In der Einfahrt hielt ein dunkler Wagen vor dem Haus. Als der Motor verstummte und sich die Fahrertür öffnete, ragten lange schwarze Lederstiefel elegant aus der Fahrertür heraus, gefolgt von einem dunklen Ledermantel, der sie komplett umhüllte. Mit einem Griff zog Sie ihre Handtasche vom Sitz und schloss die Tür.
Ihre schwarzen Stiefel setzten in gleichmäßigen Abständen auf den Steinplatten auf, ehe Sie unter dem Vordach zum stehen kam und die Klingel betätigte.
Drinnen wartete er.
Zum dritten Mal prüfte er den kleinen Tisch: ein Glas, eine Flasche Wasser, ihre Zigaretten, der Aschenbecher und das Feuerzeug. Alles an seinem Platz. Trotzdem ließ er das Feuerzeug klicken. Es funktionierte, genau wie vor zehn Minuten. Was machte er hier eigentlich?
Den ganzen Nachmittag hatte er ihre Ankunft vorbereitet. Dabei hatte sie nur wenig verlangt: ein ordentliches Wohnzimmer, ihre Sachen in Reichweite und ihn selbst in nichts als einer schwarzen Unterhose. Was danach geschehen sollte, hatte sie offengelassen. Ein einziger Hinweis hätte genügt, um seine Gedanken stundenlang zu beschäftigen. Das wusste sie. Wahrscheinlich war gerade deshalb keiner gekommen.
Noch wenige Minuten. Was würde sie tragen? Wie würde sie ihn begrüßen? Vielleicht mit jener wortlosen Prüfung, bei der ihr Blick genügte, um ihm jede vorbereitete Antwort zu nehmen. Er rückte das Glas ein letztes Mal zurecht. Da klingelte es.
Endlich. Auf dem Weg zur Haustür versuchte er, langsamer zu atmen. Hinter dem Holz wartete die Frau, deren Ankunft er seit Tagen herbeigesehnt hatte. Seine Hand ruhte einen Herzschlag lang auf der Klinke. Dann öffnete er.
Da stand sie. Seine Aufmerksamkeit blieb an den hohen schwarzen Stiefeln hängen, deren Oberfläche das Flurlicht spiegelte. Unter dem geöffneten Mantel glänzten eng anliegende Latexleggings; darüber ein dunkles Oberteil, dazu Handschuhe. Er hob den Blick. Auf ihren Lippen lag die Andeutung eines Lächelns. Sein vorbereiteter Gruß war verschwunden.
„Guten Abend, Herrin.“
Sie erwiderte den Gruß mit einem knappen Nicken und trat über die Schwelle. Ihr Parfüm zog mit ihr in den Flur. Vertraut genug, um für einen Moment Bilder früherer Abende wachzurufen. Er hätte gern länger bei ihr gestanden. Doch sie streifte bereits ihren Mantel ab.
Schnell trat er näher und nahm ihn entgegen. Als der Stoff über ihre Schultern glitt, strich das glatte Material ihres Handschuhs kurz über seinen Handrücken. Ein leises Quietschen begleitete die Bewegung. Seine Aufmerksamkeit folgte ihrer Hand.
„Stopp.“
Augenblicklich blickte er auf.
„Was hast du vergessen?“
Sein Blick wanderte zum Mantel, dann zur Garderobe. Was konnte sie meinen? Erst jetzt bemerkte er ihre Handtasche.
„Ihre Tasche, Herrin.“
„Richtig. Und warum trage ich sie noch?“
„Entschuldigung, Herrin. Ich war unaufmerksam.“
„Offensichtlich. Ich erwarte, dass du dich um solche Dinge kümmerst, ohne dass ich dich daran erinnern muss.“
„Ja, Herrin.“
„Nimm sie.“
Schnell nahm er ihr die Tasche ab und stellte sie an den vorgesehenen Platz, bevor er den Mantel sorgfältig aufhängte. Ausgerechnet jetzt. Stundenlang hatte er alles kontrolliert. Kaum stand sie vor ihm, vergaß er das Naheliegendste. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, stand sie noch immer an derselben Stelle.
„Komm her.“
Er trat vor sie.
„Sieh mich an.“
Ihr Blick ruhte auf seinem Gesicht.
„Du bist nervös.“
„Ja, Herrin.“
„Du hast dir wieder viel zu viele Gedanken gemacht, nicht wahr?“
Er zögerte kurz.
„Ja, Herrin. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, was Sie heute mit mir vorhaben.“
„Und? Bist du zu einem Ergebnis gekommen?“
„Nein, Herrin.“
„Gut.“
Sie legte ihre behandschuhte Hand an seine Wange. Er schloss die Augen, noch bevor er es bemerkte. Ihr Daumen strich einmal über seine Haut. Der Atem, den er die ganze Zeit angehalten zu haben schien, löste sich.
„Du musst nicht wissen, was ich vorhabe“, sagte sie ruhig. „Du musst aufmerksam sein und auf mich hören. Alles andere überlässt du mir.“
„Ja, Herrin.“
Sie zog ihre Hand zurück.
„Dann zeig mir jetzt, dass du wenigstens deine Begrüßung nicht vergessen hast.“
Langsam ging er vor ihr auf die Knie und senkte den Kopf. Seine Lippen berührten für einen kurzen Moment das glatte Leder ihres Stiefels. Anschließend richtete er seinen Oberkörper auf. Ein Lichtstreifen wanderte über den Stiefelschaft, als sie das Bein bewegte. Sein Blick folgte ihm.
„Sklave.“
Er hob den Kopf.
„Ja, Herrin?“
„Habe ich dir erlaubt, aufzustehen?“
„Nein, Herrin.“
Erst jetzt bemerkte er, dass er bereits eine Hand auf den Boden gesetzt hatte, um sich aufzurichten.
„Und warum bereitest du dich dann darauf vor?“
Verdammt. Schon wieder.
„Ich war unaufmerksam, Herrin.“
„Zweimal innerhalb weniger Minuten.“
Sie betrachtete ihn streng. Dann setzte sie die Sohle eines Stiefels auf seinen Handrücken. Der unerwartete Druck ließ ihn erstarren. Als sie ihr Gewicht etwas verlagerte, verzog er leicht das Gesicht. Sie beobachtete seine Reaktion. Sie wartete, bis er wieder zu ihr aufblickte.
„Ist deine Aufmerksamkeit jetzt wieder bei mir?“
„Ja, Herrin.“
„Das will ich hoffen.“
Sie nahm den Stiefel von seiner Hand.
„Betrachte das als deine letzte freundliche Erinnerung. Ich werde dir heute nicht ständig hinterherlaufen müssen, um deine Gedanken einzufangen.“
„Verstanden, Herrin.“
„Gut.“
Er blieb vor ihr knien. Die Hand pochte noch leicht; wenigstens irrten seine Gedanken nicht mehr durch den kommenden Abend. Als er sich aufrichten wollte, hielt sie ihn zurück.
„Du bleibst unten.“
Sofort verharrte er. Sie wandte sich dem Wohnzimmer zu.
„Auf allen vieren. Folge mir.“
Er setzte die zweite Hand auf den Boden und folgte ihr durch den Flur. Vor ihm bewegten sich ihre schwarzen Stiefel in gleichmäßigen Schritten über die Dielen. Das vertraute Klacken ihrer Absätze begleitete ihn, während seine Handflächen über den kühlen Boden wanderten. Er hatte sich ihren gemeinsamen Weg ins Wohnzimmer anders ausgemalt. Nun sah er vor allem ihre Absätze und die Dielen unter seinen Händen.
Im Wohnzimmer angekommen, ließ sie sich in dem vorbereiteten Sessel nieder. Sie schlug die Beine übereinander und deutete auf den Boden unmittelbar vor sich.
„Platz.“
Er kniete sich an die angewiesene Stelle und wartete. Ihr Blick wanderte prüfend über ihn.
„So ist es richtig.“
Diesmal hatte er keinen Fehler gemacht.
„Meine Zigaretten.“
Er bewegte sich zum kleinen Tisch, nahm die Schachtel und hielt sie ihr entgegen. Sie entnahm eine Zigarette und führte sie an ihre Lippen. Ohne weitere Aufforderung griff er zum Feuerzeug und entzündete sie. Die kleine Flamme spiegelte sich im glänzenden Material ihres Handschuhs. Sie nahm einen tiefen ersten Zug, beugte sich leicht zu ihm vor und blies ihm den Rauch genüsslich ins Gesicht. Er rümpfte die Nase.
„So schmecken sie einfach am besten“, bemerkte sie mit einem breiten Grinsen.
Anschließend lehnte sie sich zufrieden zurück, während er den Aschenbecher in ihre Reichweite stellte.
„Brav.“
Er kehrte an seinen Platz zurück. Eine Weile betrachtete sie ihn schweigend. Sein Blick fiel auf die Handtasche. Sie bemerkte es.
„Du möchtest etwas fragen.“
„Ja, Herrin.“
„Dann frag.“
„Was haben Sie heute mit mir vor?“
Sie zog eine Augenbraue hoch.
„Glaubst du, dass ich dir das jetzt verrate?“
„Nein, Herrin.“
„Warum fragst du dann?“
„Weil ich es unbedingt wissen möchte.“
Sie lachte leise.
„Wenigstens bist du ehrlich.“
Dann griff sie nach ihrer Handtasche, öffnete sie und entnahm mehrere weiße Umschläge. Langsam legte sie einen nach dem anderen auf den Tisch. Sechs an der Zahl. Jeder trug eine einzelne Aufschrift. HÖREN. RIECHEN. SCHMECKEN. SEHEN. FÜHLEN. SCHMERZ. Seine Augen glitten von Wort zu Wort. Am letzten Umschlag blieb sein Blick hängen.
SCHMERZ.
Unwillkürlich erinnerte er sich an die Zurechtweisung im Flur. War das bereits ein Vorgeschmack gewesen?
„Welcher Umschlag beschäftigt dich gerade?“
Er hob den Kopf.
„Der letzte, Herrin.“
„Warum?“
„Weil ich nicht weiß, was Sie damit meinen.“
„Bei den anderen weißt du es?“
„Nein, Herrin.“
„Dann hör auf, dir über Dinge Gedanken zu machen, die du ohnehin noch nicht wissen kannst.“
Sie legte einen Finger auf den ersten Umschlag.
