwahrung. Im Interesse unserer Gäste legen wir Wert auf höchste Diskretion.«

Er steckt den Spindschlüssel in eine freie Hosentasche und sucht nach seinem Handy. Offensichtlich hat hat er es im Auto vergessen. Er sollte das Kommando wohl besser seinem Reptiliengehirn überlassen! Nach einem ausgiebigen Blick in die Reisetasche, glaubt ihm die Dame. Auf die angebotene Führung durch die Lokalität verzichtet der Manager. Wer weiß, wie peinlich es noch werden mag, heute Abend? Er wird den Weg durch die feindlichen Linien schon selbst finden. Also: Auf in die Schlacht!


4)

Die einladende Musik weist ihm die Richtung. Sie perlt von der Bar herüber. Ein zu irgendetwas sehr entschlossener Jüngling mit freiem Oberkörper und weißem Frottee über der Schulter schneidet rüde seinen Weg.

»Vorsicht, junger Mann – oder gilt hier etwa rechts vor links?«

»Oh, Entschuldigung!«

Zum ersten Mal muss er grinsen über sich und den Wahnsinn seines Vorhabens, immerhin. Am Ende des Seitenflügels liegen die Sanitärräume. Gewiss sind sie nach Frauen und Männern getrennt, oder etwa nicht? Hat er sich wirklich so gut vorbereitet, wie er glaubt? Auf dem Weg dorthin findet er seinen Spind. Der Schlüssel passt: Schuhe, Hose und T-Shirt sind schnell verstaut. Zweifelsohne, nach diesem Arbeitstag wird es Zeit für eine gründliche Dusche. Sie erwartet ihn, hell erleuchtet und gleich gegenüber. Eine Trennung zwischen den Geschlechtern ist nicht zu erkennen. Mit der Vorsicht eines Einbrechers legt sich seine Hand auf den schwitzenden Türknauf. Doch zum Zögern bleibt keine Zeit: Eine splitternackte, wie ein Zitronenbaum duftende Südländerin entreißt dem Einbrecher das Milchglas, und schenkt ihm beim Hinausgehen ihr vieldeutiges Lächeln. Den durchaus appetitlichen Anblick verdrängend, zwingt sich der Manager, an nichts anderes zu denken als an die Normalität von Saunabesuchen, und sucht sich einen freien Duschplatz.

Zwischen zwei dunkel behaarten Bodybuildern seift er die arg verspannten Schultern ein. Wann war er eigentlich zum letzten Mal im Fitnessstudio? Ohne eigenes Zutun streift sein Blick auf und ab, immer entlang den sich elegant im Strahl windenden Muskelsträngen. Was alles mögen die Typen heute schon erlebt haben? Ihre wie gemalt wirkenden Silhouetten beeindrucken, selbst ihn als Mann. Wirklich jedes Körperteil, das zum Einsatz kommen mochte in diesem Erotik-Dschungel, scheint bestens in Form: Stattliche Jäger, ohne Frage! Weibliche Aufmerksamkeit sollte keinerlei Herausforderung darstellen. »Und männliche ebenso wenig!«, wie sein Reptiliengehirn ergänzt.

Und er selbst? Wie wären denn seine Karten, sollten tatsächlich alle Hüllen fallen? Auf was für Proportionen stehen eigentlich die Besucherinnen eines solchen Etablissements? Ist für wirklich jede etwas »passendes« dabei? Vielleicht auch einer wie er, ein »gereifter« Kavalier der alten Schule? Viel zu heiß schießt das Wasser aus der Brause. Erschrocken fällt ihm seine Karin ein, und dass er ja wegen ihr unter dieser Dusche steht. Er reißt den Hebel nach rechts. Und bemerkt erst jetzt die laut lachenden Frauen an der Fliesenwand gegenüber bei ihrer ausgiebigen Körperpflege. Worüber amüsieren sie sich so? Etwa über ihn? Selbst als sie durch den dicken Schaum hindurch seine Unsicherheit erkennen, drehen sie sich nicht weg und glucksen fröhlich weiter. Unwillkürlich kontrolliert er seine eigene Silhouette. Das Wasser kommt jetzt eiskalt: Höchste Zeit, um wach zu werden!

In der Umkleide verleiht ein schmaler Ledergürtel seiner Hose akkuraten Sitz – doch er selbst, so wird ihm klar, würde gleich den Mut seines Lebens benötigen, um nicht jeden Halt zu verlieren. Er mag als gebildet, wohlhabend, ja sogar mächtig gelten, der Jüngste jedoch ist er nicht mehr, wie ihm der Duschgang diskret vor Augen führte. Heute Abend hilft also nur? Blanke Verwegenheit!

Geradezu feierlich schiebt er die Venezianische Maske über sein fein rasiertes Gesicht und verschließt den Spind. Als er sich wieder erhebt, funkeln hellwache Männeraugen hundertfach im goldenen Strass. Sein Spiegelbild ahnt: Dieser Blick könnte alles durchdringen, selbst die tiefsten Abgründe!


5)

Wo wird er seine Karin finden? Aufgedrehte Stimmen vermischen sich mit der Musik: Maske an Maske reiht sich eine Perlenkette geschäftiger Alter Egos entlang der halbrunden Bar unter der Discokugel. Ihre kunstvollen Verkleidungen oszillieren wild und widersprüchlich um archaische Fantasien, mit Hilfe derer die dahinter Versteckten für heute ihren Fesseln der Moral zu entkommen suchen. Manches dieser Kunstwerke glitzert beschwingt und freizügig mit den halbleeren Sektgläsern um die Wette, andere Masken wirken so düster und abweisend, dass selbst der Versucher unerkannt am Tresen sitzen könnte. Auch der Manager braucht jetzt etwas zu trinken. Die Bar scheint gut sortiert. Sachte nähert er sich einem der edlen Hocker. Weil ihm alles sauber erscheint, rutscht er das weiße Leder hinauf und bestellt einen »Martini-on-the-Rocks-with-a-drinking-straw«, wie zwischen zwei schwungvoll gezeichneten Kreidebrüsten beworben. Eine Eismaschine rattert. Möglichst unauffällig zieht er sein Hemd zurecht und kontrolliert den Gürtel. Die Schuhe glänzen wie lange nicht mehr, und selbst seine Fingernägel präsentieren sich perfekt manikürt. Was für ein Abend! Sein Drink wird gereicht, Eiswürfel tanzen im Glas. Er hat jetzt etwas, um sich festzuhalten, hoch oben über dem schwankenden Parkett. Es wird Zeit, sich umzusehen.

Zwei freie Stühle weiter wuchtet eine reifere Blondine ihre Üppigkeit auf den hochglänzenden Tresen. Sie hat ihre Reize geschickt in ein purpurnes Dessous gepackt und saugt alsbald, sichtlich gelangweilt, an einem gigantischen »Sex-on-the-Beach«. Völlig unerwartet treffen sich ihre Blicke. Wie ein Geschwader Spionagedrohnen kreiselt frisch erwachte Neugier über die Tischkurve direkt auf den Neuling zu. Tiefrote Lippen umschließen, lustvoll angespitzt, den metallenen Strohhalm, während von schimmernder Vulkanerde gerahmte Pupillen ihn schamlos abscannen. Ob sie das Zittern seiner Hände bemerkt? Unverkennbar: Die Dame entkleidet ihn, noch nicht buchstäblich zwar, aber in ihrem Kopf – was sich kaum weniger peinlich anfühlt. Wie würde er antworten, falls sie ihn auffordern mochte, zu was auch immer? Etwas fester nur, und er hätte sein Martini-Glas zerdrückt.

Ihr Begleiter ist derweil in ein Gespräch mit dem Pärchen nebenan vertieft. Seine schwarzbraune Ledermaske hat ihn für heute in einen selbstbewussten Fuchs verwandelt, was kaum zu überhören ist. Sichtlich begeistert tauscht er sich aus über sämtliche Motive und intime Vorgeschichten zu diesem und vielen anderen Abenteuern, welche er schon siegreich absolviert hat. Ab und an wandern seine Finger die Strapse der Blondine entlang, so als müsse er sie an seine Anwesenheit erinnern. Mit einem dünnen Lächeln quittiert sie die Kontrollgänge der Fuchspfote, doch eine wirkliche Emotion ist nicht auszumachen. Vielleicht liegt es nur an ihrer Maske?