„Heute werden wir herausfinden, wie aufmerksam du wirklich bist. Wie gut du deine Sinne einsetzt, woran du dich erinnerst und wie leicht du dich ablenken lässt.“
Er betrachtete die Umschläge erneut.
„Jede Aufgabe enthält Fragen oder Entscheidungen. Für jede richtige Antwort bleibst du von einer Strafe verschont.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Jede falsche Antwort wird dich begleiten. Bei Schätzungen zählt jeder Schritt, den du danebenliegst.“
Er hob den Blick.
„Wie meinen Sie das, Herrin?“
„Ganz einfach. Ich werde mir jeden deiner Fehler merken. Sie bleiben bestehen, bis unser Spiel beendet ist. Erst dann werden wir uns darum kümmern.“
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Und solltest du heute tatsächlich alles falsch machen, wirst du dich vermutlich noch etwas länger an diesen Abend erinnern.“
Er sah wieder auf die sechs Umschläge.
„Jetzt wirst du nachdenklich.“
„Ja, Herrin.“
„Gut. Vielleicht hilft dir das, dich endlich zu konzentrieren.“
Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick.
„Unsere vereinbarten Grenzen gelten selbstverständlich auch heute. Gelb bedeutet langsamer oder Pause, Rot beendet das Spiel. Die Klopfzeichen kennst du.“
„Ja, Herrin.“
„Ich möchte deine ehrlichen Antworten. Keine Ausreden und keine Versuche, mir einfach nach dem Mund zu reden.“
„Verstanden, Herrin.“
„Dann können wir beginnen.“
Sie nahm den ersten Umschlag.
HÖREN.
Sie öffnete ihn und zog eine kleine Karte hervor.
„Beginnen wir mit etwas, das dir eigentlich vertraut sein sollte.“
Sie legte die Karte neben sich und nahm ihr Smartphone zur Hand.
„Ich habe vier kurze Videoaufnahmen vorbereitet. Auf jeder wirst du Schritte hören. Deine Aufgabe besteht darin, herauszufinden, auf welchen Aufnahmen du mich hörst.“
Er blickte auf ihre Stiefel. Das sollte zu schaffen sein. Das Klacken ihrer Stiefel hatte ihn gerade erst durch den Flur begleitet.
„Die Aufnahmen werden nur einmal abgespielt. Wie viele davon zu mir gehören, verrate ich dir nicht.“
Sie ließ ihren Blick kurz auf ihm ruhen.
„Schließ die Augen und konzentrier dich.“
Er folgte ihrem Befehl. Ein leises Tippen auf dem Display, dann begann die erste Aufnahme. Klack. Klack. Klack. Die Schritte waren gleichmäßig, beinahe gemächlich. Jeder Absatz setzte mit einem deutlichen, harten Klang auf, gefolgt von einem etwas leiseren Geräusch. Er kannte diesen Rhythmus. Natürlich. Genau so hatte sie sich vorhin durch den Flur bewegt. Die Aufnahme verstummte.
„Nummer eins“, sagte sie.
Nach einer kurzen Pause begann das zweite Video. Diesmal waren die Schritte deutlich schneller. Klack-klack. Klack-klack. Die Absätze schlugen in kurzen Abständen auf den Boden. Zwischendurch entstand ein unregelmäßiger Rhythmus, begleitet von einem leichten Scharren. Er runzelte die Stirn. Nein. Das klang anders. Viel zu hastig. Ihre Schritte waren gewöhnlich ruhiger und gleichmäßiger.
„Nummer zwei.“
Er versuchte, sich beide Geräusche einzuprägen. Das dritte Video begann. Ein einzelner Absatz schlug hörbar auf. Klack. Eine kurze Pause. Klack. Klack. Die Schritte waren langsamer und klangen schwerer als zuvor. Ein leichtes Knarren begleitete das Auftreten. Sein Gesicht hellte sich auf. Das mussten ihre Stiefel sein. Dieser gemächliche, beinahe selbstverständliche Gang. Er hatte ihn schon unzählige Male gehört.
„Nummer drei.“
Noch eine Aufnahme. Diesmal waren die Schritte zunächst kaum zu hören. Gedämpfte Geräusche wechselten sich mit einzelnen, deutlich härteren Absätzen ab. Dann folgte ein kurzer, schneller Rhythmus. Ein leises Scharren. Wieder mehrere gedämpfte Schritte. Er lauschte angestrengt. Was sollte das denn sein? Vielleicht eine andere Art von Schuhen. Oder ein wesentlich weicherer Boden.
Jedenfalls konnte er darin nichts von dem vertrauten Klang ihrer Stiefel wiedererkennen. Die Aufnahme endete.
„Nummer vier.“
Stille. Er ging die vier Rhythmen noch einmal in Gedanken durch. Die erste Aufnahme war eindeutig gewesen. Bei der dritten war er sich ebenfalls ziemlich sicher. Die zweite und vierte dagegen? Nein. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie derart unterschiedlich klang.
„Nun, Sklave?“
Ihre Stimme unterbrach seine Gedanken.
„Welche Aufnahmen gehören zu mir?“
„Nummer eins und drei, Herrin.“
Sie antwortete nicht sofort.
„Nur diese beiden?“
Er überlegte. War das bereits ein Hinweis? Vielleicht hatte er doch etwas überhört. Aber wenn er jetzt seine Antwort änderte, nur weil sie noch einmal nachfragte, würde sie das sicherlich bemerken.
„Ja, Herrin.“
„Du bist dir sicher?“
Er zögerte.
„Ziemlich sicher, Herrin.“
„Ziemlich sicher“, wiederholte sie.
„Dann öffne deine Augen.“
Er blickte auf. Sie hielt ihm das Smartphone entgegen und startete die erste Aufnahme erneut. Auf dem Display waren ihre schwarzen Stiefel zu sehen, die mit gleichmäßigen Schritten über einen gefliesten Boden gingen. Genau wie erwartet.
„Nummer eins“, sagte sie. „Richtig.“
Sie wechselte zur zweiten Aufnahme. Wieder waren Schritte zu hören. Diesmal zeigte das Video eine Frau, die mit deutlich schnellerem Tempo über einen gepflasterten Weg ging. Ihre schwarzen Stiefel. Er blinzelte. Das waren tatsächlich ihre Stiefel.
„Nummer zwei“, sagte sie ruhig. „Ebenfalls ich.“
Er blickte überrascht zu ihr auf.
„Weiter.“
Die dritte Aufnahme zeigte sie auf einem Holzboden. Ihre Schritte waren langsam und bewusst gesetzt, das gelegentliche Knarren der Dielen hatte den Klang zusätzlich verändert.
„Nummer drei. Richtig.“
Nun folgte das letzte Video. Sie ging über einen weichen Teppich, der einen Großteil des Geräusches verschluckte. Erst als sie den angrenzenden Fliesenboden erreichte, erklang wieder das vertraute Klacken ihrer Absätze. Er starrte auf das Display. Alle vier? Tatsächlich alle vier? Sie legte das Smartphone beiseite.
„Nun?“
Er hob den Blick.
„Alle vier Aufnahmen waren von Ihnen, Herrin?“
„Ganz genau.“
Verdammt. Sie hatte nie behauptet, dass fremde Frauen auf den Aufnahmen zu hören waren. Diese Bedingung hatte er selbst hinzugefügt.
„Du hast nach dem Geräusch gesucht, das du von mir kennst“, bemerkte sie.
Er nickte.
„Ja, Herrin.“
„Aber nicht daran gedacht, dass ich auch anders gehen kann.“
„Nein, Herrin.“
„Und dass sich derselbe Stiefel auf verschiedenen Böden vollkommen unterschiedlich anhören kann.“
Er betrachtete ihre Stiefel. Er hatte geglaubt, sie unter vielen anderen wiederzuerkennen.
„Sie haben mich ganz schön erwischt, Herrin.“
„Allerdings.“
Sie lehnte sich zufrieden zurück.
„Und das war erst die erste Aufgabe.“
Sie nahm die Karte und setzte zwei kurze Striche darauf. Er beobachtete ihre Hand. Zwei Striche. Zwei Fehler. Schon jetzt.
„Nummer eins und drei hast du richtig erkannt. Dafür geschieht dir nichts.“
Sie legte die Karte zurück auf den Tisch.
„Aber bei Nummer zwei und vier hast du dich geirrt.“
Ihr Blick traf seinen.
„Zwei Fehler, Sklave.“
„Ja, Herrin.“
„Ich hoffe, du hast etwas daraus gelernt.“
Er nickte.
„Das habe ich, Herrin.“
„Dann werden wir sehen, ob du es bei der nächsten Aufgabe besser machst.“
Zwei Fehler. Noch fünf Umschläge.
Sie nahm den zweiten Umschlag.
RIECHEN.
„Vielleicht stellst du dich mit deiner Nase geschickter an als mit deinen Ohren.“
„Das hoffe ich, Herrin.“
„Wir werden sehen.“
Sie legte den Umschlag beiseite und griff nach ihrer Handtasche.
„Schließ deine Augen.“
Er gehorchte. Kurz darauf spürte er, wie sie ihm eine Augenbinde anlegte. Ihre Finger strichen beim Verschließen kurz durch sein Haar, ehe sie prüfte, ob die Binde richtig saß.
„Kannst du etwas sehen?“
„Nein, Herrin.“
„Gut. Dann werden wir herausfinden, wie aufmerksam deine Nase ist.“
In ihrer Tasche raschelte es. Parfüm? Hatte sie verschiedene Düfte vorbereitet? Noch während er darüber nachdachte, berührte etwas Weiches sein Gesicht. Stoff. Sie hielt ihm offenbar ein Kleidungsstück unmittelbar vor die Nase.
„Riech.“
Er atmete vorsichtig ein. Es roch nach sauberer Wäsche, höchstens mit einer schwachen fremden Note. Er atmete noch einmal ein.
„Und?“, fragte sie.
„Ich bin mir noch nicht sicher, Herrin.“
„Dann streng dich an.“
Sie ließ ihm einen weiteren Augenblick, ehe sie den Stoff entfernte.
„Weißt du, was das war?“
„Nein, Herrin.“
„Meine Socken.“
Socken. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Und jetzt möchte ich wissen, wie viele Tage ich diese Socken bereits getragen habe.“
Wie viele Tage? Nichts an dem Geruch deutete auf langes Tragen hin. Ein Tag vielleicht. Aber warum hätte sie die Socken sonst mitgebracht? Zwei? Drei? Sein Kopf suchte nach einer Falle, nicht mehr nach einem Geruch.
„Nun, Sklave?“
Er zögerte.
„Ich überlege noch, Herrin.“
„Das merke ich. Aber ich habe nicht den ganzen Abend Zeit.“
Die erste Prüfung saß ihm noch im Nacken. Wieder würde sie ihn nicht so leicht erwischen.
„Fünf Tage, Herrin.“
Stille. Eine unangenehm lange Stille.
„Wie bitte?“
Ihre Stimme hatte sich verändert.
„Fünf Tage, Herrin“, wiederholte er vorsichtiger.
„Fünf Tage?“
Sie ließ die Worte einen Moment im Raum stehen.
„Du glaubst allen Ernstes, ich würde fünf Tage lang dieselben Socken tragen?“
Oh nein.
„Nein, Herrin, ich dachte nur …“
„Was du gedacht hast, habe ich gehört.“
Eine kurze, scharfe Ohrfeige unterbrach seinen Versuch, sich zu erklären. Überrascht drehte er den Kopf zur Seite. Wärme breitete sich in seiner Wange aus, während er einen Augenblick brauchte, um sich wieder zu sammeln.
„Sieh mich an.“
Er wandte ihr das Gesicht zu, obwohl die Augenbinde ihm weiterhin die Sicht nahm.
„Du solltest dir wirklich überlegen, was du deiner Herrin zutraust.“
„Verzeihung, Herrin.“
Die Wange war noch warm. Er hielt den Kopf zu ihr gewandt und wartete.
„Wie lange habe ich sie nun getragen?“
Er wagte keine weitere Vermutung.
„Ich weiß es nicht, Herrin.“
„Überhaupt nicht.“
Er schwieg.
„Frisch gewaschen. Keinen einzigen Tag getragen.“
Frisch gewaschen. Er hatte es beinahe gerochen und sich selbst davon abgebracht.
„Fünf Tage hast du geschätzt“, stellte sie fest. „Fünf Tage daneben.“
Er hörte, wie sie nach dem Stift griff.
„Das macht fünf weitere Striche.“
Das Kratzen des Stiftes durchbrach die Stille. Sie setzte fünf Striche, einen nach dem anderen. Anschließend legte sie den Stift ab.
„Sieben Striche, Sklave.“
„Ja, Herrin.“
Sie nahm ihre Zigarette aus dem Aschenbecher, zog ein letztes Mal tief daran und beugte sich zu ihm vor. Langsam blies sie ihm den Rauch ins Gesicht. Er rümpfte die Nase und wandte den Kopf ein wenig ab. Er konnte nicht sehen, wie breit sie lächelte. Sieben Striche bereits. Ihr Lächeln vertiefte sich. Dann drückte sie die Zigarette aus.
„Weiter geht’s.“
Sie zog den dritten Umschlag heran.
SCHMECKEN.
„Deine Augenbinde bleibt auf.“
Er nickte. Ein Reißverschluss wurde geöffnet, anschließend hörte er das leise Klappern einer Dose. Sie nahm etwas heraus und aß es. Was es war, verriet das leise Kauen nicht.
„Möchtest du auch etwas, Sklave?“
„Ja, Herrin.“
„Dann streck deine Hände aus.“
Er hielt beide Hände vor sich, die Handflächen nach oben. Sie erhob sich. Das Klacken ihrer Absätze ertönte unmittelbar vor ihm, gefolgt von einem leisen, feuchten Geräusch, als sie etwas unter ihrem Stiefel zerdrückte.
„Hände ruhig halten.“
Er gehorchte. Kurz darauf legte sie ihren Stiefel in seine ausgestreckten Hände.
„Deine Aufgabe ist einfach. Du erkennst drei Früchte. Jede richtige Antwort erspart dir einen weiteren Strich.“
Sie gab ihm die erste Kostprobe auf die von ihr bestimmte Weise. Er zögerte kurz, bevor er ihrer Anweisung folgte.
„Nun?“
„Banane, Herrin.“
„Richtig.“
Sie nahm den Stiefel zurück. Ein zweites Fruchtstück landete auf dem Boden. Wieder ertönte das kurze Geräusch unter ihrer Sohle. Als sie ihm den Stiefel erneut entgegenhielt, bemerkte sie sein kurzes Zögern.
„Ich warte.“
Er beeilte sich, ihre Anweisung auszuführen.
„Weintraube, Herrin.“
„Auch richtig.“
Für die dritte Probe nahm sie sich besonders viel Zeit. Sie ließ ihn warten, während sie die Dose schloss und beiseitestellte. Er hörte ihre Schritte, dann spürte er erneut das Gewicht ihres Stiefels in seinen Händen. Wieder folgte er ihrem Befehl.
„Pflaume, Herrin.“
Sie wartete einen Moment.
„Sehr gut, Sklave. Alle drei richtig.“
„Danke, Herrin.“
Sie zog ihren Stiefel zurück und ließ sich wieder in ihrem Sessel nieder.
„Du kannst dich also durchaus konzentrieren, wenn du möchtest.“
„Ja, Herrin.“
„Dann frage ich mich, warum dir das bei den ersten beiden Prüfungen so schwergefallen ist.“
Darauf wusste er keine Antwort. Sie sah auf die sieben Striche. Der Stift blieb liegen.
„Kein weiterer Strich.“
Sie nahm ihm die Augenbinde ab und legte sie neben die Dose. Er blinzelte ins Licht.
„Du siehst überrascht aus.“
„Ich hatte nicht damit gerechnet, Herrin.“
„Womit? Dass du drei richtige Antworten geben kannst?“
„Mit der Art der Prüfung.“
„Dann merk dir eines: Ich habe dir noch längst nicht alles gezeigt.“
Sie schob die Karte mit den sieben Strichen etwas zur Seite und griff nach dem nächsten Umschlag.
SEHEN.
Sie öffnete den vierten Umschlag.
„Nun, Sklave. Nachdem du bei der letzten Prüfung überraschend erfolgreich warst, bin ich gespannt, ob du auch diesmal so aufmerksam bist.“
Drei richtige Antworten ohne neuen Strich. Vielleicht ging es endlich aufwärts.
„Ich werde mein Bestes geben, Herrin.“
„Das erwarte ich.“
Sie legte den geöffneten Umschlag neben sich und nahm die kleine Karte heraus. Sie überflog die Karte.
„Diese Aufgabe wird dir sicherlich gefallen.“
Er blickte neugierig auf.
„Du musst weder etwas erraten, das du nicht kennst, noch dich auf irgendwelche unbekannten Gegenstände verlassen.“
„Ich möchte lediglich wissen, wie aufmerksam du heute bei meiner Ankunft warst.“
Bei ihrer Ankunft? Das war Stunden her.
„Wie viele Knöpfe hatte mein Mantel?“
Knöpfe? Vor Augen hatte er ihre Stiefel, die Latexleggings, die Handschuhe. Nicht die Knöpfe. Er versuchte, sich den Augenblick vor der Haustür noch einmal vorzustellen. Den geöffneten Mantel, der einen Teil ihrer Kleidung verdeckt hatte, und die flüchtige Bewegung, mit der sie ihn anschließend von ihren Schultern gleiten ließ. Acht? Zehn? Vielleicht zwölf?
„Nun?“
Ihre Stimme unterbrach seine Überlegungen.
„Ich überlege noch, Herrin.“
„Das sehe ich. Dabei hattest du meinen Mantel sogar in deinen Händen.“
Sie hatte recht. Er hatte den Mantel selbst aufgehängt, doch sein Blick war anderswo gewesen.
„Ich möchte eine Antwort.“
Er holte tief Luft.
„Zehn Knöpfe, Herrin.“
Sie hob leicht eine Augenbraue.
„Zehn?“
„Ja, Herrin.“
„Du bist dir sicher?“
Wieder diese Frage. Er blieb bei seiner Schätzung.
„Ja, Herrin.“
Sie schwieg. Dann erhob sie sich. Ohne ein weiteres Wort ging sie an ihm vorbei in den Flur. Er hörte ihre Absätze auf dem Boden und kurz darauf das Geräusch eines Kleiderbügels. Oh nein. Sie kam zurück. Über ihrem Arm lag der Mantel, den er ihr bei ihrer Ankunft abgenommen hatte.
„Dann werden wir doch einmal nachsehen.“
Sie hielt den Mantel vor sich und ließ ihn vollständig auseinanderfallen. Er erkannte die beiden Knopfreihen. Zwei Reihen. Warum hatte er nicht daran gedacht? Langsam ließ sie ihren behandschuhten Zeigefinger über die erste Reihe wandern.
„Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben.“
Sie wechselte zur zweiten Reihe.
„Acht. Neun. Zehn.“
Eine kurze Pause.
„Elf. Zwölf. Dreizehn. Vierzehn.“
Sie ließ den Mantel sinken.
„Vierzehn Knöpfe, Sklave.“
Er senkte den Blick.
„Ja, Herrin.“
„Und du hast zehn gesagt.“
„Ja, Herrin.“
„Vier daneben.“
Er hörte das leise Rascheln, als sie den Mantel über die Sessellehne legte. Dann nahm sie den Stift. Sein Blick fiel auf die Karte. Sieben Striche standen bereits darauf. Langsam setzte sie vier weitere daneben. Einen nach dem anderen. Das Kratzen des Stiftes war für einen Moment das einzige Geräusch im Raum. Dann legte sie ihn ab.
„Elf.“
Elf Striche. Zwei Umschläge blieben noch.
„Du hast heute eine bemerkenswerte Begabung dafür, die falschen Dinge im richtigen Moment zu beachten“, stellte sie fest.
Er hob den Kopf.