Umso sonderbarer, dass das ungleiche Quartett mit einem einvernehmlichen Nicken fast gleichzeitig aufbricht, um »nach hinten« zu gehen. So lautet das gängige Codewort, wenn man hier von der Theorie zur Praxis schreiten möchte, hat der Neuling irgendwo gelesen. Als die Lady in Red seinen Hocker passiert, wirft sie ihm einen unerwartet lustfreien, ja fast gequälten Blick zu, durch ihre Calliope-Maske hindurch. Der Manager interpretiert ihre Geste als gut gemeinte Warnung: »Lass Dich besser nur auf das ein, was Du wirklich willst!« Er wird es sich zu Herzen nehmen, an diesem Abend. Hinter seiner Verkleidung geschützt beobachtet er die seltsame Entourage auf ihrem Weg »nach hinten«. Dieser Kelch ist an ihm vorbeigegangen, stellt er erleichtert fest. Und saugt weiter an seinem warm werdenden Martini.

Als auch der letzte Eiswürfel seine Form verloren hat, scheint es an der Zeit, aufzubrechen. Immerhin ist er nicht zum Spaß hier: Karin wartet irgendwo in diesem Irrgarten – und will seinen Mut bewundern! Was macht sie wohl gerade? Ist sie genau so aufgeregt und schüchtern wie er? Oder genießt sie bereits die Avancen der ausgehungerten Jäger, welche hier überall durch das Gehege streifen? Er würde es nur herausfinden, wenn er ebenfalls mutig »nach hinten« ginge, hinein in diese Todeszone, auf welche ihn sein Reptiliengehirn mit ersten kühlenden Schweißperlen vorbereitet.

Nicht weit von der Bar entfernt, entdeckt er ein kleines Seitenzimmer. Da die dünne Tür nur angelehnt ist, wagt er es und schiebt sie ein wenig nach innen auf. Was er sieht, lässt ihn zusammenzucken: Ein älterer Herr in eleganter Hose und Seidenhemd starrt ihn an. Das in Schwarz und Rot gehaltene Separee erweist sich als kuschelige Spielwiese mit zwei großen, durchgehenden Spiegeln an Wand und Decke: Der Manager betrachtet gerade sich selbst – und ist erleichtert, niemanden sonst gestört zu haben. Natürlich könnte ein Pärchen, oder auch zwei, den Zugang jederzeit von innen verriegeln. Von außen einsehbar bliebe das Geschehen dennoch, denn vor den verglasten Luken ringsum hängen nicht einmal Vorhänge! Perfide, oder?

Wie nur mag man sich hier, zwischen den großen Polstern, gemeinsam entspannen, wenn von überall wildfremde Blicke über die Spiegel huschen? Nun, um´s Entspannen geht es ja gar nicht, dämmert es ihm. Dies können Paare zu Hause jeden Tag. Hier suchen sie das Ungewohnte. Und was mag es Ungewöhnlicheres geben, als sich im Wissen um die Gier sabbernder Zuschauer der allerschönsten Nebensache überhaupt zu widmen? Er stellt sich Karin vor, wie sie über seine Schultern hinweg die Spiegel absucht, um Augenkontakt mit Zaungästen herzustellen, die ihren Körper allein mit Blicken schneller verschlingen als er mit seinem ganzen Leib. »Du musst stets der Schnellste sein, um noch etwas von ihr zu abzubekommen«, zischt ihm seine aufgepeitschte Fantasie ins Ohr. »Weidmannsheil!«

»Weidmannsdank!« antwortet das Reptiliengehirn und freut sich über den ersten Spalt an der Tür zu diesem spannenden Abend. Die Spiele sind eröffnet, die Karten verteilt. Und seine Hose sitzt nun strammer als je zuvor. Doch was, bitteschön, macht Karin?


6)

Am Eingang zu einem höhlenartig beleuchteten Raum stehen ein paar Neugierige. Die Tür ist weit geöffnet. Während er sich vorsichtig nähert, schiebt ein kleiner Mann, von hinten kommend, zügig seinen Bauch an ihm vorbei, um weiter drinnen einen guten Platz zu ergattern. Er hat sich ein frisches Bier geholt und will wohl die Fortsetzung des Gebotenen verfolgen. Der Manager reiht sich am Ende der Schlange ein, er will niemandem die Sicht nehmen. Über einem mit schwarzem Leder bezogenen Bett hängen diverse Ketten und Haken. Von den Stirnseiten weg umrahmt ein fast deckenhohes Rechteck aus antikbraunen Balken die archaische Liege. Dutzende massiver Ösen hat man ringsum an den Innenseiten befestigt. Einer Einladung gleich pendelt ein verwaistes Pärchen geöffneter Handschellen zwischen Bett und Balken. Selbst schwergewichtigste Probanden, so mutmaßt der Neuling, könnten an diesem Lastenkran zum Schweben gebracht werden. Und in eine absolut wehrlose Position, welche er sich nun mit feinem Schaudern ausmalt. Auch das passende Werkzeug wartet schon in Reichweite: An der holzvertäfelten Wand hängen unterschiedlich lange Stricke, Gerten, Peitschen, ja sogar ein klassischer Teppichklopfer! Doch – statt wie früher erlösende Geständnisse – holen Furcht und Schrecken hier die pure Lust aus den gepeinigten Leibern. Wer von ihnen beiden wohl den Scharfrichter spielen dürfte? Sicherlich seine Karin. Ihm ist klar: Sein Sündenregister würde für viele Sitzungen reichen in dieser Folterkammer!

Doch seine Fantasie bleibt Wunschvorstellung – denn dieses Bett ist menschenleer. Das Spektakel findet ganz woanders statt. Ein schweres Keuchen verrät die Protagonisten hinter der geöffneten Tür. In Reih und Glied sind die Masken der Zuschauer auf ein Gerät am Ende der schaurigen Höhle gerichtet. Nun wagt auch er den Blick ums Eck. Ein urtümlicher, mit dem gleichen Leder wie das Bett bezogener Sessel offeriert ein unfassbar intimes Kammerspiel, das wirklich jeden elektrisiert:

Eine große Frau in hautengem schwarzen Lack räkelt sich auf und ab entlang der schräg gestellten Lehne. Die Handrücken zurück geworfen, wölbt sie ihren bebenden Unterleib rhythmisch, und von immer noch tieferem Stöhnen begleitet, dem fahlen Licht entgegen. Das fällt ihr leicht auf dieser raffinierten Konstruktion. Denn ihre angespannten Unterschenkel stützen sich weit ab über ihrem Becken – auf zwei üppig gepolsterten Beinschienen eines mittelalterlichen Behandlungsstuhls!

Die Öffnung ihres ohnehin knappen Lederkleides hat sich fast bis zum Bauchnabel hinauf verschoben. Ein Höschen darunter ist nicht zu erkennen. So springt ihr nackter Schoß immer wieder heran an sein lustvolles Ziel: Den fleißigen Lippen eines noch mit Hemd und Hose bekleideten Kavaliers zwischen ihren weit geöffneten Schenkeln! Dessen kupferne Maske ruht ordentlich neben ihm auf dem Boden. Seine braunen Haare hingegen stehen kreuz und quer in alle Richtungen. Denn wenn die Hände der Schönen vor lauter Erregung keinen Halt mehr finden, packt sie seinen Kopf und presst ihn mit aller Kraft gegen ihren prachtvollen Venushügel. Als könnte er durch ihr Becken atmen, scheint der Herr kaum Luft zu holen. Damit er sich und der Atemlosen unter ihrer Fledermaus-Maske dennoch etwas davon verschafft, umkreist er mit seiner tänzelnden Zunge den kugelrunden, frech nach vorn strebenden Pol ihrer Lust – um sogleich die weiche Hügellandschaft als Ganzes wieder mit seinen Lippen heran zu saugen. Voll unbändiger Energie wirft sie sein Gesicht samt ihrem Becken in die Höhe. Ekstatisch verdrehte Augen schließen sich, schwarz glänzende Fingernägel krallen sich ins Leder. Wie von Starkstrom erfasst, durchfährt sie ein heftiges Zittern: Die Fledermaus schreit auf! Für einen Moment nur stürzt ihr vibrierender Leib erschöpft zurück in den Stuhl. Bis der Kavalier aufs Neue beginnt – mit seiner herrlichen Folter zwischen ihren gespreizten Beinen.