„Verzeihung, Herrin.“
„Wofür? Weil du meinen Mantel nicht aufmerksam genug betrachtet hast?“
„Ja, Herrin.“
„Ich glaube, deine Aufmerksamkeit galt bei meiner Ankunft eher dem, was sich darunter befand.“
Er schwieg. Sie lachte leise.
„Dachte ich es mir doch.“
Sie griff nach dem Mantel und hielt ihn ihm entgegen.
„Bring ihn zurück. Und diesmal siehst du ihn dir ordentlich an.“
Er nahm ihn entgegen und brachte ihn zur Garderobe. Vierzehn Knöpfe. Zwei Reihen zu sieben. Diese Zahl würde er so schnell nicht wieder vergessen. Als er zurückkehrte, saß sie bereits bequem in ihrem Sessel. Die Karte mit seinen elf Strichen lag gut sichtbar auf dem Tisch.
„Komm her, Sklave.“
Er ging zu ihr und kniete sich auf seinen Platz.
„Vielleicht lernst du heute noch, auf die kleinen Dinge zu achten.“
„Ja, Herrin.“
Sie legte die Hand auf den vorletzten Umschlag.
Sie öffnete den vorletzten Umschlag.
FÜHLEN.
„Nun, Sklave. Bislang hast du bewiesen, dass du mit deinen Augen nicht besonders aufmerksam bist und deinen Ohren nicht immer vertrauen kannst.“
„Mal sehen, ob es deiner Haut besser ergeht.“
Was hatte sie diesmal vorbereitet?
„Augen schließen.“
Er gehorchte. Wenig später legte sie ihm die vertraute Augenbinde an. Ihre behandschuhten Finger befestigten den Verschluss hinter seinem Kopf und strichen kurz durch sein Haar.
„Du bleibst auf den Knien. Ich werde dir nacheinander drei Materialien über die Haut führen. Du sagst mir, was du fühlst.“
„Ja, Herrin.“
„Und denk daran, Sklave. Jeder Fehler bedeutet einen weiteren Strich.“
Elf Striche. Mehr als genug. Sie erhob sich und ging zu ihrer Tasche. Ein Rascheln, dann ihre Schritte hinter ihm.
„Wir beginnen.“
Dann spürte er etwas auf seiner Schulter. Ein feiner Stoff glitt langsam über seine Haut, so leicht, dass er ihn zunächst kaum wahrnahm. Erst als sie ihn über seinen Oberarm führte, konnte er die glatte, weiche Oberfläche deutlicher erkennen. Sie ließ sich Zeit, bewegte den Stoff über seinen Rücken und wieder hinauf zu seinen Schultern. Sein Kopf folgte der Berührung.
„Stillhalten.“
Er richtete sich auf. Das Material wanderte noch einmal über seinen Arm, ehe sie es entfernte.
„Nun?“
„Seide, Herrin.“
„Richtig.“
Sie trat an ihm vorbei und legte den Stoff auf dem Tisch ab.
„War auch nicht besonders schwierig.“
Die erste Antwort saß. Sie nahm das zweite Material.
„Weiter.“
Diesmal berührte etwas Kühleres seinen Nacken. Die Oberfläche war glatter, besaß jedoch einen deutlich festeren Widerstand als die Seide zuvor. Langsam führte sie das Material über seine Schulter und den Oberarm. An einer Stelle spürte er eine feine Naht. Leder. Ganz eindeutig. Doch bevor er antworten konnte, ließ sie das Material ein weiteres Mal über seinen Rücken gleiten.
Er musste sich beherrschen, ihr nicht entgegenzukommen.
„Du sollst dich konzentrieren“, bemerkte sie.
„Das tue ich, Herrin.“
„Ach ja?“
Sie ließ das Material für einen Moment auf seiner Schulter ruhen.
„Dann frage ich mich, weshalb du schon wieder so unruhig wirst.“
Er schwieg. Sie ging langsam um ihn herum.
„Ein wenig Seide, etwas Leder, und schon scheint es dir schwerzufallen, ordentlich stillzuhalten.“
Sie ließ ihn einen Augenblick zappeln.
„Was soll ich nur mit dir machen, Sklave?“
„Verzeihung, Herrin.“
„Du scheinst meine Prüfung jedenfalls ausgesprochen zu genießen.“
Ihr Tonfall nahm eine gespielte Empörung an.
„Dabei habe ich dir eine Aufgabe gestellt und dich nicht aufgefordert, dich von jedem Stück Stoff aus der Fassung bringen zu lassen.“
„Sie haben recht, Herrin.“
„Natürlich habe ich recht.“
Sie entfernte das Material.
„Also? Was war das?“
„Leder, Herrin.“
„Richtig.“
Zwei richtige Antworten. Nur noch eine.
„Du machst dich erstaunlich gut“, bemerkte sie.
„Danke, Herrin.“
„Freu dich nicht zu früh.“
Er hörte, wie sie zum Tisch zurückkehrte und etwas aufnahm. Dann wurden ihre Schritte wieder lauter.
„Das letzte Material.“
Eine kurze Stille folgte. Plötzlich strich etwas Raues über seinen Unterarm. Er zuckte zusammen. Nach der Seide und dem Leder traf ihn die raue Berührung unvorbereitet. Kleine Widerstände kratzten über seine Haut. Sie führte es ein zweites Mal vorsichtig über dieselbe Stelle. Er verzog das Gesicht.
„Na, Sklave?“
Ein Schwamm? Eine Bürste? Es fühlte sich nach ineinander verschlungenen, harten Fasern an. Sie entfernte den Gegenstand. Auf seinem Unterarm blieben einige feine, rötliche Spuren zurück.
„Ich möchte eine Antwort.“
Er überlegte noch einen Augenblick.
„Ein grober Scheuerschwamm, Herrin?“
Sie lächelte.
„Nicht ganz. Stahlwolle.“
Er hob überrascht den Kopf.
„Stahlwolle, Herrin?“
„Ganz genau.“
Sie legte das Material auf dem Tisch ab.
„Hast du damit gerechnet?“
„Nein, Herrin.“
„Das dachte ich mir.“
Ihre behandschuhte Hand legte sich unter sein Kinn und hob seinen Kopf ein wenig an.
„Niemand kennt dich besser als ich, Sklave.“
Er lauschte aufmerksam.
„Ich weiß, wie du auf bestimmte Dinge reagierst. Was dich beruhigt, was dich ablenkt und womit ich dich überraschen kann.“
Sie ließ ihren Blick kurz über seinen Unterarm gleiten.
„Und offenbar habe ich mit meiner Auswahl wieder einmal ins Schwarze getroffen.“
„Das haben Sie, Herrin.“
„Natürlich.“
Sie strich mit ihrem Handschuh einmal über seinen Arm und betrachtete die oberflächlichen Spuren.
„Alles in Ordnung?“
„Ja, Herrin.“
„Gut.“
Sie ließ ihn los und kehrte zu ihrem Sessel zurück.
„Zwei richtige Antworten. Eine falsche.“
Er hörte, wie sie die Karte mit seinen Fehlern aufnahm.
„Insgesamt gar nicht schlecht.“
„Danke, Herrin.“
Sie griff nach dem Stift. Ein einzelnes Kratzen auf dem Papier. Dann legte sie ihn wieder ab.
„Zwölf Striche.“
Nur einer mehr. Diesmal hatte er sich gut geschlagen.
„Nimm die Augenbinde ab.“
Er löste den Verschluss und blinzelte, als das Licht des Wohnzimmers wieder in seine Augen fiel. Sie saß bequem in ihrem Sessel, die Beine übereinandergeschlagen, und betrachtete die Karte mit seinen Fehlern. Sauber standen zwölf Striche nebeneinander. Sie hob den Blick.
„Komm näher.“
Er bewegte sich auf den Knien zu ihr. Sie betrachtete ihn einen Augenblick, ehe sie ihre Hand auf seinen Kopf legte.
„Du hast dich diesmal besser geschlagen.“
Sie ließ ihre Hand noch einen Moment dort ruhen. Dann zog sie sie zurück und wandte ihren Blick zum letzten Umschlag.
Sie nahm den letzten Umschlag vom Tisch.
SCHMERZ.
Ihr Daumen glitt über die Aufschrift. Er wartete auf das Rascheln des Papiers, auf die nächste Aufgabe. Doch statt den Umschlag zu öffnen, legte sie ihn neben die Karte mit seinen Fehlern. Zwölf Striche.
„Nun, Sklave. Ich denke, wir verlegen die letzte Prüfung an einen anderen Ort.“
„An einen anderen Ort, Herrin?“
„Ich glaube, der Inhalt dieses Umschlags kommt in meinem Keller wesentlich besser zur Geltung.“
Der Keller. Sein Blick streifte die Karte mit den zwölf Strichen. Sie nahm sie an sich.
„Die nehmen wir natürlich mit. Schließlich wollen wir nichts vergessen.“
Sie steckte die Karte zusammen mit dem verschlossenen Umschlag in ihre Handtasche. Dann erhob sie sich.
„Auf alle viere.“
Er gehorchte. Sie ging zur Tür.
„Folge mir, Sklave.“
Das vertraute Klacken ihrer Absätze erfüllte den Flur. Er folgte ihr auf Händen und Knien, während sie unbeirrt vorausging. Vor der Kellertür blieb sie stehen. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Das leise Klicken ließ ihn aufhorchen. Sie öffnete die Tür. Vor ihnen führte die Treppe hinunter in den Keller. Er hob den Blick zu ihr.
„Du hast dich heute ganz ordentlich geschlagen“, bemerkte sie.
„Danke, Herrin.“
„Allerdings haben wir noch einiges nachzuholen.“
„Zwölf Striche“, sagte sie, ohne die Tasche noch einmal zu öffnen. „Und ein Umschlag.“
Sie wandte sich zur Treppe. Ein sadistisches Lächeln erschien auf ihren Lippen, als sie die ersten Stufen hinabstieg.
„Nicht trödeln, Sklave.“
Er folgte ihr weiter in den Keller.
Ihre schwarzen Stiefel setzten in gleichmäßigen Abständen auf den Steinplatten auf, ehe Sie unter dem Vordach zum stehen kam und die Klingel betätigte.
Drinnen wartete er.
Zum dritten Mal prüfte er den kleinen Tisch: ein Glas, eine Flasche Wasser, ihre Zigaretten, der Aschenbecher und das Feuerzeug. Alles an seinem Platz. Trotzdem ließ er das Feuerzeug klicken. Es funktionierte, genau wie vor zehn Minuten. Was machte er hier eigentlich?
Den ganzen Nachmittag hatte er ihre Ankunft vorbereitet. Dabei hatte sie nur wenig verlangt: ein ordentliches Wohnzimmer, ihre Sachen in Reichweite und ihn selbst in nichts als einer schwarzen Unterhose. Was danach geschehen sollte, hatte sie offengelassen. Ein einziger Hinweis hätte genügt, um seine Gedanken stundenlang zu beschäftigen. Das wusste sie. Wahrscheinlich war gerade deshalb keiner gekommen.
Noch wenige Minuten. Was würde sie tragen? Wie würde sie ihn begrüßen? Vielleicht mit jener wortlosen Prüfung, bei der ihr Blick genügte, um ihm jede vorbereitete Antwort zu nehmen. Er rückte das Glas ein letztes Mal zurecht. Da klingelte es.
Endlich. Auf dem Weg zur Haustür versuchte er, langsamer zu atmen. Hinter dem Holz wartete die Frau, deren Ankunft er seit Tagen herbeigesehnt hatte. Seine Hand ruhte einen Herzschlag lang auf der Klinke. Dann öffnete er.
Da stand sie. Seine Aufmerksamkeit blieb an den hohen schwarzen Stiefeln hängen, deren Oberfläche das Flurlicht spiegelte. Unter dem geöffneten Mantel glänzten eng anliegende Latexleggings; darüber ein dunkles Oberteil, dazu Handschuhe. Er hob den Blick. Auf ihren Lippen lag die Andeutung eines Lächelns. Sein vorbereiteter Gruß war verschwunden.
„Guten Abend, Herrin.“
Sie erwiderte den Gruß mit einem knappen Nicken und trat über die Schwelle. Ihr Parfüm zog mit ihr in den Flur. Vertraut genug, um für einen Moment Bilder früherer Abende wachzurufen. Er hätte gern länger bei ihr gestanden. Doch sie streifte bereits ihren Mantel ab.
Schnell trat er näher und nahm ihn entgegen. Als der Stoff über ihre Schultern glitt, strich das glatte Material ihres Handschuhs kurz über seinen Handrücken. Ein leises Quietschen begleitete die Bewegung. Seine Aufmerksamkeit folgte ihrer Hand.
„Stopp.“
Augenblicklich blickte er auf.
„Was hast du vergessen?“
Sein Blick wanderte zum Mantel, dann zur Garderobe. Was konnte sie meinen? Erst jetzt bemerkte er ihre Handtasche.
„Ihre Tasche, Herrin.“
„Richtig. Und warum trage ich sie noch?“
„Entschuldigung, Herrin. Ich war unaufmerksam.“
„Offensichtlich. Ich erwarte, dass du dich um solche Dinge kümmerst, ohne dass ich dich daran erinnern muss.“
„Ja, Herrin.“
„Nimm sie.“
Schnell nahm er ihr die Tasche ab und stellte sie an den vorgesehenen Platz, bevor er den Mantel sorgfältig aufhängte. Ausgerechnet jetzt. Stundenlang hatte er alles kontrolliert. Kaum stand sie vor ihm, vergaß er das Naheliegendste. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, stand sie noch immer an derselben Stelle.
„Komm her.“
Er trat vor sie.
„Sieh mich an.“
Ihr Blick ruhte auf seinem Gesicht.
„Du bist nervös.“
„Ja, Herrin.“
„Du hast dir wieder viel zu viele Gedanken gemacht, nicht wahr?“
Er zögerte kurz.
„Ja, Herrin. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, was Sie heute mit mir vorhaben.“
„Und? Bist du zu einem Ergebnis gekommen?“
„Nein, Herrin.“
„Gut.“
Sie legte ihre behandschuhte Hand an seine Wange. Er schloss die Augen, noch bevor er es bemerkte. Ihr Daumen strich einmal über seine Haut. Der Atem, den er die ganze Zeit angehalten zu haben schien, löste sich.
„Du musst nicht wissen, was ich vorhabe“, sagte sie ruhig. „Du musst aufmerksam sein und auf mich hören. Alles andere überlässt du mir.“
„Ja, Herrin.“
Sie zog ihre Hand zurück.
„Dann zeig mir jetzt, dass du wenigstens deine Begrüßung nicht vergessen hast.“
Langsam ging er vor ihr auf die Knie und senkte den Kopf. Seine Lippen berührten für einen kurzen Moment das glatte Leder ihres Stiefels. Anschließend richtete er seinen Oberkörper auf. Ein Lichtstreifen wanderte über den Stiefelschaft, als sie das Bein bewegte. Sein Blick folgte ihm.
„Sklave.“
Er hob den Kopf.
„Ja, Herrin?“
„Habe ich dir erlaubt, aufzustehen?“
„Nein, Herrin.“
Erst jetzt bemerkte er, dass er bereits eine Hand auf den Boden gesetzt hatte, um sich aufzurichten.
„Und warum bereitest du dich dann darauf vor?“
Verdammt. Schon wieder.
„Ich war unaufmerksam, Herrin.“
„Zweimal innerhalb weniger Minuten.“
Sie betrachtete ihn streng. Dann setzte sie die Sohle eines Stiefels auf seinen Handrücken. Der unerwartete Druck ließ ihn erstarren. Als sie ihr Gewicht etwas verlagerte, verzog er leicht das Gesicht. Sie beobachtete seine Reaktion. Sie wartete, bis er wieder zu ihr aufblickte.
„Ist deine Aufmerksamkeit jetzt wieder bei mir?“
„Ja, Herrin.“
„Das will ich hoffen.“
Sie nahm den Stiefel von seiner Hand.
„Betrachte das als deine letzte freundliche Erinnerung. Ich werde dir heute nicht ständig hinterherlaufen müssen, um deine Gedanken einzufangen.“
„Verstanden, Herrin.“
„Gut.“
Er blieb vor ihr knien. Die Hand pochte noch leicht; wenigstens irrten seine Gedanken nicht mehr durch den kommenden Abend. Als er sich aufrichten wollte, hielt sie ihn zurück.
„Du bleibst unten.“
Sofort verharrte er. Sie wandte sich dem Wohnzimmer zu.
„Auf allen vieren. Folge mir.“
Er setzte die zweite Hand auf den Boden und folgte ihr durch den Flur. Vor ihm bewegten sich ihre schwarzen Stiefel in gleichmäßigen Schritten über die Dielen. Das vertraute Klacken ihrer Absätze begleitete ihn, während seine Handflächen über den kühlen Boden wanderten. Er hatte sich ihren gemeinsamen Weg ins Wohnzimmer anders ausgemalt. Nun sah er vor allem ihre Absätze und die Dielen unter seinen Händen.
Im Wohnzimmer angekommen, ließ sie sich in dem vorbereiteten Sessel nieder. Sie schlug die Beine übereinander und deutete auf den Boden unmittelbar vor sich.
„Platz.“
Er kniete sich an die angewiesene Stelle und wartete. Ihr Blick wanderte prüfend über ihn.
„So ist es richtig.“
Diesmal hatte er keinen Fehler gemacht.
„Meine Zigaretten.“
Er bewegte sich zum kleinen Tisch, nahm die Schachtel und hielt sie ihr entgegen. Sie entnahm eine Zigarette und führte sie an ihre Lippen. Ohne weitere Aufforderung griff er zum Feuerzeug und entzündete sie. Die kleine Flamme spiegelte sich im glänzenden Material ihres Handschuhs. Sie nahm einen tiefen ersten Zug, beugte sich leicht zu ihm vor und blies ihm den Rauch genüsslich ins Gesicht. Er rümpfte die Nase.
„So schmecken sie einfach am besten“, bemerkte sie mit einem breiten Grinsen.
Anschließend lehnte sie sich zufrieden zurück, während er den Aschenbecher in ihre Reichweite stellte.
„Brav.“
Er kehrte an seinen Platz zurück. Eine Weile betrachtete sie ihn schweigend. Sein Blick fiel auf die Handtasche. Sie bemerkte es.
„Du möchtest etwas fragen.“
„Ja, Herrin.“
„Dann frag.“
„Was haben Sie heute mit mir vor?“
Sie zog eine Augenbraue hoch.
„Glaubst du, dass ich dir das jetzt verrate?“
„Nein, Herrin.“
„Warum fragst du dann?“
„Weil ich es unbedingt wissen möchte.“
Sie lachte leise.
„Wenigstens bist du ehrlich.“
Dann griff sie nach ihrer Handtasche, öffnete sie und entnahm mehrere weiße Umschläge. Langsam legte sie einen nach dem anderen auf den Tisch. Sechs an der Zahl. Jeder trug eine einzelne Aufschrift. HÖREN. RIECHEN. SCHMECKEN. SEHEN. FÜHLEN. SCHMERZ. Seine Augen glitten von Wort zu Wort. Am letzten Umschlag blieb sein Blick hängen.
SCHMERZ.
Unwillkürlich erinnerte er sich an die Zurechtweisung im Flur. War das bereits ein Vorgeschmack gewesen?
„Welcher Umschlag beschäftigt dich gerade?“
Er hob den Kopf.
„Der letzte, Herrin.“
„Warum?“
„Weil ich nicht weiß, was Sie damit meinen.“
„Bei den anderen weißt du es?“
„Nein, Herrin.“
„Dann hör auf, dir über Dinge Gedanken zu machen, die du ohnehin noch nicht wissen kannst.“
Sie legte einen Finger auf den ersten Umschlag.
„Heute werden wir herausfinden, wie aufmerksam du wirklich bist. Wie gut du deine Sinne einsetzt, woran du dich erinnerst und wie leicht du dich ablenken lässt.“
Er betrachtete die Umschläge erneut.
„Jede Aufgabe enthält Fragen oder Entscheidungen. Für jede richtige Antwort bleibst du von einer Strafe verschont.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Jede falsche Antwort wird dich begleiten. Bei Schätzungen zählt jeder Schritt, den du danebenliegst.“
Er hob den Blick.