Neidvolle Blicke begleiten die um Erlösung wimmernde Patientin bei ihrer gynäkologischen Untersuchung. Und nicht nur die männlichen Voyeure sind fasziniert. Auch so manche Begleiterin träumt gerade heftig von einem Termin bei dem geschickten Arzt zu ihren Füßen. Ob man ihn später an der Theke abfangen könnte? Ist er gar öfter hier in der Ambulanz? Und praktiziert er auch woanders? Niemand im Raum mag sich losreißen von diesem Lehrstück unverhohlener Lust. Auch der Manager nicht. Wie gerne würde er tauschen mit dem Doktor und selbst einmal die eigenen Fähigkeiten testen an der heißen Brünetten auf ihrem Stuhl. Oder auch an seiner Karin, falls er sie noch finden sollte am heutigen Abend. Verstohlen blickt er sich um. Hat sie ihn vielleicht schon entdeckt? Vom Flur aus seine ansteigende Gier beobachtet bei diesem frivolen Schauspiel?

Der Frauenarzt erhebt sich. Die Behandlung war erfolgreich. Doch statt wieder seine Maske über das Gesicht zu stülpen, stellt er sich vor den Gynstuhl und öffnet den *********n Reißverschluss seiner Stoffhose. Die Fledermaus lupft ihre Schenkel von den Stützen, richtet sich auf, und zieht genüsslich seinen Slip samt Gürtel und Hose nach unten. Jetzt nimmt auch sie ihre Maske ab. Gebannt starrt das Publikum auf das knochenharte Gemächt, welches unter leisem Wimmern fast gänzlich zwischen ihren großen Lippen verschwindet.

Auch der Neuling hält es kaum mehr aus. Wie dringend benötigte er jetzt seine Karin! Ohne zu Zögern würde er sie vor versammelter Mannschaft auf das leere Folterbett werfen, um mit ihr hemmungslos durch alle Stellungen zu toben, die ihre Körper noch irgendwie tolerieren mochten. Der Frauenarzt stöhnt immer lauter. Endlich ist es soweit: Sämtliche Energie, mit der er heute seine Kunst ausübte, kehrt in einem fassungslosen Schrei zu ihm zurück! Seine Patientin erweist sich als ähnlich geschickt wie er selbst. Ohne Unterlass verwöhnen ihre Hände seinen Freund in druckvollen Wellenbewegungen und von allen Seiten. Nach einem dritten Durchgang schließlich sinkt der Arzt erschöpft zurück auf seine Knie und bettet den schweißnassen Kopf in ihren weichen Schoß.

Ein intensiver Geruch hat sich verbreitet. Er kommt keineswegs nur von den fleißigen Protagonisten in der Ecke. Alle Zaungäste sind jetzt auf Touren – der Gynstuhl wird nicht lange frei bleiben. Doch der Manager muss weiter. Nicht, dass seine Karin eine Vermisstenanzeige aufgibt wegen ihm. Er hat ihr noch so viel zu zeigen.


7)

Ist das Alles nicht verrückt? Eigentlich könnte er schon wieder duschen gehen und die Unterhose wechseln. Auch sein Magen meldet sich: Das Zusehen hier macht Appetit – nicht nur auf deftige Abenteuer, sondern auch auf etwas zu essen. Wo bleibt eigentlich das versprochene Buffet? Auf seiner Suche entdeckt er eine unscheinbare Treppe, gleich gegenüber dem kleinen Spielzimmer. Sie führt über einen lila Teppich hinab in das dezent beleuchtete Untergeschoss. Hier also wartet das energiereiche Potpourri, welches die Ausgehungerten bei Laune halten soll. Der Neuling ist früh dran, nur wenige Tische sind besetzt. Die zartrosa glitzernde Fleischtheke wird von zwei Pärchen und drei Solisten belagert. Ein nur noch mit Hose, Maske und einem Goldkettchen bekleideter Gigolo vermisst so nebenbei und völlig schamfrei die ausladend weiblichen Pobacke vor sich in der Schlange. Was dem Mann nur wenig Fantasie abverlangen dürfte, denn ihr kesser String-Tanga gibt deutlich mehr vom üppigen Inhalt Preis als der dünn belegte Croque Monsieur auf seinem halbleeren Teller.

»Wie sich das wohl anfühlen mag«, fragt sich der Manager, »wenn einem die Kavaliere noch beim Essen-Fassen auf den Hintern starren, als suchten sie sein Preisschild, um ihn mit an die Kasse zu nehmen? Tief in solch fundamentale Fragen versunken, trägt er sein Tablett zu einem freien Bistrotisch in der gegenüber liegenden Ecke. Mochten ähnliche Übergriffe auch seiner Karin gefallen? Oder vermisst sie gar solch unverschämte Formen der Bewunderung?

Weil selbst in Lasterhöhlen chromglänzende Baristas einen seriösen Eindruck hinterlassen, holt er sich eine frisch gespülte Tasse. Serviert der Automat auch Cappuccino? Doch statt den Tasto für die Schiuma di Latte zu entdecken, stutzt sein Blick – und bleibt an einem ganz anderen Objekt der Begierde hängen. Etwas ungewohnt Vertrautes okkupiert seine Aufmerksamkeit, frech im Raum platziert wie eine Kalorienbombe direkt vor der Salatbar. Erst nach einem dritten, wirklich ausführlichen Abgleich mit seinem Reptiliengehirn, will er es glauben: Diese Form, diesen Schwung, dieses einzigartige Leckerli kennt er aus-, ja sogar inwendig. Allerdings gehört es keineswegs zu seiner Karin!


8)

»Fünf Jahre!«, schießt es ihm durch den Kopf. »Es ist schon fünf Jahre her!«

»Erst fünf Jahre? Wirklich?« Sein Reptil zeigt nur noch wenig Interesse am Cappuccino. Lieber schickt es eine längst vergessene Botschaft das Rückenmark hinab, direkt in den Beckenboden: »Achtung, hier wartet ein Milchschäumer der ganz besonderen Art!«

Gerade noch fällt dem Manager ein, dass auch er eine schützende Maske trägt. Ansonsten hätte er den Speisesaal umgehend verlassen. »Ganz ruhig bleiben!«, ruft er sich zu. Mit dem Rücken zur Salatbar entscheidet er sich für einen Espresso und schlendert betont unauffällig zurück in seine Ecke. Er rückt den Stuhl um den Tisch herum, nimmt kurz die Maske ab, verbrennt sich die Lippen am Caffè und starrt auf den einsamen Akt eines gewissen Pablo Ruiz Picasso. Dessen Zeichnung stellt exakt jene Szene dar, die er vorhin im Folterzimmer mit eigenen Augen verfolgen durfte, nur mit einem weiteren Mitspieler am Set. In der Verglasung des Kunstdrucks spiegelt sich zudem der freche Po vor der Salatbar. Dieses Schaustück hätte auch dem Meister gefallen – irgendwie hat es in seiner Zeichnung noch gefehlt.

So wird aus dem historischen Dreier an der Wand ein moderner Vierer. Und kein Wunder: Dieser malerisch schöne Hintern – er gehört eindeutig zu Lisa, seiner ehemaligen Sekretärin! Direkt vor der Salatbar findet das Prachtexemplar einen Sitzplatz.


9)

Zehn Minuten später erhebt sich der Po, endlich. Lisas Salatteller ist leer, sein Caffè kalt. Aus dem neckischen Partnertausch an der Wand kann wieder Picassos solider »MMF« werden. Verstohlen hebt der Neuling seinen Kopf und sieht Lisas transparentes Spiegelbild aus dem Rahmen laufen. Ihre goldgelbe Maske erweist sich als Abbild der indischen Göttin Shakti, jener weiblichen Urkraft des Universums, welche nicht nur den Gegenspieler Shiva in Atem hält. Auch der Manager verehrte einst Lisas Kurven wie heilige Fruchtbarkeitssymbole. Als würde die Auferstandene um all ihre Verehrer zwischen Himmel und Erde wissen, schwingt sie, so kess wie unnachahmlich, die üppigen Hüften in Richtung Treppenhaus. Tänzelt hier gar Mata Hari den Teppich hinauf? Stets dachte der Chef, seine Sekretärin gut zu kennen, doch solch exotische Seiten hatte sie ihm nie offenbart. Was Frau in nur fünf Jahren alles zu lernen vermag! Verträumt blickt er dem Pöter hinterher: Welch himmlische Formen es doch gibt, hier auf Erden! Im Nu sind alle Göttergaben um die Ecke verschwunden.