„Wie meinen Sie das, Herrin?“
„Ganz einfach. Ich werde mir jeden deiner Fehler merken. Sie bleiben bestehen, bis unser Spiel beendet ist. Erst dann werden wir uns darum kümmern.“
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Und solltest du heute tatsächlich alles falsch machen, wirst du dich vermutlich noch etwas länger an diesen Abend erinnern.“
Er sah wieder auf die sechs Umschläge.
„Jetzt wirst du nachdenklich.“
„Ja, Herrin.“
„Gut. Vielleicht hilft dir das, dich endlich zu konzentrieren.“
Sie betrachtete ihn noch einen Augenblick.
„Unsere vereinbarten Grenzen gelten selbstverständlich auch heute. Gelb bedeutet langsamer oder Pause, Rot beendet das Spiel. Die Klopfzeichen kennst du.“
„Ja, Herrin.“
„Ich möchte deine ehrlichen Antworten. Keine Ausreden und keine Versuche, mir einfach nach dem Mund zu reden.“
„Verstanden, Herrin.“
„Dann können wir beginnen.“
Sie nahm den ersten Umschlag.
HÖREN.
Sie öffnete ihn und zog eine kleine Karte hervor.
„Beginnen wir mit etwas, das dir eigentlich vertraut sein sollte.“
Sie legte die Karte neben sich und nahm ihr Smartphone zur Hand.
„Ich habe vier kurze Videoaufnahmen vorbereitet. Auf jeder wirst du Schritte hören. Deine Aufgabe besteht darin, herauszufinden, auf welchen Aufnahmen du mich hörst.“
Er blickte auf ihre Stiefel. Das sollte zu schaffen sein. Das Klacken ihrer Stiefel hatte ihn gerade erst durch den Flur begleitet.
„Die Aufnahmen werden nur einmal abgespielt. Wie viele davon zu mir gehören, verrate ich dir nicht.“
Sie ließ ihren Blick kurz auf ihm ruhen.
„Schließ die Augen und konzentrier dich.“
Er folgte ihrem Befehl. Ein leises Tippen auf dem Display, dann begann die erste Aufnahme. Klack. Klack. Klack. Die Schritte waren gleichmäßig, beinahe gemächlich. Jeder Absatz setzte mit einem deutlichen, harten Klang auf, gefolgt von einem etwas leiseren Geräusch. Er kannte diesen Rhythmus. Natürlich. Genau so hatte sie sich vorhin durch den Flur bewegt. Die Aufnahme verstummte.
„Nummer eins“, sagte sie.
Nach einer kurzen Pause begann das zweite Video. Diesmal waren die Schritte deutlich schneller. Klack-klack. Klack-klack. Die Absätze schlugen in kurzen Abständen auf den Boden. Zwischendurch entstand ein unregelmäßiger Rhythmus, begleitet von einem leichten Scharren. Er runzelte die Stirn. Nein. Das klang anders. Viel zu hastig. Ihre Schritte waren gewöhnlich ruhiger und gleichmäßiger.
„Nummer zwei.“
Er versuchte, sich beide Geräusche einzuprägen. Das dritte Video begann. Ein einzelner Absatz schlug hörbar auf. Klack. Eine kurze Pause. Klack. Klack. Die Schritte waren langsamer und klangen schwerer als zuvor. Ein leichtes Knarren begleitete das Auftreten. Sein Gesicht hellte sich auf. Das mussten ihre Stiefel sein. Dieser gemächliche, beinahe selbstverständliche Gang. Er hatte ihn schon unzählige Male gehört.
„Nummer drei.“
Noch eine Aufnahme. Diesmal waren die Schritte zunächst kaum zu hören. Gedämpfte Geräusche wechselten sich mit einzelnen, deutlich härteren Absätzen ab. Dann folgte ein kurzer, schneller Rhythmus. Ein leises Scharren. Wieder mehrere gedämpfte Schritte. Er lauschte angestrengt. Was sollte das denn sein? Vielleicht eine andere Art von Schuhen. Oder ein wesentlich weicherer Boden.
Jedenfalls konnte er darin nichts von dem vertrauten Klang ihrer Stiefel wiedererkennen. Die Aufnahme endete.
„Nummer vier.“
Stille. Er ging die vier Rhythmen noch einmal in Gedanken durch. Die erste Aufnahme war eindeutig gewesen. Bei der dritten war er sich ebenfalls ziemlich sicher. Die zweite und vierte dagegen? Nein. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie derart unterschiedlich klang.
„Nun, Sklave?“
Ihre Stimme unterbrach seine Gedanken.
„Welche Aufnahmen gehören zu mir?“
„Nummer eins und drei, Herrin.“
Sie antwortete nicht sofort.
„Nur diese beiden?“
Er überlegte. War das bereits ein Hinweis? Vielleicht hatte er doch etwas überhört. Aber wenn er jetzt seine Antwort änderte, nur weil sie noch einmal nachfragte, würde sie das sicherlich bemerken.
„Ja, Herrin.“
„Du bist dir sicher?“
Er zögerte.
„Ziemlich sicher, Herrin.“
„Ziemlich sicher“, wiederholte sie.
„Dann öffne deine Augen.“
Er blickte auf. Sie hielt ihm das Smartphone entgegen und startete die erste Aufnahme erneut. Auf dem Display waren ihre schwarzen Stiefel zu sehen, die mit gleichmäßigen Schritten über einen gefliesten Boden gingen. Genau wie erwartet.
„Nummer eins“, sagte sie. „Richtig.“
Sie wechselte zur zweiten Aufnahme. Wieder waren Schritte zu hören. Diesmal zeigte das Video eine Frau, die mit deutlich schnellerem Tempo über einen gepflasterten Weg ging. Ihre schwarzen Stiefel. Er blinzelte. Das waren tatsächlich ihre Stiefel.
„Nummer zwei“, sagte sie ruhig. „Ebenfalls ich.“
Er blickte überrascht zu ihr auf.
„Weiter.“
Die dritte Aufnahme zeigte sie auf einem Holzboden. Ihre Schritte waren langsam und bewusst gesetzt, das gelegentliche Knarren der Dielen hatte den Klang zusätzlich verändert.
„Nummer drei. Richtig.“
Nun folgte das letzte Video. Sie ging über einen weichen Teppich, der einen Großteil des Geräusches verschluckte. Erst als sie den angrenzenden Fliesenboden erreichte, erklang wieder das vertraute Klacken ihrer Absätze. Er starrte auf das Display. Alle vier? Tatsächlich alle vier? Sie legte das Smartphone beiseite.
„Nun?“
Er hob den Blick.
„Alle vier Aufnahmen waren von Ihnen, Herrin?“
„Ganz genau.“
Verdammt. Sie hatte nie behauptet, dass fremde Frauen auf den Aufnahmen zu hören waren. Diese Bedingung hatte er selbst hinzugefügt.
„Du hast nach dem Geräusch gesucht, das du von mir kennst“, bemerkte sie.
Er nickte.
„Ja, Herrin.“
„Aber nicht daran gedacht, dass ich auch anders gehen kann.“
„Nein, Herrin.“
„Und dass sich derselbe Stiefel auf verschiedenen Böden vollkommen unterschiedlich anhören kann.“
Er betrachtete ihre Stiefel. Er hatte geglaubt, sie unter vielen anderen wiederzuerkennen.
„Sie haben mich ganz schön erwischt, Herrin.“
„Allerdings.“
Sie lehnte sich zufrieden zurück.
„Und das war erst die erste Aufgabe.“
Sie nahm die Karte und setzte zwei kurze Striche darauf. Er beobachtete ihre Hand. Zwei Striche. Zwei Fehler. Schon jetzt.
„Nummer eins und drei hast du richtig erkannt. Dafür geschieht dir nichts.“
Sie legte die Karte zurück auf den Tisch.
„Aber bei Nummer zwei und vier hast du dich geirrt.“
Ihr Blick traf seinen.
„Zwei Fehler, Sklave.“
„Ja, Herrin.“
„Ich hoffe, du hast etwas daraus gelernt.“
Er nickte.
„Das habe ich, Herrin.“
„Dann werden wir sehen, ob du es bei der nächsten Aufgabe besser machst.“
Zwei Fehler. Noch fünf Umschläge.
Sie nahm den zweiten Umschlag.
RIECHEN.
„Vielleicht stellst du dich mit deiner Nase geschickter an als mit deinen Ohren.“
„Das hoffe ich, Herrin.“
„Wir werden sehen.“
Sie legte den Umschlag beiseite und griff nach ihrer Handtasche.
„Schließ deine Augen.“
Er gehorchte. Kurz darauf spürte er, wie sie ihm eine Augenbinde anlegte. Ihre Finger strichen beim Verschließen kurz durch sein Haar, ehe sie prüfte, ob die Binde richtig saß.
„Kannst du etwas sehen?“
„Nein, Herrin.“
„Gut. Dann werden wir herausfinden, wie aufmerksam deine Nase ist.“
In ihrer Tasche raschelte es. Parfüm? Hatte sie verschiedene Düfte vorbereitet? Noch während er darüber nachdachte, berührte etwas Weiches sein Gesicht. Stoff. Sie hielt ihm offenbar ein Kleidungsstück unmittelbar vor die Nase.
„Riech.“
Er atmete vorsichtig ein. Es roch nach sauberer Wäsche, höchstens mit einer schwachen fremden Note. Er atmete noch einmal ein.
„Und?“, fragte sie.
„Ich bin mir noch nicht sicher, Herrin.“
„Dann streng dich an.“
Sie ließ ihm einen weiteren Augenblick, ehe sie den Stoff entfernte.
„Weißt du, was das war?“
„Nein, Herrin.“
„Meine Socken.“
Socken. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Und jetzt möchte ich wissen, wie viele Tage ich diese Socken bereits getragen habe.“
Wie viele Tage? Nichts an dem Geruch deutete auf langes Tragen hin. Ein Tag vielleicht. Aber warum hätte sie die Socken sonst mitgebracht? Zwei? Drei? Sein Kopf suchte nach einer Falle, nicht mehr nach einem Geruch.