Und jetzt? Was, wenn Lisa ihn ebenfalls erkannt hat? Sollten sie sich bald zwischen den Matten umarmen wie zwei alte Bekannte auf einem Rummel? Oder so tun, als wären sie immer nur Chef und Sekretärin gewesen? Was, wenn sich Shakti an ihm rächen wollte, ihm ihre weibliche Ur-Macht beweisen und seine rüde Abfuhr vergelten mittels einer neuen Social-Media-Sensation: »Weltbekannter CEO im Swinger-Club gesichtet!«?

Jetzt könnte er einen weiteren Martini an der Bar vertragen. Doch er braucht Zeit zum Nachdenken und keine Anmache. Sich vorsichtig umsehend zieht er ein Pils aus dem Kühlfach und schleicht zurück an seinen Tisch. Ratlos stiert er auf Picassos Zeichnung: Drei miteinander, drei durcheinander, so war es wohl schon immer. Erst jetzt dämmert ihm das schlimmste aller denkbaren Szenarien; Wie würde Karin reagieren, falls auch sie die Hüften schwingende Shakti als seine ehemalige Geliebte entlarven sollte?

Eigentlich möchte er sofort zur Umkleide laufen und sich anziehen, diese lächerliche Maske ablegen und erlöst der Wahrheit ins Auge blicken: Seine Erotik ist erschöpft! Der Mann will nur noch seinen Frieden, sich in keinen Spagat mehr zwängen zwischen Anspruch und Einspruch, zwischen jugendgeilen Altaffen-Fantasien und perfekt geföhnten Titelbildern auf Manager-Magazinen. Niemand auf der Welt kann alles haben, selbst er nicht!

»Wirklich nicht?«, fragt sein Reptiliengehirn. »Der gute Pablo hat doch ausschließlich im Spagat gelebt. Und dies nicht mal schlecht!«

»Mag ja sein. Aber was soll ich denn machen? Dort oben erschlägt mich entweder Shakti oder Karin – oder beide gemeinsam!«

»Beide gemeinsam, vielleicht mit diesem Teppichklopfer? Das wär´ doch auch ein schickes Ende, meinst Du nicht?«

»Ich muss an meine Zukunft denken!«

»Wolltest Du nicht Deine längst abgelaufene Zukunft vergessen? Purer Genuss wächst nur wo? Genau – nur in der Gegenwart!«

Dann schweigt das Reptil und lässt ihn allein in seiner Folterkammer. Nach einer kleinen Ewigkeit stellt der Manager die leere Bierflasche zu den anderen. Wollten Karin und er nicht ihre gemeinsamen Grenzen testen – und endlich ausprobieren, was ihnen noch alles Spaß bereiten mochte, nach fünf langen Jahren?

Spielt es eine Rolle, ob für sie diese Grenzen »Shakti« oder »Fledermaus« oder »Lasst uns nach hinten gehen« heißen, ob der ersehnte Lustschmerz mit einem historischen Teppichklopfer oder der noch viel älteren Eifersucht in ihre Leiber fährt? Freud und Leid sind in einer Partnerschaft nie wirklich voneinander zu trennen. Entweder man verzichtet auf Träume oder man riskiert sie. Den Ausgang eines Abenteuers kennt sowieso niemand. Und ganz ohne Leiden und Leidenschaft kommt alles zum Stillstand. Welchen er unter seinem Grabstein noch lange genug genießen mag. Also: Zurück ins Leben – und endlich raus aus diesem Keller!


10)

»Jetzt geh doch mal nach rechts!«, hört er sein Reptil zischen, als er die letzte Teppichstufe erreicht.

»Aber da geht es doch nach hinten!«

»Richtig! Wohin sonst?«, stöhnt der Archetyp und verpasst ihm eine weitere Ladung Testosteron.

Am Ende des langen Flurs schimmert türkisfarbenes Licht durch eine bizarre Tropfstein-Landschaft. Wild empor wuchernde Formen aus künstlichem Eis machen sich her über ein atlantikblau bezogenes Hochbett. Der Rest der Grotte wird von aufdringlichen Plastik-Stalaktiten umschlungen. Dennoch gewährt die Deko freie Sicht auf ein cooles Event, welches soeben seine heiße Phase erreicht: Zwei reifere Pärchen – man weiß nun wirklich nicht, wer zu wem gehört – treiben auf ihrer »Eisscholle« einem sportlichen Höhepunkt entgegen!

Niemand aus dem Quartett scheint den Besucher wahrzunehmen, jeder ist ganz und gar bei der Sache. Seelöwinnen gleich liegen die Frauen nebeneinander und unter ihren beleibten Liebhabern. Beide Weibchen stöhnen laut und taktrein um die Wette. Gefangen in diesem seltsam erotischen Gefrierfach, gehen dennoch Ströme aus blaugrün illuminierten Schweißperlen auf ihre wabernden Brüste nieder – auch die Männchen geben alles! Als schwitzten sie um Olympisches Gold, klatschen die nassen Lenden der Seelöwen im Rhythmus unhörbaren Beifalls an die weit geöffneten Becken ihrer Gespielinnen.

Welches Duo wird schneller »Wir sind oben!« jodeln, welches als erstes ihren Eisberg arktischer Lust erklimmen? Sollte er jetzt seine Favoriten bestimmen und schnell noch einen Wettschein ausfüllen? Seit fünf Minuten schon kämpfen die beiden Teams um den Einzug ins Finale. Wer weiß, vielleicht darf der Gewinner dann das andere Weibchen zum Jauchzen bringen – oder umgekehrt? Der Ausgang dieses Doppels erscheint so skurril wie offen.

»Welch ein ungewöhnlicher Wettbewerb!«, murmelt der Neuling, und selbst sein Reptil widerspricht ihm nicht.

Was mag es noch an erotischen Höchstleistungen zu bestaunen geben in dieser Achterbahn der Lust? Welche Disziplin, welch kesse Herausforderung würde ihm selbst gut liegen? Wo warteten wohl seine eigenen Leistungsgrenzen auf ihre gründliche Erkundung? Aus dem zarten Neuling wird ein mutiger Forscher. Und da nun auch das Testosteron seine heroisierende Wirkung entfaltet, überlässt er die vier Seelöwen ihren Winterspielen – und begibt sich mit einem entschlossenen Lächeln auf die nächste Etappe seiner unglaublichen Expedition.

Eines, aber, hat der Forscher schon gelernt: »Nach hinten ist´s ein weiter Weg!«


11)

So entscheidet sich der Forscher für den anderen, noch unentdeckten Looping dieser Achterbahn. Hier wird die Musik dezenter, taucht der schlank werdende Pfad ab in eine geheimnisvolle Dunkelwelt. Bunte, stromdurchflossene Glühwürmchen weisen ihm den Weg. Subtile Geräusche lösen, Schritt für Schritt, die vorlauten Stimmen ab. An ihrer statt verwandelt feierliche Spannung die Tiefen des Clubs in einen gigantischen Pulsmesser. Der Herzschlag des Entdeckers pocht in seinen Ohren wie das Echo eines Schmiedehammers. Die enormen Energien um seine Sinne verdichten sich zur Explosionskraft des Dschungels kurz vor einem Hurrikan, trotzig alle Luft anhaltend, lebensprall und überreich an noch unsichtbaren, aber monströsen Überraschungen. Doch niemand flieht – der Urwald hier wird immer voller!

Paare ziehen vorbei, Hand in Hand, mal mehr, mal gar nicht mehr bekleidet. Sie gehen nicht »nach hinten«, sie schweben hinein in ihr gemeinsames Abenteuer. Wort- und atemlos, jeder mit der Wachheit eines Delinquenten auf seiner letzten Meile. Wie die zum Tode Verurteilten, fiebern auch sie höchst unterschiedlichen Szenarien entgegen: Die einen ersehnen sich den Himmel, die anderen erwarten eine Hölle – und so mancher Unschlüssige überlegt, wie er am schnellsten das Fegefeuer hinter sich bringen könnte, um irgendwie doch noch die Kurve ins Paradies zu kriegen.

Nur, alle wissen: Der vor ihnen liegende Dschungel präsentiert sich niemals so, wie er auf ihren Karten eingezeichnet ist – er besteht aus lauter Menschen. Und nichts auf der Welt ist beweglicher, nichts unberechenbarer als diese! Just deswegen sind die Paare ja hier, um von der Gefahr zu kosten, von der süßesten Sahne auf den verlockendsten Gipfeln, aber auch von all den schrecklichen Wunden bei einem Sturz ins Bodenlose. Selbst der Forscher spürt sein wildes Tier rumoren, und jeder Schritt »nach hinten«, hinein in dessen Revier, macht ihm bewusst: Bald gibt es kein Zurück mehr, bald gibt es nur noch Wahrheit: Das Schauspielern ist hier zu Ende. Körper lügen nie. Und entfesselte Lust schon zweimal nicht.


12)

Der nächste Raum, der nächste Traum lädt ein. Keine Tür verschließt ihn. Sein Eingang lotst die Gäste durch einen lockeren Vorhang aus Ledergirlanden, verziert mit kleinen, eingeflochtenen Perlen. Wer diesen Paravent mit nacktem Oberkörper durchschreitet, erhält bereits seine erste Streicheleinheit. Wie sanft schwingende Peitschen winden sich die Schnüre um die herein schwebenden Leiber und bereiten sie vor auf die Möglichkeiten, welche sich sogleich vor ihnen entfalten werden.

Sprachlos steht der Forscher vor einem ersten, kreisrunden Altar aus dunkelgrauem Leder. Ein gemauerter und dick gepolsterter Opferplatz wurde hier errichtet – für alle Götter der Lust, den viel beschworenen wie den namenlosen. Weit und frech beleuchtet ist diese heilige Go-Go-Bühne. Sie bietet genau den Spielraum, welchen sich sein wildes Tier schon immer erträumt hat. Ringsherum, fast schon im Halbschatten, flankieren in sich verschlungene Pärchen das Geschehen auf der gigantischen Matte. Es ist überdeutlich: Hier beginnt »hinten«! Für diese Erkenntnis braucht es nicht einmal ein Reptiliengehirn.

*

Rechts von ihm hat eine der umher stehenden Damen bereits das Zepter übernommen. Während ihr Begleiter noch gebannt dem Treiben auf dem großen Leder folgt, wandern nachtblaue Fingernägel durch seine flink geöffnete Hose ihrem ganz eigenen Ziel entgegen. Schon blickt das Gesuchte keck und steil dem Zwielicht ihrer Hexenküche entgegen: Es ist angerichtet! Die nur mit hauchdünnen Bändern Bekleidete geht nun einen Stock tiefer auf ihre Knie und probiert ausgiebig vom frisch servierten Abendmahl in ihren fleißigen Händen. Ohne nach unten zu blicken, genießt der Herr sowohl die Show auf der Matte, als auch die äußerst geschickte Zubereitung zwischen seinen Lenden. O Gott, wie gierig seine Köchin schmatzt! Sie scheint zu wissen, welch unbändige Lust solch eine fantasiereiche Kombination aus Sehen und Fühlen bereitet und bringt ihren Begleiter durch immer schnellere Bewegungen dazu, sich zu völlig ergeben, wehr- und willenlos, mit dem Rücken zur nahen Wand. Jetzt hat sie ihn so weit – und gönnt sich einen tiefen Schluck von seinen um sich ********den Vorräten. Zischend wie ein Wasserkocher stöhnt er auf und hält ihren wild zerwühlten Bubikopf zwischen seinen zitternden Händen.

Chapeau: Was für ein spannendes Rezept! Gleich wird auch die Köchin drankommen, ist sich der Forscher sicher – ihre Vorräte sind mindestens ebenso lecker!

*

Gegenüber untersucht ein stylischer Krake die an ihm lehnende Artgenossin. Ihren Oberkörper eng umschlingend, fährt eine seiner Hände durch das Dekolletee und knetet mit kräftigem Griff die vom Bühnenlicht erleuchtete Brust. Sie wiederum legt ihre Linke auf die seine, die glänzenden Augen lustvoll geschlossen. Der Oktopus flüstert seiner Artgenossin etwas ins Ohr, um es sogleich ausgiebig zu beknabbern. Sein Zauber wirkt – immer noch länger wird der verzückte Nippel unter seinen meisterhaften Tentakeln! So wächst auch der dunkelrote, weit vorgewölbte Hof ihres Busens ohne Unterlass den männlichen Werkzeugen entgegen. Wie genüsslich ihr weites Becken kreist, stets im Takt der gemeinsam knetenden Hände! Die freien Finger der Verwöhnten wandern derweil hinab zum langen Schlitz ihres Minirocks, und tief hinein in die glitzernde Spalte zwischen ihren gespreizten Schenkeln. Während der Krake jetzt auch die andere Brust massiert, fliegen ihre eigenen Tentakel dermaßen schnell den nassen Canyon auf und ab, dass sie für den Forscher kaum mehr zu erkennen sind. Die unausweichliche Supernova des implodierenden Weibchens erreicht jeden Körper im Raum, niemand vermag sich der freigesetzten erotischen Strahlung zu entziehen. Fühlt sich der Unterleib des Forschers nicht ebenfalls an wie ein Roter Riese, kurz vor seiner Geburt?

»Faszinierend, sich an solch intimem Feuer ohne Scham und doppelten Boden wärmen zu dürfen!«, denkt er sich auf seinem noch ungefährdeten Beobachtungsposten.

*

Doch als hätte er das Spektakel nur geträumt, bemerkt der Forscher erst jetzt, wer im Zentrum aller Aufmerksamkeit die Bühne bespielt. Eine verwaiste Fuchsmaske verrät das ungleiche Quartett von der Bar, welches sich paarweise vergnügt auf der großen Matte. Nur eine Bettlänge von ihm entfernt und tief ineinander verwunden, wälzen sich der demaskierte Gänsedieb und seine neue Gespielin über das graue Kunstleder. Schlau, wie er heute Abend sein darf, packt der Reineke das zarte Gesäß und wuchtet die Eroberte entschlossen auf ihre Knie. So kann er ihr noch viel mehr zeigen, wer hier der wahre Jäger ist. Mit einem zufriedenen Lächeln reckt ihm die Gans das noch jugendliche Heck entgegen, ohne zu wissen, welche ihrer beiden Höhlen der erfahrene Schütze für sein »Halali« auszuwählen gedenkt. Ihr scheint jede Todesart recht zu sein. Genüsslich bebend schließt sie die Augen und wartet ab in ihrer traumhaft devoten Stellung.


Während der Fuchs die Gans weiter schmoren lässt und dabei kräftig ihre Pobacken bearbeitet, fällt der Blick des Forschers auf die beiden anderen Protagonisten der Partnertausch-Partie: Die üppige Blondine von der Bar und der junge Mann versuchen augenscheinlich ihr Bestes, um mit der großartigen Stimmung ihrer Partner mitzuhalten, doch irgendwie will der Funke nicht überspringen.

Wie ein geöffneter Seestern präsentiert sie ihm den weiten Schoß, noch völlig unberührt und fest verpackt in ihr Dessous, die lavadunklen Augen lauernd hinter ihrer Calliope-Maske. Der Jüngling erkennt sehr wohl die einmalige Gelegenheit, allein sein bester Freund beurteilt die Lage anders. Anstatt sich am purpurnen String vorbei dem so einladend präsentierten Inneren des Seesterns entgegen zu arbeiten, zieht er sich unwillig zurück – und seinen Besitzer buchstäblich und im falschesten Moment aus dem Verkehr. Dessen sorgenvoller Blick gilt jedoch nicht dem verschmähten Seestern unter seinen Hüften, sondern, wie schon das ganze Ritual hindurch, seiner immer heftiger wimmernden Partnerin in den Fängen des routinierten Reineke! Mit lautem Klatschen fährt die Fuchspfote hernieder auf die feinen Bäckchen seiner erbeuteten Gans. Nur eine Haaresbreite von ihrem Freund entfernt winselt sie um den erlösenden Blattschuss und scheint nichts anderes mehr wahrzunehmen als das gemeinsame Jagdglück mit dem neuen Meister.