„Nun, Sklave?“
Er zögerte.
„Ich überlege noch, Herrin.“
„Das merke ich. Aber ich habe nicht den ganzen Abend Zeit.“
Die erste Prüfung saß ihm noch im Nacken. Wieder würde sie ihn nicht so leicht erwischen.
„Fünf Tage, Herrin.“
Stille. Eine unangenehm lange Stille.
„Wie bitte?“
Ihre Stimme hatte sich verändert.
„Fünf Tage, Herrin“, wiederholte er vorsichtiger.
„Fünf Tage?“
Sie ließ die Worte einen Moment im Raum stehen.
„Du glaubst allen Ernstes, ich würde fünf Tage lang dieselben Socken tragen?“
Oh nein.
„Nein, Herrin, ich dachte nur …“
„Was du gedacht hast, habe ich gehört.“
Eine kurze, scharfe Ohrfeige unterbrach seinen Versuch, sich zu erklären. Überrascht drehte er den Kopf zur Seite. Wärme breitete sich in seiner Wange aus, während er einen Augenblick brauchte, um sich wieder zu sammeln.
„Sieh mich an.“
Er wandte ihr das Gesicht zu, obwohl die Augenbinde ihm weiterhin die Sicht nahm.
„Du solltest dir wirklich überlegen, was du deiner Herrin zutraust.“
„Verzeihung, Herrin.“
Die Wange war noch warm. Er hielt den Kopf zu ihr gewandt und wartete.
„Wie lange habe ich sie nun getragen?“
Er wagte keine weitere Vermutung.
„Ich weiß es nicht, Herrin.“
„Überhaupt nicht.“
Er schwieg.
„Frisch gewaschen. Keinen einzigen Tag getragen.“
Frisch gewaschen. Er hatte es beinahe gerochen und sich selbst davon abgebracht.
„Fünf Tage hast du geschätzt“, stellte sie fest. „Fünf Tage daneben.“
Er hörte, wie sie nach dem Stift griff.
„Das macht fünf weitere Striche.“
Das Kratzen des Stiftes durchbrach die Stille. Sie setzte fünf Striche, einen nach dem anderen. Anschließend legte sie den Stift ab.
„Sieben Striche, Sklave.“
„Ja, Herrin.“
Sie nahm ihre Zigarette aus dem Aschenbecher, zog ein letztes Mal tief daran und beugte sich zu ihm vor. Langsam blies sie ihm den Rauch ins Gesicht. Er rümpfte die Nase und wandte den Kopf ein wenig ab. Er konnte nicht sehen, wie breit sie lächelte. Sieben Striche bereits. Ihr Lächeln vertiefte sich. Dann drückte sie die Zigarette aus.
„Weiter geht’s.“
Sie zog den dritten Umschlag heran.
SCHMECKEN.
„Deine Augenbinde bleibt auf.“
Er nickte. Ein Reißverschluss wurde geöffnet, anschließend hörte er das leise Klappern einer Dose. Sie nahm etwas heraus und aß es. Was es war, verriet das leise Kauen nicht.
„Möchtest du auch etwas, Sklave?“
„Ja, Herrin.“
„Dann streck deine Hände aus.“
Er hielt beide Hände vor sich, die Handflächen nach oben. Sie erhob sich. Das Klacken ihrer Absätze ertönte unmittelbar vor ihm, gefolgt von einem leisen, feuchten Geräusch, als sie etwas unter ihrem Stiefel zerdrückte.
„Hände ruhig halten.“
Er gehorchte. Kurz darauf legte sie ihren Stiefel in seine ausgestreckten Hände.
„Deine Aufgabe ist einfach. Du erkennst drei Früchte. Jede richtige Antwort erspart dir einen weiteren Strich.“
Sie gab ihm die erste Kostprobe auf die von ihr bestimmte Weise. Er zögerte kurz, bevor er ihrer Anweisung folgte.
„Nun?“
„Banane, Herrin.“
„Richtig.“
Sie nahm den Stiefel zurück. Ein zweites Fruchtstück landete auf dem Boden. Wieder ertönte das kurze Geräusch unter ihrer Sohle. Als sie ihm den Stiefel erneut entgegenhielt, bemerkte sie sein kurzes Zögern.
„Ich warte.“
Er beeilte sich, ihre Anweisung auszuführen.
„Weintraube, Herrin.“
„Auch richtig.“
Für die dritte Probe nahm sie sich besonders viel Zeit. Sie ließ ihn warten, während sie die Dose schloss und beiseitestellte. Er hörte ihre Schritte, dann spürte er erneut das Gewicht ihres Stiefels in seinen Händen. Wieder folgte er ihrem Befehl.
„Pflaume, Herrin.“
Sie wartete einen Moment.
„Sehr gut, Sklave. Alle drei richtig.“
„Danke, Herrin.“
Sie zog ihren Stiefel zurück und ließ sich wieder in ihrem Sessel nieder.
„Du kannst dich also durchaus konzentrieren, wenn du möchtest.“
„Ja, Herrin.“
„Dann frage ich mich, warum dir das bei den ersten beiden Prüfungen so schwergefallen ist.“
Darauf wusste er keine Antwort. Sie sah auf die sieben Striche. Der Stift blieb liegen.
„Kein weiterer Strich.“
Sie nahm ihm die Augenbinde ab und legte sie neben die Dose. Er blinzelte ins Licht.
„Du siehst überrascht aus.“
„Ich hatte nicht damit gerechnet, Herrin.“
„Womit? Dass du drei richtige Antworten geben kannst?“
„Mit der Art der Prüfung.“
„Dann merk dir eines: Ich habe dir noch längst nicht alles gezeigt.“
Sie schob die Karte mit den sieben Strichen etwas zur Seite und griff nach dem nächsten Umschlag.
SEHEN.
Sie öffnete den vierten Umschlag.
„Nun, Sklave. Nachdem du bei der letzten Prüfung überraschend erfolgreich warst, bin ich gespannt, ob du auch diesmal so aufmerksam bist.“
Drei richtige Antworten ohne neuen Strich. Vielleicht ging es endlich aufwärts.
„Ich werde mein Bestes geben, Herrin.“
„Das erwarte ich.“
Sie legte den geöffneten Umschlag neben sich und nahm die kleine Karte heraus. Sie überflog die Karte.
„Diese Aufgabe wird dir sicherlich gefallen.“
Er blickte neugierig auf.
„Du musst weder etwas erraten, das du nicht kennst, noch dich auf irgendwelche unbekannten Gegenstände verlassen.“
„Ich möchte lediglich wissen, wie aufmerksam du heute bei meiner Ankunft warst.“
Bei ihrer Ankunft? Das war Stunden her.
„Wie viele Knöpfe hatte mein Mantel?“
Knöpfe? Vor Augen hatte er ihre Stiefel, die Latexleggings, die Handschuhe. Nicht die Knöpfe. Er versuchte, sich den Augenblick vor der Haustür noch einmal vorzustellen. Den geöffneten Mantel, der einen Teil ihrer Kleidung verdeckt hatte, und die flüchtige Bewegung, mit der sie ihn anschließend von ihren Schultern gleiten ließ. Acht? Zehn? Vielleicht zwölf?
„Nun?“
Ihre Stimme unterbrach seine Überlegungen.
„Ich überlege noch, Herrin.“
„Das sehe ich. Dabei hattest du meinen Mantel sogar in deinen Händen.“
Sie hatte recht. Er hatte den Mantel selbst aufgehängt, doch sein Blick war anderswo gewesen.
„Ich möchte eine Antwort.“
Er holte tief Luft.
„Zehn Knöpfe, Herrin.“
Sie hob leicht eine Augenbraue.
„Zehn?“
„Ja, Herrin.“
„Du bist dir sicher?“
Wieder diese Frage. Er blieb bei seiner Schätzung.
„Ja, Herrin.“
Sie schwieg. Dann erhob sie sich. Ohne ein weiteres Wort ging sie an ihm vorbei in den Flur. Er hörte ihre Absätze auf dem Boden und kurz darauf das Geräusch eines Kleiderbügels. Oh nein. Sie kam zurück. Über ihrem Arm lag der Mantel, den er ihr bei ihrer Ankunft abgenommen hatte.
„Dann werden wir doch einmal nachsehen.“
Sie hielt den Mantel vor sich und ließ ihn vollständig auseinanderfallen. Er erkannte die beiden Knopfreihen. Zwei Reihen. Warum hatte er nicht daran gedacht? Langsam ließ sie ihren behandschuhten Zeigefinger über die erste Reihe wandern.
„Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben.“
Sie wechselte zur zweiten Reihe.
„Acht. Neun. Zehn.“
Eine kurze Pause.
„Elf. Zwölf. Dreizehn. Vierzehn.“
Sie ließ den Mantel sinken.
„Vierzehn Knöpfe, Sklave.“
Er senkte den Blick.
„Ja, Herrin.“
„Und du hast zehn gesagt.“
„Ja, Herrin.“
„Vier daneben.“
Er hörte das leise Rascheln, als sie den Mantel über die Sessellehne legte. Dann nahm sie den Stift. Sein Blick fiel auf die Karte. Sieben Striche standen bereits darauf. Langsam setzte sie vier weitere daneben. Einen nach dem anderen. Das Kratzen des Stiftes war für einen Moment das einzige Geräusch im Raum. Dann legte sie ihn ab.
„Elf.“
Elf Striche. Zwei Umschläge blieben noch.
„Du hast heute eine bemerkenswerte Begabung dafür, die falschen Dinge im richtigen Moment zu beachten“, stellte sie fest.
Er hob den Kopf.
„Verzeihung, Herrin.“
„Wofür? Weil du meinen Mantel nicht aufmerksam genug betrachtet hast?“
„Ja, Herrin.“
„Ich glaube, deine Aufmerksamkeit galt bei meiner Ankunft eher dem, was sich darunter befand.“
Er schwieg. Sie lachte leise.
„Dachte ich es mir doch.“
Sie griff nach dem Mantel und hielt ihn ihm entgegen.