»Tja, Körper lügen nie!«, repetiert der Forscher seine Lektion, und ist gespannt, wie Frau Seestern nun reagiert. Dabei spürt er ein leichtes Ziehen in seiner Brust: Könnte es ihm ähnlich ergehen wie dem naiven Jüngling da drüben? Würde seine Lust nicht ebenso schnell verpuffen, wenn er zusehen müsste, wie seine Karin nach allen Regeln der Kunst von einem erfahrenen Jäger vernascht wird?

»All dies wäre denkbar«, muss er sich eingestehen. »Vielleicht ist meine Zeit ja längst abgelaufen.«

»Niemals! Deine Zeit ist jetzt!«, protestiert sein Reptiliengehirn.

»Wirklich?«

Frau Seestern hat genug. Sanft, aber entschlossen schiebt sie den verwirrten Jüngling zur Seite – sein Auftritt ist für heute beendet! Mit gesenktem Haupt krabbelt er auf Hemd und Hose zu und verlässt den Altar ohne sich noch einmal umzudrehen. Er vermag weder den Anblick der verschmähten Blondine zu ertragen, noch den Jubel seiner gerade mit immer kräftigeren Schlägen auf den Po beglückten Begleiterin.

Doch anstatt ebenfalls in Resignation zu versinken, wirft sich der blonde Seestern zur Seite und blitzt mit aufgerissenen Pupillen durch die dicke Maske hindurch dem Forscher am Spielfeldrand in die entsetzten Augen. Diesem stockt der Atem, die Geste ist eindeutig: Mit Zeige- und Mittelfinger bedeutet ihm der Seestern, dass er nun herauf auf die Matte zu kommen habe. Er soll die Lücke füllen, die der gescheiterte Liebhaber hinterlässt, so hat die Dame es beschlossen.

»Siehst Du?«, zischt das Reptil. »Ich hab es Dir doch gesagt: Deine Zeit wird kommen!«

»Fuck!«, antwortet der Neuling, und dreht sich erschrocken um, um zu sehen, ob ihn jemand gehört hat.

Frau Seestern wartet noch immer. Wie Korallenberge quellen dem Forscher ihre feisten Brüste entgegen. Was soll er jetzt tun, was darf er tun? Und wo, zum Teufel, ist seine Karin? Mutig soll er sein, hat sie ihm gesagt, sich endlich entscheiden, was er will. Oder? Oder etwa nicht? Der Forscher weiß nun gar nichts mehr. Wie der letzte Tempelpriester hofft er auf ein himmlisches Zeichen über dieser Opferstätte, auf einen gnädigen Götterboten, der ihm mitteilt, was er nun zu tun habe.

Der ersehnte himmlische Gesandte jedoch war schon immer an seiner Seite. Und hat sich längst für eine Begegnung mit dem Seestern entschieden. Ein Blick nach unten genügt: Hellwach und unübersehbar erhebt er sich wie ein Ausrufezeichen zwischen seinen zitternden Schenkeln. Die Botschaft ist eindeutig, das Reptil hat Recht behalten – Körper lügen nie!


13)

»Ich kann doch nicht einfach so ohne Karin – sie würde mich vierteilen!«, zischt er seinem maßlos erregten Götterboten zu.

»Der Seestern hier ist jede Sünde wert!«, brüllt das Reptil aus dem Hinterkopf, als wolle es allen Widerspruch zur Unhörbarkeit verdammen.

Ratlos über die Matten hinweg stierend, wiederholt der Forscher seine neue Parole: » … ist jede Sünde wert!« Verdammt! Könnte er nicht einfach ohnmächtig werden? Immer lüsterner räkelt sich der dralle Seestern im Zentrum des Altars und streift, von oben beginnend, seine purpurne Hülle ab.

»Wir sind doch jede Sünde wert, nicht wahr?« hört er plötzlich eine vertraute Stimme hinter sich.

Kommt hier noch ein Seestern? Für einen schrecklich langen Moment strauchelt sein Puls. Der Götterbote zwischen seinen Füßen fordert dennoch so viel Sauerstoff, dass sich das zu Tode erschrockene Herz besinnt – und treu wie immer seinen Dienst fortsetzt. Etwas Warmes umfasst seine erstarrten Schultern. Der Forscher kennt diesen wunderbaren Griff, diese starken Finger, jeden einzelnen von ihnen. Und er weiß sofort: Sie gehören, wie der kesse Po vor der Salatbar, nicht zu seiner Karin!

Shakti hat ihn längst entdeckt! Was sonst? Keine Maske dieser Welt hätte sie von ihrem ehemaligen Chef ablenken können. Gemeinsame Hotelzimmer sind denkbar schlechte Verstecke für charakteristische Körperformen. Die Göttin brauchte nicht lange zu überlegen: Hier und jetzt kann sie noch einmal Tatsachen schaffen. Kann die Pein seines schlechten Gewissens ins Unerträgliche steigern. Und endlich die längst überfällige Satisfaktion einfordern.

So oder so: Shakti hat ihn an den Eiern, und wenn sie es will, auch buchstäblich!

Selbst Frau Seestern gefällt, was sie gerade sieht – Shakti´s kesse Kurven wären auch der Blonden von der Bar ein paar Sünden wert. Mehr Finger? Mehr Fun! Mit nur einem tiefen Blick ist der Deal zwischen den Göttinnen besiegelt, und damit das Schicksal ihres Lustobjekts.
»Mal sehen, wie diese Shakti den Typen am Spielfeldrand zum Mitmachen bewegen wird. Ob die sich wohl kennen?«

»Mal sehen, was die üppige Blondine so alles drauf hat. Auch wir Göttinnen lernen nie aus!«

*

Im Nu verwandelt sich der neckische Seestern in eine gierige Löwin. Auf allen Vieren schleicht sie auf das Opfer zu, mit nichts als ihrer Maske bekleidet. Welch ein Anblick: Wild schwingende Brüste touchieren beinahe den Mattenboden. Jeden Moment mögen die machtvollen Zwillinge den Körper des Forschers erreichen. Dunkle Raubtieraugen rollen unter der Calliope-Maske und hypnotisieren das wehrlose Abendessen. Ja, die beiden Hungrigen sind sich einig: Shakti und die Löwin werden sich ihre Beute teilen, das Männchen fein säuberlich tranchieren und noch vor Ort restlos vernaschen!

Shakti packt den Forscher und schubst ihn von hinten über die steile Kante auf den gepolsterten Altar. Er fällt ohne Widerstand, hilflos wie ein Säugling, der zum Wickeln auf die Kommode geworfen wird. Gleich werden seine Ammen ihn umdrehen.

»Karin, hilf mir, ich bin unschuldig!« stammelt sein schlechtes Gewissen. Doch solch dünne Ausreden beeindrucken keinen heiß gelaufenen Götterboten. Vielmehr demonstriert dieser seine aufrechte Begeisterung für die drohende Vergewaltigung und übergibt sich freudig dem spannenden Drehbuch.

»Was kann der beste Freund eines Mannes auch tun?«, brüllt das entsetzte Gewissen. »Die Täterinnen sind schließlich in der Überzahl!«

Nur mit Mühe unterdrückt das Reptil einen Lachanfall. Doch jetzt will es die Früchte des Tages genießen – und die vielversprechende Szene nicht unnötig gefährden. Das Reptil wird dem Gewissen seine Lächerlichkeit später servieren.

Als Shakti wieder zu Lisa wird, beugt sich die Sekretärin über ihren ehemaligen Chef und flüstert ihm ins rotglühende Ohr: »Hast Du nicht etwas vergessen bei Deinem Abschied, Schatzl? Du bist mir noch etwas schuldig.«

»Geld kann es nicht sein«, fiebert sein Gewissen, »davon hat sie wahrlich genug bekommen!«

»Den Nikolausabend vor fünf Jahren wolltest Du mit mir im Hotelturm verbringen, den sternenklaren Blick über die winterliche Stadt genießen, weißt Du noch? Und danach endlich mit Deiner Karin reden – nicht wahr?«

Ein angedeutetes Nicken muss als Antwort genügen, nicht einen einzigen Ton bringt »Schatzl« heraus. Hoffnungslos starrt er auf den Boden der Tatsachen: Zu seinen Füßen versperrt der blonde Seestern mit der Calliope-Maske den allerletzten Fluchtweg hinaus aus dieser Vorhölle. So oder so - es gibt kein Entrinnen!

»Und – hast Du mit ihr geredet?«

Stumm wie vorm Jüngsten Gericht schüttelt der Überführte den dröhnenden Kopf: Er ist fällig!

»Siehst Du, darum müssen wir Dich jetzt foltern«, grinst Lisa, dicht hinter seinem Ohr, »nach allen Regeln der Götter. Strafe muss sein! Danach werden wir Karin Dein aktuelles Sündenregister übergeben. Oder willst Du auf Deine Buße verzichten, wenn Du schon mal hier bist? Wer weiß, vielleicht überlebst Du ja nicht nur unser Fegefeuer, sondern auch die Hölle Deiner Frau?«

Auch Lady Seestern findet die Idee hervorragend und streift mit ihren Brüsten an seiner Maske entlang.

»Scheiß drauf!«, souffliert das Reptil. »Du sollst mutig sein, sonst gar nichts, schon vergessen?
Diese Lisa hat doch keine Ahnung von Eurer Abmachung für heute Abend! Und weißt Du vielleicht, was und mit wie vielen es Deine Frau gerade treibt, hier in diesem babylonischen Dschungel?

Hat er wirklich keine Wahl? Er müsste doch nur aufstehen und den Gerichtsaal wieder verlassen! In Wahrheit hat sein Gewissen längst kapituliert – und das Reptil jeden seiner Anwälte in die Wüste geschickt. Mit geschlossenen Augen nimmt er das Urteil an: Schuldig!

So wird aus dem netten Seestern wieder eine machtvolle Löwin, welche umgehend die Knöpfe seines schweißnassen Seidenhemds öffnet. Auch Lisa wird wieder zu Shakti und befreit den Delinquenten zeitgleich von seiner schweren Maske. Die Göttinnen also haben entschieden: Der Schuldige soll schuften, ihr Leibeigener sein die ganze Nacht. Mit allem, was ihm zur Verfügung steht. Mit aller Kunstfertigkeit, die sie einfordern werden: Bis seine Zunge wund ist. Bis seine Fingerkuppen glühen. Bis sein Schwanz auseinanderfällt!

Die Löwin nimmt sich den strammen Ledergürtel, vielleicht kann sie ihn noch brauchen. Seine völlig durchweichte Hose fliegt achtlos den Altar hinab. Der Verurteilte liegt immer noch auf dem Rücken. Erstmals ohne seine schützende Maske, öffnet er die Augen ... und sieht nichts außer Brüste, weiche, gigantische Brüste! Freudig springt sein bester Freund der Raubkatze entgegen. Er weiß ja nicht, was noch alles auf ihn zukommen wird, welch grenzenlosen Appetit diese Rachegöttinnen haben. Ihre Hände sind mächtige Werkzeuge, ihre Fingerspitzen gefährlich geschickt. Erste messerscharfe Krallen wandern über lichtes Brusthaar einem empfindsamen Nabel entgegen. Gleich werden sie dem Ahnungslosen die Messe lesen, werden ihn hinauf zu den Sternen schicken – und wieder abstürzen lassen, unendlich weit hinter die Schmerzgrenzen seiner Vorstellungskraft.

Der Verurteilte wird alle Qualen genießen, nach jeder einzelnen schreien wie ein masochistischer Lemming, der sich wieder und wieder den gleichen Abhang hinab stürzt, um dem ersehnten Tod unendlich nahe zu kommen. Willig wird er seinen Leib darbieten, um mit jeder Runde die zerfetzten Nerven noch tiefer in die feurige Angst vor ihrer nächsten Explosion zu tunken. Jede anrückende Erlösung wird sein Reptil zu einer Fata Morgana erklären. Um auszukosten alle Strafen, den Rausch völliger Wehrlosigkeit, die endlosen Lustöfen der hintersten Höllen: »Seht, wie tapfer er sich seinen Schmerz verdient!«

Wortlos und völlig instinktiv tauschen die Frauen ihre Plätze. Shakti legt ein Handtuch unter den Nacken ihres Opfers. Die Löwin ist zuerst dran. Sie nimmt Platz über dem Verurteilten und presst dessen Gesicht tief hinein in ihren geöffneten Schoß. Als der Verurteilte die cremige Füllung schmeckt, erkennt er seine Mission: Gierig, von außen nach innen, arbeitet sich sein Mund, tastet und lutscht sich, Lippe um Lippe, durch die schamlosen Vorhöfe. Wie eine tanzende Kobra dirigiert seine Zungenspitze das stattliche Becken der Katze, welches hin und her wogt, immer dicht an der feuchten Stirn des Knechts entlang.

Plötzlich sieht er Shaktis Hände über sich. Sanft umkreisen sie von hinten die schweren Zwillinge der taumelnden Löwin. Er will etwas sagen, doch die Göttin legt ihren Finger vor den Mund: Leibeigene haben zu schweigen!

Kein Atemzug, kein Zucken soll seiner tanzenden Kobra entgehen, kein noch so gut versteckter Winkel katzenhafter Lust übersehen werden. In immer tollkühneren Manövern segelt seine Zunge über die anschwellenden Flüsse. Lange verborgene Schichten versammeln sich, werden fester, drängen dem Eindringling entgegen, als wollten sie ihn in ihre Abgründe hineinsaugen. Unendlich lüstern wölbt sich das Innerste ans glitschige Zwielicht, tränkt alle Poren seiner Kobra mit einem Cocktail aus klebrig-süßen Säften. Die Löwin stöhnt auf. Ohne Vorwarnung stürzt sie vornüber, lässt sich auf die Vorderpfoten fallen, links und rechts neben dem männlichen Becken. Wie wild ihre gigantischen Glocken schwingen, schamlos prall gleich dem lotrechten Schwengel direkt unter ihnen! Nur fingerbreit vom allerbesten Freund des Mannes entfernt, läuten sie sein letztes Stündlein.

Shakti sieht es, wirft sich herum und schiebt mit gottgleicher Selbstverständlichkeit das versteinerte Gemächt tief hinein zwischen die baumelnden Brüste der Löwin. Allein der Anblick dieser herrlichen Verpackung droht den Verurteilten ohnmächtig werden zu lassen. Doch seine Kobra tanzt wie ein Derwisch immer weiter durch den *********n Schoß. Angefeuert vom heftigen Pulsieren des männlichen Götterboten inmitten ihres Busens, schlägt das wohlige Schnurren der Katze um in gefährliches Fauchen.

Immer noch intensiver rubbelt Shakti derweil mit den Löwenbrüsten über den freigelegten Helm des Himmlischen Boten. Die indische Göttin hat unübersehbar Spaß am sexy Bollywood, wie die erstaunten Statisten ringsum bezeugen können. Jeder Zuschauer fragt sich: »Wer in diesem knisternden Feuer, Knecht oder Löwin, mag wohl zuerst Teil der Unendlichkeit werden und sich in ihr auflösen mit einem erlösenden Urschrei?«

Endlich explodiert der Geysir! Die Löwin brüllt auf – und ******* sich frei in hohem Bogen! Wie ein Verdurstender saugt der Knecht unter ihr die zitronige Erfrischung auf, reckt seine Zunge in den warmen, klaren Strahl. Welch eine unbeschreibliche Dusche weiblicher Lust in seinem Gesicht! Gibt es ein geileres Getränk auf dieser Welt? Natürlich nicht. Doch sein Durst ist noch lange nicht gestillt!
Zwei seiner Finger bieten sich an, die Quellen der Löwin offen zu halten. Als geschicktes Duo ertasten sie den geheimen Teil ihrer Zauberhöhle. Schon bald bezeugt ein wohliges Knurren: Sie haben den Tafelberg erklommen, dieses unberechenbare Minenfeld, gleich hinter dem Eingang. Auf seiner wellig-rauen Oberfläche tanzen sie nun todesmutig mit der Zungenspitze um die Wette. Und wo selbst die Muskelkräfte einer Kobra erlahmen, eilen noch kräftigere Werkzeuge zu Hilfe. Der Verurteilte spürt es genau: Die rollige Löwin über seinem Kopf will alles, sofort und schonungslos!
So machen sich geschickte Zähne her über den mit Zeigefingern und Daumen frei gelegten Raketenstartplatz ihrer Lust. Wie die Scheren geschickter Krebse wenden sie die pralle, glühende Perle, knabbern und ziehen an ihr, bis der Unterleib der durchschleckten Katze vor Glück zu bersten droht.