„Bring ihn zurück. Und diesmal siehst du ihn dir ordentlich an.“
Er nahm ihn entgegen und brachte ihn zur Garderobe. Vierzehn Knöpfe. Zwei Reihen zu sieben. Diese Zahl würde er so schnell nicht wieder vergessen. Als er zurückkehrte, saß sie bereits bequem in ihrem Sessel. Die Karte mit seinen elf Strichen lag gut sichtbar auf dem Tisch.
„Komm her, Sklave.“
Er ging zu ihr und kniete sich auf seinen Platz.
„Vielleicht lernst du heute noch, auf die kleinen Dinge zu achten.“
„Ja, Herrin.“
Sie legte die Hand auf den vorletzten Umschlag.
Sie öffnete den vorletzten Umschlag.
FÜHLEN.
„Nun, Sklave. Bislang hast du bewiesen, dass du mit deinen Augen nicht besonders aufmerksam bist und deinen Ohren nicht immer vertrauen kannst.“
„Mal sehen, ob es deiner Haut besser ergeht.“
Was hatte sie diesmal vorbereitet?
„Augen schließen.“
Er gehorchte. Wenig später legte sie ihm die vertraute Augenbinde an. Ihre behandschuhten Finger befestigten den Verschluss hinter seinem Kopf und strichen kurz durch sein Haar.
„Du bleibst auf den Knien. Ich werde dir nacheinander drei Materialien über die Haut führen. Du sagst mir, was du fühlst.“
„Ja, Herrin.“
„Und denk daran, Sklave. Jeder Fehler bedeutet einen weiteren Strich.“
Elf Striche. Mehr als genug. Sie erhob sich und ging zu ihrer Tasche. Ein Rascheln, dann ihre Schritte hinter ihm.
„Wir beginnen.“
Dann spürte er etwas auf seiner Schulter. Ein feiner Stoff glitt langsam über seine Haut, so leicht, dass er ihn zunächst kaum wahrnahm. Erst als sie ihn über seinen Oberarm führte, konnte er die glatte, weiche Oberfläche deutlicher erkennen. Sie ließ sich Zeit, bewegte den Stoff über seinen Rücken und wieder hinauf zu seinen Schultern. Sein Kopf folgte der Berührung.
„Stillhalten.“
Er richtete sich auf. Das Material wanderte noch einmal über seinen Arm, ehe sie es entfernte.
„Nun?“
„Seide, Herrin.“
„Richtig.“
Sie trat an ihm vorbei und legte den Stoff auf dem Tisch ab.
„War auch nicht besonders schwierig.“
Die erste Antwort saß. Sie nahm das zweite Material.
„Weiter.“
Diesmal berührte etwas Kühleres seinen Nacken. Die Oberfläche war glatter, besaß jedoch einen deutlich festeren Widerstand als die Seide zuvor. Langsam führte sie das Material über seine Schulter und den Oberarm. An einer Stelle spürte er eine feine Naht. Leder. Ganz eindeutig. Doch bevor er antworten konnte, ließ sie das Material ein weiteres Mal über seinen Rücken gleiten.
Er musste sich beherrschen, ihr nicht entgegenzukommen.
„Du sollst dich konzentrieren“, bemerkte sie.
„Das tue ich, Herrin.“
„Ach ja?“
Sie ließ das Material für einen Moment auf seiner Schulter ruhen.
„Dann frage ich mich, weshalb du schon wieder so unruhig wirst.“
Er schwieg. Sie ging langsam um ihn herum.
„Ein wenig Seide, etwas Leder, und schon scheint es dir schwerzufallen, ordentlich stillzuhalten.“
Sie ließ ihn einen Augenblick zappeln.
„Was soll ich nur mit dir machen, Sklave?“
„Verzeihung, Herrin.“
„Du scheinst meine Prüfung jedenfalls ausgesprochen zu genießen.“
Ihr Tonfall nahm eine gespielte Empörung an.
„Dabei habe ich dir eine Aufgabe gestellt und dich nicht aufgefordert, dich von jedem Stück Stoff aus der Fassung bringen zu lassen.“
„Sie haben recht, Herrin.“
„Natürlich habe ich recht.“
Sie entfernte das Material.
„Also? Was war das?“
„Leder, Herrin.“
„Richtig.“
Zwei richtige Antworten. Nur noch eine.
„Du machst dich erstaunlich gut“, bemerkte sie.
„Danke, Herrin.“
„Freu dich nicht zu früh.“
Er hörte, wie sie zum Tisch zurückkehrte und etwas aufnahm. Dann wurden ihre Schritte wieder lauter.
„Das letzte Material.“
Eine kurze Stille folgte. Plötzlich strich etwas Raues über seinen Unterarm. Er zuckte zusammen. Nach der Seide und dem Leder traf ihn die raue Berührung unvorbereitet. Kleine Widerstände kratzten über seine Haut. Sie führte es ein zweites Mal vorsichtig über dieselbe Stelle. Er verzog das Gesicht.
„Na, Sklave?“
Ein Schwamm? Eine Bürste? Es fühlte sich nach ineinander verschlungenen, harten Fasern an. Sie entfernte den Gegenstand. Auf seinem Unterarm blieben einige feine, rötliche Spuren zurück.
„Ich möchte eine Antwort.“
Er überlegte noch einen Augenblick.
„Ein grober Scheuerschwamm, Herrin?“
Sie lächelte.
„Nicht ganz. Stahlwolle.“
Er hob überrascht den Kopf.
„Stahlwolle, Herrin?“
„Ganz genau.“
Sie legte das Material auf dem Tisch ab.
„Hast du damit gerechnet?“
„Nein, Herrin.“
„Das dachte ich mir.“
Ihre behandschuhte Hand legte sich unter sein Kinn und hob seinen Kopf ein wenig an.
„Niemand kennt dich besser als ich, Sklave.“
Er lauschte aufmerksam.
„Ich weiß, wie du auf bestimmte Dinge reagierst. Was dich beruhigt, was dich ablenkt und womit ich dich überraschen kann.“
Sie ließ ihren Blick kurz über seinen Unterarm gleiten.
„Und offenbar habe ich mit meiner Auswahl wieder einmal ins Schwarze getroffen.“
„Das haben Sie, Herrin.“
„Natürlich.“
Sie strich mit ihrem Handschuh einmal über seinen Arm und betrachtete die oberflächlichen Spuren.
„Alles in Ordnung?“
„Ja, Herrin.“
„Gut.“
Sie ließ ihn los und kehrte zu ihrem Sessel zurück.
„Zwei richtige Antworten. Eine falsche.“
Er hörte, wie sie die Karte mit seinen Fehlern aufnahm.
„Insgesamt gar nicht schlecht.“
„Danke, Herrin.“
Sie griff nach dem Stift. Ein einzelnes Kratzen auf dem Papier. Dann legte sie ihn wieder ab.
„Zwölf Striche.“
Nur einer mehr. Diesmal hatte er sich gut geschlagen.
„Nimm die Augenbinde ab.“
Er löste den Verschluss und blinzelte, als das Licht des Wohnzimmers wieder in seine Augen fiel. Sie saß bequem in ihrem Sessel, die Beine übereinandergeschlagen, und betrachtete die Karte mit seinen Fehlern. Sauber standen zwölf Striche nebeneinander. Sie hob den Blick.
„Komm näher.“
Er bewegte sich auf den Knien zu ihr. Sie betrachtete ihn einen Augenblick, ehe sie ihre Hand auf seinen Kopf legte.
„Du hast dich diesmal besser geschlagen.“
Sie ließ ihre Hand noch einen Moment dort ruhen. Dann zog sie sie zurück und wandte ihren Blick zum letzten Umschlag.
Sie nahm den letzten Umschlag vom Tisch.
SCHMERZ.
Ihr Daumen glitt über die Aufschrift. Er wartete auf das Rascheln des Papiers, auf die nächste Aufgabe. Doch statt den Umschlag zu öffnen, legte sie ihn neben die Karte mit seinen Fehlern. Zwölf Striche.
„Nun, Sklave. Ich denke, wir verlegen die letzte Prüfung an einen anderen Ort.“
„An einen anderen Ort, Herrin?“
„Ich glaube, der Inhalt dieses Umschlags kommt in meinem Keller wesentlich besser zur Geltung.“
Der Keller. Sein Blick streifte die Karte mit den zwölf Strichen. Sie nahm sie an sich.
„Die nehmen wir natürlich mit. Schließlich wollen wir nichts vergessen.“
Sie steckte die Karte zusammen mit dem verschlossenen Umschlag in ihre Handtasche. Dann erhob sie sich.
„Auf alle viere.“
Er gehorchte. Sie ging zur Tür.
„Folge mir, Sklave.“
Das vertraute Klacken ihrer Absätze erfüllte den Flur. Er folgte ihr auf Händen und Knien, während sie unbeirrt vorausging. Vor der Kellertür blieb sie stehen. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Das leise Klicken ließ ihn aufhorchen. Sie öffnete die Tür. Vor ihnen führte die Treppe hinunter in den Keller. Er hob den Blick zu ihr.
„Du hast dich heute ganz ordentlich geschlagen“, bemerkte sie.
„Danke, Herrin.“
„Allerdings haben wir noch einiges nachzuholen.“
„Zwölf Striche“, sagte sie, ohne die Tasche noch einmal zu öffnen. „Und ein Umschlag.“
Sie wandte sich zur Treppe. Ein sadistisches Lächeln erschien auf ihren Lippen, als sie die ersten Stufen hinabstieg.
„Nicht trödeln, Sklave.“
Er folgte ihr weiter in den Keller.
Kommentare
Jedem Tierchen sein Plaisierchen! Hier, nicht jedermanns Geschmack! Im Verlag hatten wir mal eine gute Autorin für Auftragsproduktionen, die Ende der 80ger in die Telefonsexszene wechselte, von da in den Femdom-Telefonsex-Bereich und von da in die Domina-Szene. Sie gab uns viele wertvolle Tips für unsere absolut Szene-fremde Mitarbeiterschaft.
Die Autorin beschwerte sich um 2000 wortreich, daß der Nachschub an Prügelstrafen-interessierten Ex-Internatschülern mit gutem Einkommen austrocknete. Die Internate prügelten seit 20 Jahren nicht mehr.
Um 2005 meldete sie sich in einen sicheren Ehehafen ab.