*

Mehr und mehr verzückte Masken strömen herbei und versammeln sich um das Trio. Auch sie übernehmen ihren Anteil am heiligen Dienst für die Götter: Ohne Unterlass durchpflügen Männerhände watteweiches Schamhaar – und Frauenhände halten fest, was härter nicht mehr werden kann. Die Luft vibriert, erfüllt vom schwülen Weihrauch ungezähmter Pheromone, der ringsum den heißen Leibern entströmt. Niemand vermag sich dem wilden Duft zu entziehen. Alle, wirklich alle sind entschlossen, jetzt ebenfalls Opfer zu werden, die eigenen Glieder willig darzubieten auf dem Altar bedingungsloser Hingabe. Nicht anders könnten sie sterben, sich auflösen in ekstatische Partikel, wie Sternschnuppen zur Quelle ihres Universums findend – zurück an die fantastischen Stätten ihrer Herkunft.


*

Allein im Rausch seiner Teilchen
gebiert das Zentrum dieser Welt,
brodelt hervor ihr alles tragender Schoß:

»ENERGIE!!!«

Ja, wir sind alles.
Denn wir sind nichts.
Nichts ... als Energie!

*

14)

Wie ein Gewitter donnert die Löwin. Niemanden mehr hält es an seinem Platz. Die Masken kommen immer näher. Aus vier Pfoten werden vierundzwanzig, aus nur einem Schwengel ein ganzes Dutzend, aus zwei Glocken unendlich viele. In allen Formen, in allen Größen tanzen sie um ihr Leben. Jeder Busen hat hat seine eigene Schönheit, läutet seine eigene Melodie. Wer wird all die Glocken zum klingen bringen? Sie suchen einen passenden Schwengel. Oder zwei. Oder drei. Oder alle nacheinander. Schwengel, Pfoten, Glocken? Egal! Ihre Musik hebt alle Grenzen auf.


*

Es läutet, es dröhnt. Was für ein Konzert!
Nichts scheint mehr unmöglich. Sehnsüchte erfüllen sich.
Käfigtüren stehen offen. Entfesselte Tiere überwinden den letzten Zaun.

Blankes Erstaunen. Blankes Entsetzen.
»Sind wir wirklich so wild? So frei? So gierig?«

»Natürlich – was denn sonst?«, grunzen die Reptilien.
»Endlich dürfen wir sterben!«, seufzen die Gewissen.
»Und wir? Wir dürfen raus!«, jubeln die befreiten Tiere.

Und fallen her übereinander – und das verdutzte Schicksal.


*


Leiber! Nichts als Leiber!
Grenzen verschwimmen.
Gesetze werden unlesbar.
Neue Energie übernimmt die Realität.
Und alte Sinne das Kommando:

Wahr ist nie, was man sieht –
sondern was man fühlt,
und riecht,
und schmeckt.


*


Mehr?
Existiert nicht.

Denn alle Zeit ist Illusion.

Sie verbrennt zu purem Sinn,
bei exakt 37 Grad.

Wenn man sie lässt.
Sie endlich loslässt.


*


Haut! So viel Haut!
Kein Denken mehr.
Kein Sich-Entschuldigen
für das Mensch-Sein.

Spüren! Nur noch spüren!
Den Anderen. Sich selbst.
Das Leben. Den Tod.

Und wieder von vorn!


*


Kriegsgeschrei – überall!
Welcher Triumph könnte herrlicher klingen?
Welches Lied wahrhaftiger?

»Ich gebe Dir, was ich habe: Meine Lust und meine Energie!«
»Ich nehme mir, was ich brauche: Deine Lust und Deine Energie!«

Niemand bleibt übrig. Alle tanzen mit. Alle feiern das Große Jetzt.

Es muss nie wieder kommen,
sobald Du kommst.

Es braucht kein Davor und kein Danach.
Weil es gar keines gibt:

Sex ist pures Jetzt!

Und jeder Höhepunkt immer der Letzte.
Niemals sonst sind wir vollständiger.

Ewiger.

Eben:
Mensch!


*



Irgendwann hörte auch der Manager auf, zu zählen: Die Brüste, die Schwänze, die Höhlen. Sein ganzes Leben lang hatten ihn nicht so viele Hände berührt, gestreichelt, gepackt wie in dieser einzigen Nacht. Er hörte auf zu zählen: Seine Schreie, seine Orgasmen, seine Ohnmächte. Oder die der anderen. Wer mit wem? Zu zweit, zu dritt, ineinander, aufeinander, übereinander? Egal, völlig egal!

Mit wild aufgerissenen Augen feuerte Shakti den Freier in seinem Rücken an: »Gib´s ihm, er hat es so verdient!« Der erste Freund in seinem Po war nicht der letzte an diesem Abend – welch eine befreiende Erfahrung: Frauen geben Frauen. Männer geben Männern. Alles, was sie brauchen.
Wie herrlich es war, als er von hinten genommen wurde – während sein prügel-hartes Teil in Shakti stieß. Er fühlte sich so wie die Göttin zu seinen Füßen. Ja, wie drei Götter zusammen. Denn alle drei waren jetzt eins: Pure Gier. Pure Energie. Purer Tod. Die Dreifaltigkeit der Lust!


15)

Der Horizont ist weit und leer, sein schwüles Flimmern nur mehr Erinnerung. Zwei Schafe begrüßen ihn. Ein zartes Morgenrot spiegelt sich in ihren Augen. Anstatt weiter zu dösen, beobachten sie, wie er den Kofferraum öffnet und seine Tasche verstaut. Ob sie auf sein Handy aufgepasst haben? Wie am Abend zuvor ruht es unter dem Rollo der Mittelkonsole. Er hatte es nicht angerührt. Der Akku ist immer noch zu einem Drittel voll und das Gerät seit der Konferenz im Flugmodus. Ein Dutzend Nachrichten warten auf ihren Leser. Die letzten fünf stammen vom gleichen Absender. Es ist Karin. Sie berichtet von starker Migräne und wie übel ihr sei. Noch während seiner Sitzung hat sie versucht, ihm abzusagen, denn »der Clubbesuch war doch wirklich eine Schnapsidee, oder?«.

Ihre letzte Nachricht, kurz nach Mitternacht, endet mit: »Wo bist Du denn? Im Club erteilen sie keine telefonische Auskunft über ihre Gäste. Hast Du Dir den Laden auch von innen angesehen? Warum rufst Du nicht an? Bist Du noch was trinken gegangen? Ich werde jetzt versuchen, zu schlafen. Sei bitte leise, wenn Du kommst!«

Die beschlagenen Seitenscheiben fahren nach unten, die Schafe beginnen mit dem Frühstück. Kühl und klar ist die herein strömende Luft. In der Geldbörse finden sich drei Kreditkarten und sein Personalausweis. Weiter hinten steckt das Plastik mit den Bonusmeilen. Der Manager ist jetzt so wach wie die beiden Freunde auf ihrer taufrischen Wiese. Neugierig lugt die Altweibersonne über das goldene Stoppelmeer: Die Nacht ist zu Ende, die Ernte eingefahren. Mit zwei Klicks ist seine Reservierung erledigt. Alles oder nichts. Er kennt es nicht anders.

Natürlich wird er irgendwann anrufen. Und selbst bald wieder etwas schlafen. Auch kommen wird er noch oft – aber gewiss nicht mehr nach Hause. Nicht nach dieser Nacht.

Karin würde kaum verstehen, was er erlebt hat, diesen Weg niemals mitgehen. Und er? Er könnte diese Nacht niemals vergessen. Eine Nacht nur hat ihn zu dem gemacht, was er schon immer war – und bleiben wird: Jetzt, pures Jetzt!

Die nackten Freunde wissen Bescheid: Um Vier Uhr Nachmittag geht seine Maschine. Natürlich werden sie es für sich behalten. Auch sie lieben ihre Freiheit. Und ihre Spielwiese.


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Veröffentlicht von DerGepard am 09.07.2026

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